Benno Tuchschmid

Herr Gilliéron, Sie werden in den nächsten Jahren wohl keine Ferien in Saudi-Arabien buchen.

Peter Gilliéron: (lacht) Das hätte ich so oder so nicht gemacht. Ich werde meine Ferien wie immer in Südafrika verbringen, wenn die WM vorbei ist. Die Schiedsrichterleistungen will ich nicht kommentieren. Das Spiel ist vorbei. Aber ich habe auch schon bessere Schiedsrichterleistungen gesehen.

Da spricht jetzt der Verbandspräsident. Während des Spiels waren Sie wohl nicht so ruhig und ausgeglichen.

Gilliéron: Es war schlimm. Solche Spiele sind ja schon im Stadion kaum auszuhalten, aber im Bett liegend, ist es noch schwerer. Zumal man am Fernseher noch eine total andere Perspektive auf das Spiel hat. Ich war extrem nervös. Als am Schluss Eren Derdiyok noch diese Chance auf dem Fuss hatte, da bin ich fast ausgeflippt. Es war brutal.

Die Schweiz hätte alles klar machen können. Nervt Sie das nicht?

Gilliéron: Eigentlich haben wir jetzt die Ausgangslage, die wir uns vor der WM fürs letzte Spiel wünschten: Mit drei Punkten gegen Honduras können wir noch immer ins Achtelfinale kommen. Es wird jetzt zwar rechnerisch kompliziert, da ein Team am Schluss auch mit sechs Punkten ausscheiden kann. Das Torverhältnis wird entscheidend. Das 0:1 war darum zwar schlimm, aber es ist gut, dass wir nicht noch ein zweites Tor bekommen haben.

Sie bleiben also optimistisch?

Gilliéron: Ich habe gleich nach dem Spiel eine SMS an Ottmar Hitzfeld geschrieben mit dem Inhalt: «Kopf hoch!» Ich gehe sehr optimistisch in das letzte Spiel. Die Nationalmannschaft hat die richtige Einstellung. Wir werden es noch packen.

Ottmar Hitzfeld ist der einzige Star der Nati. Was bringt er dem Team in dieser nicht einfachen Situation?

Gilliéron: Er kann die Spieler unheimlich packen und motivieren. Hitzfeld wird die Spieler mit Einzelgesprächen wieder perfekt einstellen und eine gute Organisation ins Team bringen für den Match gegen Honduras. Ich weiss, dass wir unsere Gegner sehr genau beobachtet haben, nicht nur die Spanier.
Man hat ja schon im ersten Match die Handschrift vom Trainer sehr deutlich gesehen. Allerdings brauchte es jetzt gegen Honduras Tore, das weiss auch Hitzfeld.

Nach dem Sieg gegen Spanien herrschte eine riesige Euphorie im Land. Viele sprachen schon vom Final. Ist es vielleicht sogar gut, dass die Fans wieder etwas auf den Boden zurückgeholt wurden?

Gilliéron: (lacht) Es ist eine Eigenschaft der Schweizer Fussballfans, dass Siege verherrlicht und Niederlagen dramatisiert werden. Wir haben immer gesagt, dass wir die Achtelfinals erreichen wollen und dann weiterschauen. Das bleibt so. Aber es ist doch schön, dass im Land eine solche Euphorie herrscht. Niederlagen gehören zum Fussball. Wichtig ist, dass wir den Platz erhobenen Hauptes verlassen konnten.

Ottmar Hitzfeld wird in der Schweiz schon fast vergöttert und sehr selten kritisiert. Ist das nicht gefährlich?

Gilliéron: Nein, das denke ich nicht. Ottmar Hitzfeld ist enorm selbstkritisch nach Niederlagen. Er braucht keine Kritik von aussen. Aber klar, die Medien gehen mit ihm schonender um. Gerade das Luxemburg-Spiel hat aber gezeigt, dass er sofort Antworten findet. Diese wird er auch gegen Honduras finden.

Ein Erfolgserlebnis bleibt der Schweiz: Noch nie blieb ein Team an Weltmeisterschaften so lange ohne Gegentor.

Gilliéron: Das ist kein echter Trost. Das ist eine Spielerei, vielleicht wird es in ein Statistikbuch eingetragen. Aber klar, es spricht für unsere Verteidigungsarbeit. Nur sind drei Punkte nichts im Vergleich zu einem Weltrekord.

Sie sind nicht dabei in Südafrika. Stehen Sie trotzdem in Kontakt mit der Nationalmannschaft?

Gilliéron: Ich telefoniere regelmässig mit dem Generalsekretär des Verbandes und mit dem Vizepräsidenten und
lasse mich informieren. Und auch mit Ottmar Hitzfeld stehe ich ab und zu in Kontakt. Aber ich mische mich nicht in fussballerische Angelegenheiten ein.
Ich weiss, dass alles gut klappt in Südafrika.

Es gibt ja auch Teams, wo es weniger harmonisch läuft. Im französischen Team herrscht Chaos. Kommt da bei Ihnen Schadenfreude auf?

Gilliéron: Schadenfreude sicher nicht, ich weiss, wie heikel das sein kann. Dazu kommt, dass ich den französischen Verbandspräsidenten kenne. Er tut mir leid. Aber im Innern bin ich glücklich, dass bei uns alles rund läuft, denn wenn es so weit kommt wie bei den Franzosen, dann liegt einiges im Argen. Da ist wohl schon in der Vorbereitung schon vieles falsch gelaufen.