Fifa-Wahl
Sepp Blatter: «Die Zeit ist sehr kurz, die ich bei der Fifa verbracht habe»

Joseph S. Blatter bleibt Fifa-Präsident – die Skandale können ihn nicht stoppen. Der 79-jährige Walliser darf 2015 bis 2019 eine fünfte Amtszeit absolvieren – einen Denkzettel erhält er gleichwohl. Eine Reportage vom 65. Fifa-Kongress in Zürich.

Etienne Wuillemin, Zürich
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Nach der Wahl beim Bad in der Menge gewinnt Blatter seine Leichtigkeit zurück, doch er gesteht: «Ich war nervös.»

Nach der Wahl beim Bad in der Menge gewinnt Blatter seine Leichtigkeit zurück, doch er gesteht: «Ich war nervös.»

Arnd Wiegmann /Reuters

Ist es ein ganzer Sieg? Oder doch eher ein halber?

Es ist 19:15 Uhr am Freitagabend im Zürcher Hallenstadion, als Prinz Ali bin Al Hussein das Wort ergreift: «Ich danke Ihnen allen für die Unterstützung. Mit diesen Worten ziehe ich mich als Kandidat für das Fifa-Präsidium zurück.»

Joseph S. Blatter ist gewählt. Er wird 2015 bis 2019 eine fünfte Amtszeit erleben. Er freut sich. Er lacht. Am Ende seiner Siegesrede jubelt er gar: «Let’s go Fifa! Let’s go Fifa!» Es tönt, als müsste er einen Verein anfeuern. Als wäre dieser Verein in ziemlicher Schieflage. Besser könnte man die Lage der Fifa nicht beschreiben.

133 Stimmen erhält Blatter, 73 sein Konkurrent al-Hussein. Eigentlich müsste ein zweiter Wahlgang entscheiden, weil Blatter die erforderte Zweidrittelmehrheit um sieben Stimmen verpasst. Aber der Prinz verzichtet. Und Blatter sagt: «Als ich vorhin in diesem Raum war und auf das Resultat wartete, dachte ich: ‹Gott, Allah, oder wer auch immer dieser übermächtige Geist ist, hilf uns, die Fifa zurückzubringen.›»

Der stumme Protest von Platini

Das Fifa-Volk erweist Blatter die Ehre, erhebt sich zur Standing Ovation und klatsch viel Beifall. Nur einer bleibt ungerührt sitzen und blickt ins Leere, Michel Platini, Uefa-Boss und Blatter-Intimfeind. Dass jener Blatter mit nur 133 Stimmen einen Denkzettel erhalten hat, dass es vielleicht nur ein halber Sieg ist – das alles ist kein Trost für Platini und alle anderen Blatter-Gegner.

Es ist am Ende knapper geworden, als alle gedacht hatten. Aber war Prinz Ali aus Jordanien wirklich eine echte Gefahr für Blatter? Wohl kaum. Zu dünn sein Programm. Zu gering die Unterstützung. Auch nach dem Rückzug der weiteren Anwärter Luis Figo und Michael van Praag. Wahrscheinlich profitierte Prinz Ali von den jüngsten Fifa-Skandalen. Aber eigentlich war er nur ein Verlegenheitskandidat.

Warum das so ist, zeigt sich auch bei seiner Rede. 15 Minuten Zeit bekommt jeder Kandidat, um sich und sein Programm vorzustellen. Es sind Minuten, die der König Blatter fürchtet. Weil er seinen Verfehlungen ins Auge blicken müsste. Wenn sie sein Konkurrent denn erwähnen würde. Aber das tut al-Hussein nicht. Den Namen Blatter erwähnt er nicht ein einziges Mal. Er wiederholt sich immer wieder. Er verliert sich in Allgemeinplätzen. Kurz: Es ist eine schwache Rede.

Im Gegensatz zu Blatter hat er nur diese 15 Minuten während des ganzen Tages. Keine Eröffnungsrede. Keine Zwischenbemerkungen. Nichts. Aber al-Hussein lässt von diesen 15 Minuten auch noch viereinhalb Minuten ungenutzt verstreichen. Einen bemerkenswerten Satz sagt der Prinz dann doch: «Wir müssen der Welt zeigen, dass auch die Fifa dieses Spiel liebt.» Tatsächlich: Bei all den Skandalen hätte leicht der Eindruck entstehen können, es gehen einigen Fifa-Mitgliedern nur um sich selbst, nicht um den Fussball.

Und sonst? Einmal dringt doch noch so etwas wie Leidenschaft durch in seinen Worten. «Wir müssen hungrig sein. Hungrig darauf, der Welt zu zeigen, dass wir ihren Respekt wollen.» Und, natürlich, sieht al-Hussein einen «Silberstreifen am Horizont», am liebsten mit sich selbst im Mittelpunkt. Es bleibt ein frommer Wunsch.

Blatter fällt es leicht, seinen Herausforderer rhetorisch zu überflügeln. «Es braucht eine Evolution, keine Revolution», sagt er. Und dann wird er – wieder einmal – philosophisch. «Viele sagen, ich sei schon zu lange bei der Fifa. Aber was bedeutet schon Zeit? Zeit ist ewig. Ich denke, die Zeit, die ich bei der Fifa verbracht habe, ist sehr kurz. Und das Alter? Das Alter ist doch kein Problem. Es gibt auch Leute, die sind 50 und schauen alt aus.» Blatter ist 79 Jahre alt. Seit Sommer 1975, seit bald 40 Jahren also, ist er bei der Fifa. Seit 17 Jahren ist er ihr Präsident.

Trotz der Wahl: Es sind gerade wieder schwierige Tage, die der Präsident durchschreiten muss. Immer wieder spricht er deshalb von diesem «Sturm», der über die Fifa ziehe. Die Verhaftungen von sieben Fifa-Mitgliedern am Mittwoch in Zürich und sieben weiteren in der ganzen Welt haben auch bei Blatter leise Spuren hinterlassen. Das kann er nicht verstecken. Aber er wird das wieder einmal überstehen. Unbeschadet.

Fachlich gesehen verläuft der 65. Fifa-Kongress genau so, wie sich das Blatter vorgestellt hatte. Organisatorisch nicht. Kaum hat Blatter am Morgen das Wort zur Ansprache ergriffen, wird er gestört von zwei palästinensischen Demonstrantinnen. Blatter ruft: «Security please!» Und bittet das Sicherheitspersonal, die Eingänge fortan bitte etwas besser zu kontrollieren.

Störaktion und Bombendrohung

Es bleibt nicht der einzige Zwischenfall. Kurz vor 12 Uhr eilen die ersten Fifa-Offiziellen herbei und sagen: «Können Sie alle bitte über Mittag das Hallenstadion kurz verlassen? Wir möchten die Tische und Stühle etwas putzen, das ist üblich so bei der Fifa.»

Jedoch: Es handelt sich um eine Bombendrohung. Ein Sprecher der Stadtpolizei Zürich bestätigt den Vorfall kurz darauf. Die Fifa-Mitglieder reagieren völlig gelassen. Wahrscheinlich hilft, dass ohnehin die Mittagspause ansteht. Kurz nach 13:30 Uhr kann der Kongress fortgesetzt werden. Blatter sagt: «Jetzt kann ich wieder lächeln.»

Während die Fifa-Welt im Hallenstadion tagt, präsentiert sich draussen eine völlig andere Welt. Menschen, die protestieren wollen. Gegen die Fifa. Gegen Blatter. Die meisten davon tragen ein grünes Shirt. Es sind Palästinenser, die gegen Israel und für mehr Respekt demonstrieren. Noch können sie nicht ahnen, dass sich die beiden Verbandspräsidenten am späteren Nachmittag unter Beifall die Hand reichen werden. Es ist eine schöne Geschichte. Ganz so, wie sie Präsident Blatter liebt. Weil es eine Geschichte ist, die über den Sport hinausgeht. Weil der Sport ein Vorbild für die Politik ist.

Wäre es nicht ein politisch brisantes Thema, man würde von lustigen und skurrilen Szenen im Hallenstadion schreiben. Zuerst nimmt Jibril Al Rajoub, Präsident des palästinensischen Fussballverbands, den Antrag zurück, Israel aus der Fifa auszuschliessen. Und fordert stattdessen die Fifa auf, für sein Volk zu schauen. Zu schauen, dass die palästinensischen Fussballer Bewegungsfreiheit haben. Zu verhindern, dass israelische Vereine in besetztem Gebiet Meisterschaftsspiele austragen.

Es folgt ein Hin und Her zwischen Aj Rajoub und Ofer Eini, dem Präsident des israelischen Verbands. Jeder darf sich äussern. Zwischendrin sagt Präsident Blatter: «So, jetzt muss ich wieder für ein wenig Ordnung sorgen.» Aber am Ende ist man sich einig. Der Kongress beschliesst: Es wird eine Kommission geben, die sich monatlich trifft und versucht, die Probleme zu lösen.

Zwei Punkte für Unentschieden?

Es gibt auch Leute, die der Fifa anderes vorwerfen – wie Bestechung. Michael Rybner zum Beispiel. «Ich möchte gerne mit einem US-Reporter sprechen», hat er auf einen Karton geschrieben. Warum?, wollen wir wissen. Und erfahren: Eigentlich möchte Rybner seinen Vorschlag der ganzen Welt erzählen. «Die Fifa muss die Punkteverteilung überarbeiten. Es muss in fast allen Spielen drei Punkte geben. Nicht nur je einen Punkt bei Unentschieden.» Und wie soll das gehen? «Ganz einfach. Die Ausnahme bleibt das 0:0. Das ist nicht spektakulär, dafür gibt’s weiterhin je einen Punkt. Wenn das Spiel aber 1:1 oder 2:2 oder noch höher endet, dann erhält jenes Team, das den Ausgleich schiesst, zwei Punkte. Das gibt Spektakel.»

Er komme aus Dänemark, geboren im Dezember 1955. Vor sieben Jahren wollte Rybner seine Idee bereits einmal einem US-Funktionär zutragen. «Die Behörden am Flughafen hielten mich für komisch und steckten mich ins erste Flugzeug nach Kopenhagen zurück.» Man kann das durchaus ein bisschen verstehen.

US-Reporter? Sam Borden ist einer davon. Einer jener vier Journalisten der New York Times, die hautnah dabei waren, als am Mittwoch die sieben Fifa-Funktionäre im Hotel Baur au Lac verhaftet wurden. «Ist das Bild mit dem weissen Leintuch auch in der Schweiz berühmt geworden?», fragt er. Natürlich! Waren er und seine Kollegen von den Amerikanern über den Zugriff vorinformiert? Lächelnd sagt er: «Weisst du, wir haben viele Quellen, wir mussten nur das Puzzle zusammensetzen.» Er selbst ist seit Montag in Zürich, «nicht im Baur au Lac, 1000 Franken pro Nacht, das kann ich mir nicht leisten – und dann diese Zimmer, die sind ja gar nichts Spezielles!»

Wir gehen wieder nach draussen. Einige Funktionäre legen von Zeit zu Zeit eine kurze Rauchpause ein. Costakis Koutsokoumnis zum Beispiel. Der Zyprer gebraucht markige Worte. «Blatter wurde nicht verhaftet. Das bedeutet nur eines: die Kontrollen waren zu wenig gut. Wenn wir eine saubere Fifa wollen, dann brauchen wir einen neuen Präsidenten. Und viele neue Mitglieder im Exekutivkomitee.»

Ganz anders denkt Allen Parker von den Cookinseln. Auch er erhält von Blatters Fifa jährlich 250 000 Franken Fördergelder. Das ist viel für eine Insel mit gut 10 000 Einwohnern. Und das ist einer der Gründe, warum Parker sagt: «Blatters Auftritt hat mir gefallen. Er ist nicht der Alleinschuldige. Wir alle stehen in der Verantwortung.»

Es ist kurz vor 19:30 Uhr, als Blatter den 65. Fifa-Kongress beendet. «Ich war nervös», gesteht er noch. Seine Leichtigkeit ist zurück. Nun will er seine letzten Jahre bei der Fifa nutzen, um der Welt zu beweisen, dass er besser ist als sein Ruf. Ob es gelingt? Die Meinungen sind längst gemacht. Nicht zu seinen Gunsten.

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