Es ist ein beeindruckendes Bild. Wie der albanische Doppeladler kurz vor Spielbeginn die Tribünen erklimmt. Mächtig. Stark. Mit kräftigen Flügeln. So ist er aufgedruckt auf der riesigen Fahne der albanischen Fans. Direkt hinter dem Tor, das Yann Sommer in der zweiten Halbzeit hüten wird.

Die Albaner sorgen im Spiel gegen die Schweiz in Lens für Stimmung

Die Albaner sorgen im Spiel gegen die Schweiz in Lens für Stimmung

Als die letzten Minuten des Spiels anbrechen, taucht Shkelzen Gashi alleine vor Sommer auf. Der Schweizer Torhüter macht einige Schritte nach vorne. Er baut sich auf, Gashi schiesst. Und scheitert. Sommers Hände gemahnen an die Flügel des prächtigen Doppeladlers. Er vereint alle Kräfte, welche die albanischen Fans eigentlich ihrem Team hätten übertragen wollen. Sommer rettet den Schweizer Sieg. Eigentlich er alleine. Er erhält deshalb in der Einzelkritik die Note 6 - Bestnote!

Yann Sommer rettet gegen Shkelzen Gashi mirakulös

Vielleicht muss man es sich noch einmal in Erinnerung rufen. Das gestrige Spiel war Sommers erster Auftritt als Nationaltorhüter an einem grossen Turnier. Er hat seine Weltklasse gleich gezeigt.

Und es wirkt wie ein Hohn, dass es immer wieder Leute gab, die zweifelten, ob Sommer wirklich gross genug für einen Torhüter sei.

Unter der Woche hat die französische Sportbibel «Equipe» eine Tabelle publiziert mit den Körpergrössen aller Torhüter. Sommer ist mit 1,83 der kleinste Goalie aller 24 EM-Teilnehmer.

Doch die Fehlermachen andere. Zum Beispiel Albaniens Etrit Berisha (fünftgrösster EM-Torhüter), der bei Schärs Kopfballtor nach fünf Minuten sehr schlecht aussieht. Oder Rumäniens Tatarusanu (grösster EM-Torhüter), der gegen Frankreich ein Gegentor verschuldet.

Das Geheimnis der Uefa

Natürlich ist Sommer nach dem Spiel der gefragteste Mann. Wie die Uefa auf die Idee kommen konnte, ihn nicht zum Spieler des Spiels zu wählen, bleibt ihr Geheimnis. Er lacht, als er davon erfährt. Und sagt: «Es hat doch keine Bedeutung, wer so eine Auszeichnung erhält.»

Dann erzählt er von seinen Paraden gegen Gashi und Sadiku, der in der ersten Halbzeit ebenfalls alleine vor ihm zum Abschluss kommt. «Es bleibt kaum Zeit, zu überlegen, wie man reagieren soll. Vieles geschieht instinktiv.»

Sommers Fazit: «Der Sieg ist wichtig fürs Selbstvertrauen. Wir haben in den letzten Tagen gespürt, wie der Druck immer grösser wurde. Jeder hat diesen Sieg erwartet. Darum ist er auch eine Erleichterung.»

Sommer überragte gestern alle. Die Frage ist: Sind die Schweizer im weiteren Verlauf des Turniers fähig, sich dem Niveau ihres Torhüters anzupassen? Natürlich, sie haben ein emotional schwieriges Spiel gewonnen. Das ist es, was in erster Linie zählt.

Trotzdem müssen sie froh sein, die Partie gegen eines der spielerisch wohl schwächsten Teams des gesamten Turniers nicht noch aus den Händen gegeben zu haben. Weil die Effizienz ungenügend ist. Und die Verteidigung haarsträubende Fehlerbegeht.

Die wichtigste Message von Nationaltrainer Vladimir Petkovic lautet darum: «Wir dürfen nicht glauben, dass wir wegen dieser drei Punkte nun schon etwas sind.»

Es sind Worte, die als Warnung dienen müssen. Weil die Gefahr besteht, dass sich einige Spieler bereits nach dem Startsieg als Könige fühlen. «Wir haben zu viel abgewartet. Zu viele Pässe nach hinten gespielt. Wir haben den Gegner eingeladen, gefährlich zu sein», sagt Petkovic. «Es schien, als wären wir selbst von unserem frühen Tor geschockt anstatt die Albaner.» Das trifft es ziemlich gut.

Die Schweiz ist zurück in Montpellier

Schlussgong statt Startschuss

Enttäuschend ist, wie gehemmt die Schweiz nach der roten Karte gegen Albaniens Captain Lorik Cana auftritt. Der Freistoss von Dzemaili unmittelbar danach, der am Pfosten landet, gemahnt eher an einen Schlussgong als an einen Startschuss.

Natürlich, ab und zu kommen die Schweizer zu einigen Chancen. Aber sie vergeben sie nicht nur. Sondern wirken plötzlich wie gelähmt.

Der Sieg in diesem «Bruderduell» tut ihnen trotzdem gut. Vielleicht niemandem mehr als Petkovic. Er weiss genau, dass die Zweifel an ihm noch nicht verschwunden sind. Dieser Erfolg ist ein erster Schritt auf dem Weg zum Siegertrainer. Petkovic darf für sich in Anspruch nehmen, die Schweiz bei ihrer vierten EM-Teilnahme zum ersten Sieg geführt zu haben in einem Spiel, in dem es wirklich um etwas geht.

Wie es dazu kam? Das braucht ab heute niemanden mehr zu kümmern. Am kommenden Mittwoch treffen die Schweizer in Paris auf Rumänien.

Sie haben dann bereits die Möglichkeit, sich für den Achtelfinal zu qualifizieren. Ein Sieg reicht in jedem Fall. Aber selbst ein Unentschieden ist nach menschlichem Ermessen genug dafür – weil auch vier von sechs Gruppendritten weiterkommen.

Vielleicht wachsen ja nach dem gestrigen Erlebnis auch einigen Schweizer Feldspielern Flügel.