Chile-Spiel
Schweizer Nati: Der Geist stimmt

Heute spielt die Schweizer Fussball Nationalmannschaft gegen Chile. Die Sportredaktion der Aargauer Zeitung analysiert die Chancen der Mannschaft gegen das Team aus Südamerika.

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Francois Schmid-Bechtel

Die Pforten zum Paradies stehen offen. Mit dem heroischen 1:0 gegen Spanien hat sich die Schweiz in eine sensationelle Ausgangslage gekämpft.

Der Tritt über die Schwelle ins Paradies ist aber nicht einem Kinderspiel gleichzusetzen. Zwar reicht für die Achtelfinal-Qualifikation bereits ein Sieg gegen Chile, falls Spanien gegen Honduras nicht erneut strauchelt.

Unentschieden ist kein Weltuntergang
Und selbst mit je einem Unentschieden gegen Chile und Honduras würde das Team von Ottmar Hitzfeld in die nächste Runde einziehen.

Was so einfach erscheint, kann sich als komplizierte Operation entpuppen. Chile zu bezwingen, wird eher schwieriger, als den Europameister vom Sockel zu stossen.

Und sollten die Schweizer gegen die Südamerikaner gar verlieren, stünden sie gegen Aussenseiter Honduras unter Siegzwang. Dann wirds richtig kompliziert.

Denn die Favoritenrolle wirkt sich für unsere Nati eher belastend als beflügelnd aus. Das wissen wir spätestens seit dem Debakel gegen Luxemburg.

Schweiz will nicht Favorit sein
Im Schweizer Lager bemüht sich jeder, die Favoritenrolle für die heutige Partie gegen Chile dem Gegner zuzuschieben. Vordergründig haftet diesen Beteuerungen der Makel einer Floskel an.

Doch hintergründig ist das Understatement nicht nur richtig und clever, es ist hauptsächlich Programm. Ausgeheckt vom Programmleiter selbst. Und es würde nicht verwundern, hätte Ottmar Hitzfeld sogar ein Strategiepapier mit dem Titel «die Schweiz im WM-Viertelfinal» entworfen.

Doch im Gegensatz zu Köbi Kuhn, der in einem unbedachten Moment seinen Masterplan vom EM-Titel ausgeplaudert hat, würde Hitzfeld dies erst der Öffentlichkeit mitteilen, wenn der Plan Tatsache geworden ist.

Von der Traumfabrik zur Planwirtschaft. Das tönt lustfeindlich, wenig sinnlich. Eher nach durchstrukturiertem Alltag. Nach harter Arbeit. Nach DDR? Im Gegensatz zur gescheiterten Umsetzung von Marx' Philosophie schneidert Hitzfeld aber ein Kostüm, das nicht den eigenen, sondern den anderen den Hals zuschnürt.

Trotzdem steht über allem das Kollektiv. Nichts Neues im Fussball. Neun von zehn Trainern predigen gebetsmühlenartig, dass nicht der Einzelspieler, sondern die Mannschaft zähle. Aber nur die wenigsten haben die Autorität und die Überzeugungskraft, um dieses Vorhaben umzusetzen.

Ein Derdiyok, ein Barnetta, selbst ein Huggel oder ein Lichtsteiner - ganz tief in ihrer Fussballerseele wünschen sie sich alle die fetten Schlagzeilen über ihre persönlichen Heldentaten. Das ist in einem Geschäft, wo jeder Mitspieler auch ein Konkurrent ist, normal.

Nati: Homogener denn je
Doch Hitzfeld hat es geschafft, diesem bisschen Restegoismus den Garaus zu machen. Nie trat eine Schweizer Nationalmannschaft solidarischer, homogener und selbstloser auf als am 16. Juni 2010. Und wenn nun einer wie Barnetta sagt, dass es auch okay sei, wenn der genesene Behrami gegen Chile an seiner Stelle spielen würde, ist das kein Lippenbekenntnis.

Der Geist stimmt, die Mentalität auch. Und nun hat nach dem heroischen Triumph gegen Spanien jeder die Gewissheit, dass das System Hitzfeld auch, oder insbesondere, gegen die besten Mannschaften der Welt funktioniert. Chile zählt gewiss nicht zur Beletage des Weltfussballs. Gleichwohl hat das Team von Marcelo Bielsa beim Sieg gegen Honduras ein begeisterndes Offensivspektakel geboten.

Chancen nützen
Einziges Manko war die Effizienz. Ansonsten hat neben den Deutschen beim 4:0 gegen Australien kein anderes Team so schnell von Defensive auf Offensive umgeschaltet. Tempo und Technik sind in dieser Equipe überdurchschnittlich. Der Schweiz bleibt im Vergleich zum Spiel gegen Spanien weniger Zeit, die Defensive zu organisieren. Sie muss noch kompakter stehen. Das kann sie. Der Massen-begeisterung über den Startsieg zum Trotz haben einzelne Spieler wie Huggel und Ziegler noch Luft nach oben. Schöne Aussichten.

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