Der 82-jährige Walliser Sepp Blatter kämpft weiterhin für die Aufhebung seiner sechsjährigen Sperre, die 2021 abläuft. Ein Comeback strebe er nicht an, so Blatter. «Ich will die Fifa nicht regieren.» Aber er sei «noch immer ein regelmässig gefragter Mann». Blatter streitet nicht ab, dass er weiterhin grossen Einfluss hat auf dem sportpolitischen Parkett.

Während das Fifa-Council um Fifa-Präsident Gianni Infantino diese Woche in Ruanda tagte und über die Einführung neuer Wettbewerbe beriet, lud Blatter in seiner Wohnung im noblen Quartier Hottingen am Zürichberg zum Interview. Dabei sprach er auch über seinen Nachfolger Infantino und liess durchblicken: Für seinen Walliser Landsmann könnte vor der nächsten Wahl am Fifa-Kongress im Mai 2019 eine schwierige Phase anstehen. Ihm droht eine Kampfwahl. «Wenn der Fifa-Präsident auf Konfrontationskurs ist mit der Uefa, hat er es nicht gut», so Blatter.

Herr Blatter, möchten Sie eigentlich immer noch als «Monsieur le Président» angesprochen werden?

Sepp Blatter: «Man muss mich nicht so ansprechen, aber nach den Statuten bin ich immer noch Fifa-Präsident, wenn auch ein suspendierter Präsident. Vor der Wahl des neuen Präsidenten hätte man mich zuerst abwählen sollen. Das steht so in den Statuten geschrieben. Trotzdem ist es nicht geschehen.»

Möchten Sie denn wieder Fifa-Präsident sein?

«Ich habe keine Ambitionen mehr. Das ist vorbei, ich habe damit abgeschlossen. Ich habe gedient und meine Mission im Fussball erfüllt. Ich habe die Fifa übernommen, als sie rote Zahlen schrieb und habe sie abgegeben mit grossen schwarzen Zahlen. Vor allem wird heute auf der ganzen Welt Fussball gespielt.»

Aber Sie kämpfen nach wie vor für die Aufhebung Ihrer Sperre durch die Fifa-Ethikkommission. Wollen Sie Ihren Namen und Ihr Lebenswerk rehabilitieren oder steckt mehr dahinter?

«Also ein Comeback von mir wird es nicht geben. Aber ich möchte, dass Recht gesprochen wird. Und ich möchte, dass die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen mich behandelt. Man sollte dies nach drei Jahren nun abschliessen, ich bin ja nicht angeklagt. So wie man auch bei Michel Platini wegen des gleichen Sachverhaltes (es geht um eine Zahlung von 2 Mio Franken an Platini im Jahre 2011) ein Verfahren gar nicht erst eröffnet hat. Und als Quintessenz davon müsste dann eben die Fifa-Ethikkommission die Sperre gegen mich aufheben. In der Urteilsbegründung wurden nämlich Korruption und Bestechung expressis verbis raus genommen. Und die mir vorgeworfene schlechte Geschäftsführung hat nicht die Ethikkommission zu beurteilen, sondern die Generalversammlung des Vereins – bei der Fifa also der Kongress.»

Das System Blatter - eine Doku über die 17-jährige Regentschaft Sepp Blatters

Das System Blatter – eine Doku über die 17-jährige Regentschaft Sepp Blatters

Stichwort Verein: Sie haben seit Beginn Ihrer Sperre immer wieder betont, dass die Fifa zu gross geworden ist für eine Rechtsform, die im schweizerischen Zivilgesetzbuch geregelt ist.

«Früher haben wir die Rechtsform nie in Frage gestellt. Aber wir haben immerhin die IFRS-Regeln angewandt, weshalb bei der Fifa Finanzkontrollen durchgeführt wurden wie bei einem börsenkotierten Unternehmen. Dennoch bin ich der Meinung, dass man eine eine andere Rechtsform haben müsste, dass zum Beispiel die Fifa eine Aktiengesellschaft sein müsste, die im Obligationenrecht geregelt wird."

Ist ein solcher Schritt realistisch?

«Das wäre fast eine Revolution oder zumindest eine Evolution. Aber das ist kein Thema für morgen, vielleicht für übermorgen, weil auch die anderen grossen Sportverbände und vor allem das IOC nachziehen müssten. Immerhin haben heute die Profi-Fussballklubs eine Rechtsform nach OR-Richtlinien – und die Fussball-Ligen ebenfalls. Deshalb müssten die Verbände auch in diese Richtung gehen.»

Das Thema beschäftigt Sie. Sehen Sie darin eine letzte Aufgabe für sich, dem Fussball und dem Sport zu dienen? Ihre Meinung ist immer noch gefragt und Ihr Einfluss nach wie vor gross.

«Mein Einfluss ist gross...? Da will ich Ihnen nicht widersprechen. Ich bin noch immer regelmässig ein gefragter Mann. Ich weiss nicht wie wichtig ich noch bin, aber ich bin noch ein Player. Und ich sehe, was man anders machen könnte. Ich möchte nicht die Fifa regieren, aber über Twitter teile ich meine Meinung mit – und die ist manchmal anders als die von den Leuten, die bei der Fifa jetzt das Sagen haben.»

Neue Strukturen, Aufstockung der WM auf 48 Mannschaften, der VAR an der WM in Russland: Es ist viel passiert, seit Sie nicht mehr im Amt sind.

«Was mir immer sehr am Herzen lag, ist das Schiedsrichterwesen. Das hatte ich schon vor vielen Jahrzehnten beim Walliser Fussballverband unter mir. Es geht nicht, dass man die WM benutzt, um mit dem VAR ein neues Schiedsrichtersystem zu testen, bevor dies in allen grossen Ligen gemacht worden ist.»

Gianni Infantino erste Rede als Fifa-Präsident.

Gianni Infantino erste Rede als Fifa-Präsident.

Aber es hat an der WM so wenige Schiedsrichter-Diskussionen gegeben wie lange nicht mehr.

«Es gab Mannschaften, es waren nicht Europäer oder grosse Teams aus Südamerika, die haben durch den VAR nie einen Vorteil gehabt, jamais. Dafür hat ein Grosser, Frankreich, zweimal profitiert. Nach dem Prinzip 'Im Zweifel für den Angeklagten' hätte man den Penalty im Final nicht geben dürfen.»

Mit Blatter kein VAR – und mit Blatter wohl auch keine WM mit 48 Mannschaften?

«Ich war überrascht, wie schnell man gesagt hat: Wir gehen auf 48 Mannschaften. Das ist fast ein Viertel der Fifa-Mitglieder. Kommt hinzu, dass beim Modus mit Dreiergruppen immer ein Team Zuschauer ist, was im letzten Spiel Absprachen möglich macht. Wenn man die Aufstockung sportpolitisch begründet, okay, das kann ich sogar verstehen. Die Afrikaner sind nun zufrieden, sie haben mehr WM-Teilnehmer. Aber finanziell bringt es doch nicht so viel. Man verkauft zwar mehr Tickets, aber dafür sind auch die Kosten viel höher. Wenn man die Devise hat: Ich will noch mehr Geld und noch mehr, dann bewegt man sich in die falsche Richtung. Die Geschichte wird es zeigen, wie viele Probleme das nach sich zieht.»

Haben Sie Angst, dass Ihre Nachfolger den Fussball zu sehr auspressen?

«Mich irritiert, dass man so viele Wettbewerbe macht. Das gilt aber auch für die Uefa und ihre Nations League. Der Kalender wird zu sehr belastet, das schadet auch den Spielern. Ständig nur noch Fussball ist nicht gut. Ich weiss zum Beispiel von meiner Zeit beim IOC, dass man den Fussball dort nicht so sehr mag, weil der Fussball dem Rest vieles wegnimmt. Das muss man sich auch bewusst sein.»

Fifa-Präsident Gianni Infantino ist das wohl egal. Er muss Wahlversprechen einlösen und ist jetzt bereits wieder im Wahlkampfmodus.

«Et voilà! Aber mit seiner Idee einer Mini-WM mit den acht besten Nationalmannschaften und einer aufgeblähten Klub-WM geht er auf Konfrontationskurs mit der Uefa. Zudem ist einer der grossen Financiers dieser Wettbewerbe das Königreich Saudi-Arabien, und dieses ist im Moment gerade nicht so sehr populär in der Welt.»

Noch hat sich aber kein Verband und keine Konföderation negativ über Infantino geäussert.

«Da haben Sie Recht. Trotzdem weiss ich, dass in der Uefa viele mit seinem Vorgehen gar nicht einverstanden sind. Und wenn der Fifa-Präsident auf Konfrontationskurs ist mit der Uefa, hat er es nicht gut. Das kenne ich aus eigener Erfahrung. Bei meiner ersten Wahl zum Fifa-Präsidenten (1998) habe ich mich gegen den Uefa-Präsidenten (Lennart Johansson) durchgesetzt. Die Uefa sagte danach: Wir bringen Blatter bei der nächsten Wahl weg. Und die Situation hätte ihr sogar geholfen. Es gab den ISL-Fall, den Fall Kirch, 9/11 und die Terrorangst vor der WM 2002. Aber die Uefa hatte bei der Wahl in Seoul auf den falschen Mann gesetzt.»

Sie denken, dass Gianni Infantino abgewählt wird, wenn die Uefa einen starken Gegenkandidaten aufstellt?

«Ich sehe nicht in die Karten. Aber irgendwo tönt es: Es kommt ein Kandidat. Nur glaube ich nicht, dass es ein Europäer sein wird, den man einem europäischen Fifa-Präsidenten entgegenstellt. Aber man weiss ja nie, was noch alles passiert bis im nächsten Mai. Aber die Verbindung Fifa-Uefa ist im Moment sicher nicht so gut.»

Wünschen Sie sich einen Wechsel an der Fifa-Spitze?

«Bei dieser Frage nehme ich den Joker. Doch es fällt auf, dass die internationalen Medien seit dem Kongress in Bahrain (2017), als die Spitze der Ethikkommission ausgewechselt wurde, der Meinung sind: Es geht doch nicht mit diesem Präsidenten.»

Viele Ihrer Kritiker hätten nun sogar lieber Sie wieder im Amt.

«Ich merke, dass sich die Beziehung zu den Medien verbessert hat. Einer hat nach der 'Fifa - The Best'-Zeremonie geschrieben: Stellen Sie sich vor, man wünschte sich, Blatter ist wieder zurück. Das tut gut!»