Bundesliga
So bereitet sich Borussia Dortmund in Bad Ragaz auf die neue Saison vor

In Bad Ragaz trainiert Borussia Dortmund für die neue Saison. Knapp 300 Fans haben die Schwarzgelben mitgebracht, Fanshop inklusive. Ihnen gefällt es offenbar in der Schweiz ebenso wie den Spielern. Ein Besuch vor Ort.

Etienne Wuillemin und Calvin Stettler, Bad Ragaz
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Dortmund-Verteidiger Marcel Schmelzer: Im Angesicht der härtesten Trainingseinheit des Jahres. Daniel Ammann (2)/Calvin Stettler

Dortmund-Verteidiger Marcel Schmelzer: Im Angesicht der härtesten Trainingseinheit des Jahres. Daniel Ammann (2)/Calvin Stettler

Es ist kurz vor 10.30 Uhr morgens. Ein Rudel Velofahrer nähert sich dem Sportplatz Ri-Au in Bad Ragaz. Es sind die Stars von Borussia Dortmund auf dem Weg zum Training. Der grimmige, müde Blick der Spieler verrät, dass sie am Abend vorher noch ein Testspiel in Luzern (4:1-Sieg) absolvierten. Nur der Trainer, Jürgen Klopp, lacht. Wie fast immer.

Neben dem Eingang stehen Philip und Tizian. Beide haben sie ihre Spontan-Ferien genutzt, um der Fussball-Liebe auch ins Trainingslager zu folgen. Fast 600 Kilometer Fahrt haben die Deutschen aus Westerwald und Koblenz dafür in Kauf genommen. Sie übernachten auf dem nahen Campingplatz. Neben den Trainingsbesuchen blieb kaum mehr Zeit für regionale Sehenswürdigkeiten, wobei: «Die Therme war überragend», sagt Philip. Auf der Wade von Tizian prangt das BVB-Logo als Tattoo. Echte Liebe. Wie’s der Leitspruch des Vereins predigt. Fazit von Philip: «Wir kommen nächstes Jahr wieder! Wobei es mein Budget nicht stören würde, wenn der BVB auch mal nach Tschechien oder Österreich ins Trainingslager fährt.»

Hinter dem Trainingsplatz steht ein schwarz-gelber Truck. Es ist der mobile Fanshop, der Borussia Dortmund auch Auswärtsspielen oder ins Trainingslager begleitet. Christian ist einer der Verkäufer. «Die Begeisterung für unser Team in der Schweiz ist überwältigend.» Das neuste Accessoire im Fanshop ist ein BVB-Kaffee. «Unsere Einkäufer überlegen sich noch, mit welchen Aromen», sagt Christian.

Das Training der Profis ist unspektakulär. Ansprache des Chefs. Übungen für Rumpf und Rücken. Das wars dann auch schon. Den knapp 300 Fans ists egal. Hauptsache, Klopp nimmt sich Zeit für Fotos. Und Marcel Schmelzer schwärmt: «Jedes Training vor so vielen Fans, das gibts auch nicht bei jedem Verein.» Echte Liebe.

Unter dem Vordach der Sportanlage sitzt Jörg Weiler. Der 46-Jährige begleitet Dortmund als Journalist für die «Bild»-Zeitung. Die Schlagzeile an diesem Mittwochmorgen in der «Bild»: Lewandowski: «Ich akzeptiere, dass ich in Dortmund bleiben muss.» Es ist das vorerst letzte Kapitel im Transfer-Streit zwischen Dortmund und Bayern. Journalist Weiler fängt Lewandowski nach dem Training ab, «eine kurze Frage, Robert?» – «Nein, ich sage nichts, gestern habe ich ein Satz gesagt und du hast soooo viel geschrieben darüber», entgegnet der Pole mit den Händen gestikulierend.

Angetan ist Weiler von den Neuzuzügen Aubameyang und Mkhitaryan. Der eine, Aubameyang, läuft die ersten 30 Meter schneller als Usain Bolt (Weiler: «Meine Highlight-Story aus dem Trainingslager»), der andere, Mkhitaryan, spricht fünf Sprachen «und ist sehr reflektierend – grossartig!» Klopp wusste erst nicht, ob er den Nachfolger von Mario Götze «Micki» oder «Mücke» nennen will. Die «Bild» liess ihre Leser abstimmen. 90 Prozent wollen «Micki», «Mücke» ist tot. Und verletzt. Im Testspiel gegen Luzern zog er sich einen Anriss des vorderen Syndesmosebands zu. Er verpasst den Saisonstart.

das Training ist zu Ende, Zeit für Ivan Bonderer. Der 43-Jährige ist seit zehn Jahren Platzwart in Bad Ragaz. Mit Leib und Seele? «Das darf man sagen, ja.» Er schwärmt von der umgänglichen Art der Borussen. Der einzige «Sonderwunsch», den sie hatten, war, dass der Rasen auf 27 anstatt 30 Millimeter Höhe geschnitten wird. Trotzdem sind die drei Wochen, in denen zuerst Dortmund und dann auch noch Wolfsburg zu Gast sind, die intensivsten des Jahres für Bonderer. Als Dank für seine Arbeit lädt Dortmund Bonderer und drei Kollegen jeweils zu einem Spiel ein. Letzte Saison sah er das Derby gegen Schalke. «Ein einmaliges Erlebnis.»

Über Mittag erholen sich die Spieler im Luxushotel Quellenhof. Trainer Klopp bespricht sich bei einem Latte Macchiato mit Ilkay Gündogan. Der neue Verteidiger Sokratis bestreitet die tägliche Medienkonferenz. Die Fragen, die interessieren: «Es gibt Daten, die sagen, du seist schneller als Aubameyang, stimmt das?» («Ich weiss es nicht»). «Dein Spitzname lautet ‹Papa›, übernimmst du auch gerne Verantwortung im Team?» («Wir sind eine Familie, aber klar freu ich mich, wenn ich Vertrauen spüre»).

Weiter zum zweiten Training des Tages. Zuerst aber ein Zwischenstopp bei Mathew Zacharias. Er ist Chef des Campingplatzes, auf dem auch die BVB-Fans Philip und Tizian logieren. Wegen des Gastspiels von Dortmund ist sein Zeltplatz ausgebucht. Sogar die sogenannten «Mobilehomes», die stationierten Wohnmobile. Einen Spontanbesucher schickte der Inder deshalb kurzerhand ins «Bauhaus» ein Zelt kaufen, damit dieser doch noch Unterschlupf fand. Der Eintritt ins Freibad, das Zacharias ebenfalls führt, ist für die Camper frei, «das hat sich positiv auf Ruhe und Ordnung ausgewirkt», sagt er lachend. Im kulinarischen Angebot ist für zehn Tage auch das «Menü BVB»: Currywurst. Und Currywurst spezial – mit indischen Gewürzen.

Kurz vor 17 Uhr betreten die BVB-Profis wieder den Platz. Jetzt folgt die härteste Trainingseinheit des ganzen Jahres überhaupt. 70 Minuten Intervall-Läufe. Körper-Schinden ohne Erbarmen.

Unter den Zuschauern ist mittlerweile auch Norbert «Nobby» Dickel. Der Kult-Stadionspeaker denkt über die neue Saison nach. Was ist möglich für den Vize-Meister und Champions-League-Finalisten? «Es wäre doch bekloppt, zu sagen, wir werden Meister. Wenn der Triple-Gewinner noch einmal 80 Millionen investiert.»

Dickels Blick schweift auf den Platz. «Bald schäumt ihnen der Mund.» Nach diesem Training fährt keiner mehr mit dem Velo ins Hotel.