WM-Final
Sei erfolgreich und sprich nicht darüber – Argentiniens unterschätzter Trainer

Nationaltrainer Alejandro Sabella hat Argentinien in den WM-Final geführt. Es kommt selten vor, dass ein langjähriger Assistenztrainer so durchstartet wie er es tat. So richtig ernst genommen als Trainer wird Sabella dennoch nicht.

Markus Brütsch, Rio de Janeiro
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Alejandro Sabella führte Argentinien in den WM-Final - und wird als Trainer noch immer nicht ernst genommen.

Alejandro Sabella führte Argentinien in den WM-Final - und wird als Trainer noch immer nicht ernst genommen.

Keystone

Sabella, Alejandro Sabella – mal ehrlich: Haben Sie diesen Namen bis vor vier Wochen je schon gehört? Vermutlich wissen Sie inzwischen, dass Argentiniens Nationalcoach so heisst. Und heute Sonntag im Final gegen Deutschland Weltmeister werden kann.

Höchstwahrscheinlich ist Ihnen darüber hinaus nicht viel mehr bekannt. Das hat vor allem mit Sabellas Wesen und Charakter zu tun. Der Mann aus Buenos Aires ist schüchtern und tut alles, um nicht in der Öffentlichkeit zu stehen.

Geschieht es trotzdem, dann unfreiwillig. Wie in der Partie gegen Nigeria. Da stand er an der Seitenlinie und gab Ezequiel Lavezzi eine Anweisung, als der sichtlich gelangweilte Stürmer plötzlich mit der Trinkflasche dem Trainer ins Gesicht spritzte. Unmöglich sich vorzustellen, Thomas Müller erlaube sich einen solchen Scherz mit Jogi Löw.

Auch eine Szene im Spiel gegen Belgien wurde in den sozialen Medien zu einem Renner. Sabella hatte sich nach einer vergebenen Chance so weit nach hinten gebeugt, dass er für einen Moment das Gleichgewicht verlor und schier zu Boden fiel.

Es sind vor allem solche Geschichten, die ihn aus der Anonymität geholt haben, seine Autorität allerdings arg infrage stellen. Zumal eh viele denken, bei Argentinien habe nicht Sabella, sondern Superstar Lionel Messi das Sagen.

Dem 59-Jährigen scheint es egal zu sein. Vielleicht deshalb, weil er nach dem Final ohnehin als Nationalcoach zurücktritt, wie sein Berater meint.

Möglicherweise ist ihm aber tatsächlich einerlei, was erzählt wird. «Ich möchte einmal als Mensch in Erinnerung bleiben, der darauf bedacht war, zu einen, statt zu spalten.

Der ein korrekt und hart arbeitender Trainer war», hat Sabella in einem Interview gesagt. Wer ihn während des Turniers bei einer Pressekonferenz erlebt hat, wie er, in sich gekehrt, da sitzt, mit den Gedanken an einem ganz anderen Ort, wie er die Fragen der Journalisten so knapp wie möglich beantwortet und nur sein himmelblauer Trainingsanzug etwas Farbe versprüht, der fragt sich: Warum nur tut er sich diesen Job an?

Der seinen Vorgängern César Luis Menotti – «Ich mag sein Spiel nicht» – und Diego Armando Maradona – «Ich erkenne keine Taktik» – die Gelegenheit gibt, ihn zu verunglimpfen. Und in dem er es niemandem recht machen kann.

Ausser Messi. Lange Jahre nur beim FC Barcelona Weltklasse, jedoch selten im Nationalteam, hat ihn Sabella zum Captain ernannt. Ausgestattet mit viel Macht und sämtlichen Freiheiten.

Was der vierfache Weltfussballer des Jahres dazu genützt hat, sein Laufpensum auf das Minimum von 5,437 Kilometern pro Stunde hinunterzufahren.

Sabella aber sagt: «Messi kann eigentlich überhaupt nicht schlecht spielen. Er ist wie Wasser in der Wüste.»

Wer ihn so reden hört, kann sich gut vorstellen, wie es in der Halbzeitpause zugeht, wenn Messi die Taktik seinen Wünschen anpasst und Sabella nickt. «Ich diskutiere gern mit meinen Spielern. Dabei kann ich immer etwas lernen», hat er einmal zugegeben. Aussagen, die seinem Ansehen nicht förderlich sind.

Der Verdacht liegt nahe, dass aus Sabella noch immer der Assistenztrainer spricht. Der lieber schweigt, als über seine Erfolge redet. 18 Jahre lang hat er Daniel Passarella begleitet, bei den Nationalteams von Argentinien und Uruguay, bei Parma, River Plate und den Corinthians.

Wer so lange die zweite Geige spielt und sagt, er höre lieber zu als zu sprechen, für den kann es schwierig sein, plötzlich in der Verantwortung zu stehen.

Allerdings: Was Sabella in seinen erst fünf Jahren als Cheftrainer erreicht hat, kann sich sehen lassen. Gleich im ersten Jahr hat er Estudiantes de la Plata zum Meistertitel geführt, um dann mit diesem Klub auch noch die Copa Libertadores zu gewinnen.

Als er im Sommer 2011 dabei war, als Trainer von Al-Jazira in die Emirate zu gehen, erreichte ihn das Angebot, argentinischer Nationalcoach zu werden.

Souverän führte er danach die Albiceleste an die WM und in Brasilien nun ungeschlagen in den Final. Im Maracana trifft er auf einen Gegner, über den er sagt: «Deutschland ist mein Vorbild.»

Wird Sabella, einst vierfacher Internationaler, Weltmeister, müssen viele Abbitte leisten. Eingestehen, dass sie den unscheinbaren Mann mit dem schütteren Haar unterschätzt haben. Und vielleicht wird ihnen dann plötzlich bewusst, dass Sabellas prall gefüllter Rucksack ihn halt doch befähigt, ein grosser Cheftrainer zu sein.

Sei es als Spieler (River Plate, Sheffield United, Leeds, Estudiantes, Grêmio Porto Alegre, Ferro Carril Oeste, Iropuato) oder als Trainer – er hat viel von der Fussballwelt gesehen.

Hinter diesem Horizont geht es aber noch weiter. In den 70er-Jahren hat er Jura studiert und Sabella ist leidenschaftlich an der Politik interessiert. Der Vater von vier Kindern sagt: «Am liebsten bin ich zu Hause und sehe mir am Fernsehen politische Sendungen und geschichtliche Filme an.»

Führt er Argentinien nach 1978 und 1986 zum dritten Stern, dann kann er sich später einmal auf seinem Sofa den historischen WM-Streifen Argentinien gegen Deutschland anschauen. Ohne dazu etwas sagen zu müssen.