WM14
Seiltänzer Hitzfeld und sein Traum vom Geschichtsbuch

Der Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld will seinen letzten Auftritt der Karriere geniessen.

Etienne Wuillemin, Porto Seguro
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Ottmar Hitzfeld entspannt an der Pressekonferenz vom Mittwoch.

Ottmar Hitzfeld entspannt an der Pressekonferenz vom Mittwoch.

Keystone

Seine Pointe ist perfekt platziert. Und natürlich weiss er das. Die Message soll sein: Der Weltfussball ist zusammengerückt. Jeder kann jeden schlagen. Und darum fragt Ottmar Hitzfeld mit einem süffisanten Lächeln in die Runde: «Was hat Italien gegen Luxemburg schon wieder gemacht?»

1:1. Jeder im Saal weiss das. Jeder lacht. Auch der italienische Journalist der «Gazzetta dello Sport». Kurz vor der WM ist im Schweizer Lager Lachen in Kombination mit Luxemburg wieder erlaubt. Vergessen ist das peinliche 1:2 in der WM-Qualifikation ganz zu Beginn von Hitzfelds Amtszeit.

Hitzfeld wirkt an seiner ersten Medienkonferenz in Brasilien ziemlich entspannt. Während gut 30 Minuten gibt er Einblick in seine Gedanken. «Kribbelig bin ich immer», sagt er. Aber mehr als sonst? Nur, weil es sein letztes Turnier als Trainer ist? Nein, das dann doch nicht. Im Gegenteil. «Noch bin ich sehr relaxt.» Ab heute wird sich das ändern. Dann wird das WM-Abenteuer definitiv ernst.

Es ist Hitzfelds zweite Weltmeisterschaft als Schweizer Trainer. Es geht dabei auch ein wenig um Wiedergutmachung. Das Ausscheiden vor vier Jahren in Südafrika ist, trotz des Startsiegs gegen den späteren Weltmeister Spanien, noch nicht verdaut. Jetzt scheint die Ausgangslage günstiger. Weil der Hauptkonkurrent um den Einzug in den Achtelfinal, Ecuador, nicht die gleiche Klasse besitzt wie Chile damals.

Die Stimmungslage um die Schweizer Mannschaft erinnert dieser Tage an den Auftritt eines Seiltänzers. Jeder im Publikum weiss: «Normalerweise geht alles gut. Normalerweise kommt der Artist unbeschadet auf der anderen Seite an.» Aber im Hinterkopf ist immer die Angst, dass trotzdem etwas schiefgehen könnte. Dass unerklärliche Fehler passieren mit fatalen Folge. Ein solcher Absturz kann dem Schweizer Team trotz der guten Ausgangslage eben auch passieren.

Mehr als den Achtelfinal!

Eines registriert Hitzfeld mit Stolz und Genuss: «Es freut mich, dass wir unseren Ruf international aufpoliert haben. Dass der Respekt unserer Gegner steigt.» Und natürlich wird er wieder auf seine Träume bei seinem letzten grossen Turnier angesprochen. «Ich möchte gerne Geschichte schreiben», sagt er auch gestern wieder. Aber was heisst das, Geschichte schreiben? Schliesslich präzisiert er: «Alles, was über den Achtelfinal hinausgeht.» Genauso klar ist, dass Hitzfeld hinterherschiebt: «Erst gilt es, die Pflicht zu erledigen.» Die Qualifikation für den Achtelfinal also.

Der Genuss des Rätselns

Dann wird das Spiel gegen Ecuador zum Thema. Vor allem die Schweizer Aufstellung. Immer wieder. Was hat es zu bedeuten, dass Hitzfeld am Tag zuvor in einem internen Testspiel die Innenverteidiger Djourou und von Bergen zusammen spielen liess? Nichts! Natürlich nicht. Und wer vom Gegenteil überzeugt ist, sollte sich nochmals kurz die WM 2010 in Erinnerung rufen. In einem der letzten Trainings spielte plötzlich Pirmin Schwegler mit der Stammelf – an der WM war er gleichwohl Ersatz. «Es freut mich, dass so viel Interesse an unserer Aufstellung besteht», sagt Hitzfeld schmunzelnd, «wenn ich alles verraten würde, könnte ja gar niemand mehr spekulieren.»

Seine Elf hat Hitzfeld im Kopf, das schon, aber er will sich bis zuletzt alle Optionen offen halten, «weil ich plötzlich ein anderes Gefühl bekommen könnte und mich davon leiten lasse».

Die Favoriten auf einen Platz in der Startelf sind gleichwohl klar. Benaglio im Tor. Lichtsteiner, Schär, von Bergen und Rodriguez in der Abwehr. Inler, Behrami, Shaqiri, Xhaka und Stocker im Mittelfeld. Vorne stürmt Drmic.

Um die Vorbereitung auf das Spiel gegen Ecuador mit Anpfiff um 13 Uhr Ortszeit (Schweiz: 18 Uhr) zu simulieren, ordnete Hitzfeld bereits einmal ein Mittagessen um 9.45 Uhr an. Seine Eindrücke von Gegner Ecuador sind – wie könnte es auch anders sein – hervorragend. Hitzfeld lobt die Südamerikaner, wo es nur geht. Ruft «hervorragend», «brandgefährlich» und «überragend» durch den Saal. Er erwartet ein offenes Spiel. Einen Gegner mit einem starken Pressing, der versuchen wird, «uns in der eigenen Hälfte festzunageln». Ecuadors Spiele gegen Holland und England geben Hitzfeld diese Gewissheit.

Italien gegen Luxemburg ist Hitzfelds Beispiel. Es sind solche Ergebnisse, die ihn träumen lassen. Träumen davon, dass der Schweiz auch an der WM ein Coup gegen die Grossen des Fussballs gelingt. Der Tanz auf dem Seil kann beginnen.