Schweizer Fussball
SFL-CEO Claudius Schäfer: «Über Financial Fairplay nachdenken»

Mit dem FC Wil ist der nächste Schweizer Fussballverein in finanziellen Schwierigkeiten. Für SFL-CEO Claudius Schäfer beginnt jetzt die Suche nach Lösungen, damit sich solche Finanzskandale nicht wiederholen.

Markus Brütsch
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«Beim Financial Fairplay werden grundsätzlich nur nachhaltige Investments zugelassen», sagt SFL-CEO Claudius Schäfer.

«Beim Financial Fairplay werden grundsätzlich nur nachhaltige Investments zugelassen», sagt SFL-CEO Claudius Schäfer.

Keystone

Claudius Schäfer, der aktuelle Fall „FC Wil“ ist die Fortsetzung einer Reihe von Finanzskandalen, die den Schweizer Profifussball in den letzten Jahren erschüttert haben. Hat man sich bei der Swiss Football League mittlerweile daran gewöhnt?

Claudius Schäfer: Nein. Es ist ganz und gar nicht so, dass wir einen solchen Fall inzwischen gelassener nehmen. Wir bedauern die Entwicklung beim FC Wil und hoffen auf eine baldige Lösung.

Macht es die Sache einfacher, dass beim FC Wil mit Roger Bigger nun wieder ein Mann in der Verantwortung steht, der zugleich auch der Finanzchef der Liga ist?

Der grosse Unterschied zu den Fällen FC Biel, AC Bellinzona und Servette ist, dass wir aus Wil sehr proaktiv und transparent informiert worden sind. Dadurch, dass Roger Bigger im SFL-Komitee sitzt, wird der Fall des FC Wil von uns jedoch nicht anders gehandhabt wie die anderen Fälle. Die Wiler arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung und sind in Gesprächen mit den Arbeitnehmern. Dann werden sie uns wieder über den Stand der Diskussionen informieren.

Ist es für die Liga unangenehm, ja vielleicht sogar etwas peinlich, wenn mit Bigger ausgerechnet ein Mann aus den eigenen Reihen den FC Wil nach 2003 nun schon zum zweiten Mal in grösste Schwierigkeiten bringt?

Dazu kann ich mich nicht äussern. Roger Bigger ist im Komitee der SFL, das heisst, er ist ein von der Generalversammlung gewähltes Mitglied. Ich als CEO bin „nur“ angestellt. Ich kann mich deshalb nicht über einen Vorgesetzten äussern. Wir sind froh, dass der FC Wil eine Task Force eingesetzt hat und alles dafür tut, damit der Spielbetrieb aufrechterhalten werden kann. Das ist unser primäres Anliegen.

Diese Task Force hat in der letzten Woche bekannt gegeben, dass bis Ende Februar Klarheit herrschen müsse, ob die Rettung des FC Wil gelingt oder nicht. Ist dies eine realistische Zielsetzung?

Das ist sicher eine grosse Herausforderung, wenn man die arbeitsrechtliche Situation der Arbeitnehmer sieht. Ich finde es jedoch sehr gut, dass sich die Wiler selber eine Deadline gesetzt haben, bis wann der Klub gerettet sein muss. Gelingt das nicht, kommt es wohl zum Konkurs. Zuerst aber müssen sie uns nun bis Ende Februar die Bestätigung der Überweisung der Januar-Löhne einreichen, ansonsten gibt es bereits mindestens drei Punkte Abzug. Dieses Reglement ist nach dem Fall des FC Biel verschärft worden. Überdies ist es offenbar auch so, dass die Muttergesellschaft des FC Wil verkauft worden ist. Das bedeutet, dass auch die Aktien des FC Wil verkauft wurden, was aber nur mit einer Bewilligung unsererseits möglich gewesen wäre. Aber bei uns ist dieses sogenannte kleine Lizenzierungsverfahren nie beantragt worden. Das wird verfahrenstechnisch wohl Konsequenzen haben. Ich gehe auch nicht davon aus, dass der türkische Investor mit seinem Rückzug nun einfach aus dem Schneider ist. Es ist ja vom FC Wil kommuniziert worden, dass man mit Hochdruck versucht, an die zugesagten Mittel heranzukommen. Was allerdings nicht ganz einfach sein wird.

Was würde ein Rückzug des FC Wil für den weiteren Verlauf der Challenge-League-Saison bedeuten?

Die erste Phase würde in der Wertung bleiben, die ausgetragenen Spiele nach der Winterpause würden aus der Wertung fallen. Die Saison würde mit neun Mannschaften zu Ende gespielt, mit dem FC Wil als Absteiger. Das wäre ein grosser Verlust, weil der Abstiegskampf nicht mehr vorhanden wäre.

Gäbe es eine Möglichkeit für die SFL, dem FC Wil zu helfen, damit dieser den Spielbetrieb aufrechterhalten kann? Zum Beispiel durch eine Finanzspritze.

Nein, da wären wir schnell bei einer Ungleichbehandlung gegenüber den anderen Klubs. Das ist nicht möglich.

Wie frustrierend ist es eigentlich für Sie, nach Bellinzona, Xamax, Servette und Biel schon wieder mit einem solchen Fall konfrontiert zu werden?

Es ist deshalb frustrierend, weil die Entwicklung in nicht unerwartet kommt. Nachdem der türkische Investor eingestiegen war, erreichen uns viele kritische Fragen. Wir blieben im Wissen, was in der Vergangenheit mit sogenannten Investoren geschehen ist, immer skeptisch, weil die Absichten für uns nicht erkennbar waren. Ich gebe zu: Da ist bei uns sicher eine gewisse Frustration vorhanden; sicher auch bei der Lizenzkommission, einem unabhängigen Gremium bestehend aus hochqualifizierten Anwälten und Wirtschaftsprüfern, die unsere Rechtsgrundlagen anwenden und die Lizenzgesuche prüfen.

Und die nach dem Einstieg der Türken im Sommer 2015 die Lizenz des FC Wil noch einmal überprüft hatten.

Ja, mit dem kleinen Lizenzverfahren. Zuerst bestätigten die neuen Besitzer das Budget, das noch von der alten Führung eingegeben worden war. Ein Budget von der Grösse, wie es Wil immer gehabt hatte, zwischen zwei und drei Millionen Franken. Und dann sahen wir kurz darauf die neuen Spielerverträge mit den unverhältnismässig hohen Löhnen. Ein paar wenige Spieler füllten damit schon das Budget aus. Danach musste der FC Wil das Budget korrigieren und finanzielle Sicherheiten präsentieren.

Er kam seinen finanziellen Verpflichtungen aber offenbar immer nach.

Stimmt. Während eineinhalb Jahren erhielten wir die erforderlichen Bestätigungen. Weil wir aber sahen, wie viele personelle Wechsel und administrative Probleme es bei Wil gab, auf Trainerstufe wie in der Organisation, blieb die Skepsis gegenüber den Investoren bestehen. Wenn ich direkt mit Mehmet Nazif Günal, dem sogenannten Investor, zu tun hatte, drängte sich jeweils unweigerlich die Frage auf: Was genau ist sein Ziel? Wenn man die Träumereien von der Champions League hörte und die Infrastruktur sah, war klar: Das geht doch gar nicht.

Deshalb wollte Günal ja das Stadion für 45 Millionen Franken ausbauen.

In der Schweiz ist es nun einmal so, dass gewisse Verfahrensschritte eingehalten werden müssen, wenn man ein Stadion bauen oder erweitern will. Das kam für die Investoren wohl unerwartet und es beschlich sie möglicherweise das Gefühl, unerwünscht zu sein.

Die SFL hat ihre Reglemente immer wieder angepasst und verschärft. Sind nun alle Möglichkeiten ausgeschöpft und man muss damit leben lernen, dass immer mal wieder ein Klub Pleite geht?

Wir dürfen niemals aufhören, nach Lösungen zu suchen. Die Regelung mit der hinterlegten Bankgarantie für ein Drittel des Budgets bei einem Wechsel des Eigentümers während der Saison ist erst nach dem Einstieg der Investoren in Wil eingeführt worden. Vielleicht müssen wir nun halt auch mal grössere Eingriffe diskutieren. Wollen wir nach dem Vorbild der Uefa in Richtung Financial Fairplay gehen, gemäss dem nur ein gewisser Teil der Einnahmen drittfinanziert werden kann? Soll es in Zukunft noch möglich sein, dass jemand wie Günal beim FC Wil solch exorbitante Zuschüsse machen kann im Vergleich zu dem, was sonst erwirtschaftet wird durch Ticketeinnahmen und Sponsoring? Bisher sind wir immer zum Schluss gekommen, dass dies ein zu grosser Eingriff wäre.

Was würde die Einführung des Financial Fairplay versprechen?

Es gibt die Breake-even rules. Es darf nicht mehr ausgegeben werden, als eingenommen wird. Dann wird es nicht möglich sein – wie zum Beispiel beim FC Wil – dass der Prozentsatz des Drittzuschusses gegenüber den ordentlichen Einnahmen viel zu hoch ist. Beim Financial Fairplay werden grundsätzlich nur nachhaltige Investments zugelassen. Nur zu einem beschränkten Teil sind sogenannte Drittzuschüsse, die ja irgendwann wegbrechen können, möglich. Wir möchten, dass der Klub eine gute Infrastruktur hat, um Geld zu verdienen. Dass er eine gute Nachwuchsstruktur hat, um Spieler auszubilden und er nicht das ganze Kader zusammenkaufen muss. Und mit dem einen oder anderen Spieler Geld machen kann, wenn er weitertransferiert wird. Das sind nachhaltige Projekte.

Aber viele Schweizer Klubs leben von Drittzuschüssen.

Es sind Klubs, die gut funktionieren und lokal verankert sind. Gemäss Financial Fairplay ist das aber, wie gesagt, nur in einem gewissen Mass zulässig. Man kann zwar schon mehr einschiessen, doch es fliesst dann nicht in die Rechnung rein. Das Financial Fairplay umzusetzen ist deshalb nicht so einfach.

Was bräuchte es, damit das Financial Fairplay eingeführt werden kann?

Bei Verschärfungen des Lizenzreglements braucht man eine Zweidrittelmehrheit der zwanzig Profiklubs. Bisher sind alle Verschärfungsmassnahmen problemlos angenommen worden.

Eine Möglichkeit wären auch Bankgarantien.

Wenn man noch stringentere Hürden – und wir haben schon hohe Hürden − einführen würde, wie zum Beispiel die Bankgarantie, muss man es bei allen Klubs so machen. Die müssten dann plötzlich etwas bringen, bei dem ich nicht sicher bin, ob sie dies auch schaffen würden. Das ist die Krux.

Wenn man die Wiler Saläre anschaut, könnte man sich fragen, ob es nicht eine Gehaltsobergrenze bräuchte.

Das ist ein amerikanisches und australisches Produkt. Im europäischen Rechtsrahmen mit der Personenfreizügigkeit und der Wirtschaftsfreiheit wird es wahrscheinlich schwierig sein, es durchzusetzen. Man könnte ein Gentlemen-Agreement vereinbaren, im Wissen, dass dieses gebrochen werden kann. Problematisch wäre es auch, weil es zwei Spielklassen gibt mit Klubs mit ganz unterschiedlichen Zielsetzungen zwischen Champions League und Ligaerhalt. Ganz ausschliessen möchte ich aber nicht, dass Gehaltsobergrenzen früher oder später auch im europäischen Sportrechtsrahmen diskutiert werden. Jetzt schauen wir uns aber zuerst einmal das Financial Fairplay genauer an.

Abseits vom FC Wil hat der FC Thun chronischen Geldmangel, und nach neuesten Informationen haben sich auch die Finanzprobleme bei GC verschärft. Ist die Schweiz für den Profifussball ein schlechtes Pflaster?

Die Hauptproblematik im Vergleich mit anderen Ländern, die eine ähnliche Grösse wie wir haben, ist das Fernsehgeld. Klar, wir konnten mit dem neuen Fernsehvertrag unsere Einnahmen auf die nächste Saison hin um 70 Prozent steigern, im Klubbudget wird der Bereich TV-Einnahmen jedoch nur von fünf auf zehn Prozent steigen − maximal. Bei vielen anderen Ligen machen sie aber schon dreissig Prozent aus. Dreissig Prozent der Einnahmen, die man generieren muss, hat man also auf sicher. In England sind es wohl siebzig Prozent. Unsere Klubs müssen diese Gelder anders erwirtschaften. Mit einem beschränkten Einnahmepotenzial. Zuschauereinnahmen machen in der Schweiz etwa 35 Prozent der Einnahmen aus. Der Fussball muss sich immer mehr gegen andere Events behaupten.

Das Freizeitangebot ist immens.

Wenn man in Zürich oder anderen Grossstädten die Zeitung aufschlägt und sieht, was für Anlässe man besuchen könnte, ist das eine unglaubliche Palette. Früher hatte der Fussball längst nicht diese grosse Konkurrenz. Sich zu behaupten ist schwierig, aber nicht unmöglich, wie das Beispiel FC St. Gallen zeigt. Was es braucht, ist eine moderne Infrastruktur. Ich spreche jetzt aber nicht von der Hülle eines neuen Stadions. Es muss auch innen stimmen, man muss Geld verdienen können. Es braucht WLAN, damit der Kunde bedient werden kann.

Der Besucher soll möglichst lange im Stadion verweilen.

Die Zeiten sind vorbei, als die Fans ins Stadion kamen, vielleicht noch eine Wurst assen, sich das Spiel anschauten und wieder nach Hause gingen. Die grosse Herausforderung der Klubs ist es, aus einem Spiel einen tollen Event zu machen. Ich bin froh zu sehen, dass sie es nach und nach an die Hand nehmen. Lausanne bekommt ein neues Stadion, Schaffhausen hat schon eines und Aarau folgt hoffentlich auch bald.

Man hat das Gefühl, in der Schweiz hätten mehr Klubs grosse Finanzprobleme als in anderen vergleichbaren Ländern.

Österreich hatte dieses Sorgen auch und hat nun damit reagiert, dass aus der zweiten Profiliga eine Amateurliga wird. Vieles wird runtergefahren. Das ist auch ein Weg, vermutlich aber keiner, um sportlich erfolgreich zu sein. Wenn der Unterbau abgeschafft wird, wie soll das Oberhaus funktionieren? Was man auch berücksichtigen muss: In der Schweiz ist immer alles sehr transparent. Es gibt Verfahren, die sofort an die Hand genommen werden. Es gibt aber Länder wie die Türkei, Spanien, Italien und Griechenland, wo monatelang die Löhne nicht bezahlt werden, ohne dass viel passiert. Bei uns dagegen wird rasch durchgegriffen, um Wettbewerbsverfälschungen zu vermeiden.