«Wir haben extra freigenommen und sind anderthalb Stunden aus Wien hergefahren. Doch jetzt ist zugesperrt!», hadert der enttäuschte Jetmir Berisha und starrt auf das Plakat am Eingang: 1. Entenrennen am 12. Juni in Bad Waltersdorf.

In zwei Wochen werden Gummienten auf dem Dorfbach um die Wette schwimmen — und die Welt an jenem Sonntag wissen, ob die Schweiz bei der EM am Tag zuvor Albanien geschlagen hat. Wer dem selbst ernannten Experten Jetmir glauben will, dem ist allerdings heute schon klar, wer gewinnt.

«Wir werden die Schweiz besiegen», sagt der 28-Jährige. Er ist vor zwanzig Jahren aus Albanien nach Wien gekommen, arbeitet im Öffentlichen Dienst und ist nun mit Vater und Bruder in die Oststeiermark gefahren, um den Kuq e zinjtë, den Rotschwarzen, bei der EM-Vorbereitung auf die Füsse zu schauen.

Schliesslich erreicht Jetmir nach hartnäckigen Verhandlungen mit einem albanischen Betreuer doch noch, dass der Platzwart die Tür öffnet und die drei Berishas auf die Tribüne dürfen. Sie sind die einzigen Fans, die an diesem Morgen dem Training zuschauen wollen. Daneben ist noch eine Fernsehequipe aus Albanien im Einsatz und ein Reporter der «L’Equipe».

Dieser ist von der Sportzeitung extra für die Berichterstattung über die Auswahl der Federata Shqiptare e Futbollit abgestellt worden. Er gibt ihr für die EM aber kaum Kredit: «Wer soll denn die Tore schiessen?» Jetmir jedoch ist überzeugt, dass der Teamgeist die Albaner weit tragen wird.

De Biasi steht zwecks besserer Übersicht oben auf der Tribüne, beobachtet die taktischen Übungen und greift mit lauter Stimme korrigierend ein. Er hat bei unserer Anmeldung mitteilen lassen, dass wir willkommen seien und er sich darüber freue, wenn wir uns für sein Team interessierten. Wir fragten uns kurz, ob wir richtig gehört haben.

Auch Leicester war da…

In Bad Waltersdorf, unweit der ungarischen Grenze, geniessen die Touristen die heilende Wirkung der Thermen. Die Fussballer jedoch kommen hierher wegen der optimalen Bedingungen und der Ruhe, die sie hier vorfinden. Im Falkensteiner Therme & Golf Hotel, wo die Albaner für knapp zwei Wochen abgestiegen sind, zeugen Fotos von vielen grossen Mannschaften, die im Thermenstadion trainiert haben.

Arsenal war da, die AS Roma, verschiedene Nationalmannschaften und auch die Foxes von Leicester City. «Die waren 2012 hier. Man kann also nicht sagen, sie hätten in Bad Waltersdorf die Basis für den sensationellen Meistertitel gelegt», schmunzelt Thomas Sammer. Er ist der Obmann des Fünftligisten TUS Raiba Heiltherme Bad Waltersdorf, der in der Oberliga Süd Ost gegen Klubs wie den FSC Gremsl-Parkett Eggendorf Hartberg antritt.

«Noch ein Punkt fehlt zum Klassenerhalt», sagt Sammer, der Vollzeit arbeitet und ehrenamtlich im Stadion dafür sorgt, dass es den Gästen an nichts fehlt. «Unser Klub profitiert davon, dass sich bei uns viele Mannschaften zur Vorbereitung die Klinke in die Hand geben», sagt Sammer. Es ist die Agentur International Football Camp Styria, die hier und in anderen Orten wie Stegersbach und Bad Tatzmannsdorf Trainingslager organisiert. «Es ist einfach perfekt hier», sagt Albaniens Captain Lorik Cana.

Naser Aliji ist nach überstandener Meisterfeier mit dem FC Basel erst am Donnerstag in der Steiermark eingetroffen. «Nach zwei Stunden Schlaf bin ich nach Graz geflogen. Aber jetzt ist alles gut», lächelt Aliji und erzählt stolz, dass er das Zimmer mit Ikone Cana teilen dürfe. «Früher habe ich ihn im Fernsehen bewundert, und jetzt bin ich im selben Team, das ist doch unglaublich», sagt Aliji. «Wir fühlen uns wohl hier», sagt Amir Abrashi und lässt sich vom Physiotherapeuten einen Eisbeutel auf der Schulter festkleben.

«Vorgestern bin ich im Training darauf gefallen», sagt der Mittelfeldspieler vom Bundesliga-Aufsteiger SC Freiburg. «Aber es geht mir schon viel besser.» Er ist neben Armando Sadiku, der hier weit weg ist vom Abstiegstrauma des FCZ, Ermir Lenjani, Berat Djimsiti, Arlind Ajeti, Burim Kukeli, Taulant Xhaka und Shkelzen Gashi einer von vielen Spielern mit Schweizer Hintergrund.

Ohne Albaner wärt ihr nichts

Zu diesem Thema hat Fadil Berisha eine klare Meinung. Er ist mit seinem Sohn und dem Vater am Nachmittag aus der Nähe von Wien angereist, hat aber nichts mit den Berishas vom Morgen zu tun. Albaner heissen oft Berisha. «Hör mal», sagt Fadil. «Ich habe die Schweiz gegen Irland und Bosnien spielen sehen. Das war schwach. Ich sag dir jetzt, was euer Problem ist. Dieser Lichtsteiner hat die Nase viel zu weit oben, er will nur mit richtigen Schweizern spielen. Aber ohne Shaqiri, Granit Xhaka und Behrami wärt ihr nichts!»

Fadil ist heute Sonntag auch dabei, wenn die Albaner in Hartberg gegen Katar spielen. Am Freitag testen sie dann noch in Bergamo gegen die Ukraine, bevor sie in ihr Camp in Perros-Guirec in der Bretagne übersiedeln. «Es kommt gut für uns», sagt Fatil. «Albanien schafft die nächste Runde, für die Schweiz wird es eng.»

Mal sehen. Fest steht: Die Albaner mit ihrem Trainer De Biasi und den Betreuern haben gute Chancen, zumindest in der Sparte «Freundlichkeit und Offenheit» Europameister zu werden.