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Schrei nach Erlösung – Die Schweiz sehnt sich gegen Norwegen nach einer Reaktion

Nach dem 4:4-Unentschieden vom vergangenen Freitag gegen Island, das sich anfühlte wie eine Niederlage, hofft so mancher auf eine Reaktion der Schweiz. Die Norweger hoffen ihrerseits auf eine Verunsicherung in den Schweizer Reihen.

Etienne Wuillemin, Oslo
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Oslo ist auch ein wenig die Stadt von Edvard Munch. Munch ist berühmt für seine Gemälde. Und keines ist bekannter als das expressionistische Meisterwerk «Der Schrei».

In Oslo spielt die Schweiz heute gegen Norwegen ihre achte Partie der WM-Qualifikation.

Der Aufschrei in der Nation war nach dem 4:4 gegen Island heftig, zu heftig wohl. So sehr jedenfalls, dass einen das Gefühl beschleichen muss, die Schweiz sehne sich nun in Norwegen nach einem Schrei der Erlösung.

Am Tag vor dem Spiel wählt Trainer Ottmar Hitzfeld klare Worte: «So etwas wird uns nie mehr passieren», beginnt er und meint den Kollaps seines Teams letzten Freitag.

Er spricht über die Stabilität, über das Personal und immer wieder fällt: «Lernprozess».

Es ist der Preis, den ein Trainer manchmal dafür zahlen muss, wenn kein Spieler der Startelf älter als 30, aber fünf 21 oder jünger sind.

Team-Aussprache ohne Hitzfeld

Seine zentrale Botschaft vor dem Rendezvous mit Norwegen lautet: «Wenn wir zu offensiv denken, gibt es ein schönes Spiel, aber dann sind wir eben defensiv anfällig.»

Hitzfeld will kein schönes Spiel. Er will einen Sieg. Und die Qualifikation für die WM.

Als die Audienz des Nationaltrainers gestern im Hotel Radisson Blue im wunderbar spätsommerlichen Oslo schon fast zu Ende ist, erzählt er, beiläufig fast, wie es am Sonntagabend zu einer Team-Aussprache ohne ihn gekommen ist.

«Das war der Wunsch von Captain Inler und Benaglio – ich finde das gut, wenn sich Spieler auch einmal unter sich besprechen möchten. Solche Gespräche sind wichtig, um den Kopf freizubekommen.»

«Wie, Ausschreitungen?»

Natürlich waren die Worte von Hitzfeld nicht beiläufig und zufällig. Im Gegenteil, sie waren Kalkül. Und einer der Adressaten bekam die Wirkung sofort zu spüren.

So sah sich Xherdan Shaqiri nun mit Fragen konfrontiert wie: Was läuft falsch im Innenleben des Teams? Welche Vorwürfe machen sich die Spieler untereinander? Er ist anfangs etwas überrascht, fühlt sich sichtbar unwohl bei seinen Erklärungen, bald fragt er: «Wie meint Ihr das, es gebe Ausschreitungen?» Ja, er sagt tatsächlich: Ausschreitungen.

Es ist nicht so, dass Shaqiri diese Team-Aussprache beunruhigt, oder dass er Probleme innerhalb der Mannschaft orten würde. Darum geht es auch nicht.

Es wäre ja geradezu absurd, aufgrund einiger weniger Nachlässigkeiten während 25 Minuten eine Krise zu orten.

In einem Team, das zuvor spielerisch überzeugte wie selten.

Aber Hitzfeld, der Mathematiker mit psychologischem Geschick, erreicht, dass sich der kecke Wirbelwind noch einmal mit dem Leistungsabfall gegen Island beschäftigen muss, auch wenn das Shaqiri ziemlich widerstrebt.

Eigentlich würde der 21-Jährige gerne über Norwegen sprechen. Er reagiert zunehmend genervt auf Island-Fragen, fragt dann:

«Warum sollten wir auf Wiedergutmachung aus sein? Das war doch kein Weltuntergang, wie viele Punkte haben wir Vorsprung auf den Tabellenzweiten?»

Dem norwegischen TV-Journalisten, der gleich selbst zugibt, dass er auf eine Verunsicherung in den Schweizer Reihen hofft, entgegnet Shaqiri: «Ich kann Ihnen garantieren: Wir sind weder abgelenkt noch verunsichert.»

Irgendwann dreht sich das Gespräch dann um die vermeintliche Startformation. Und Shaqiri ist wieder zum Lachen zumute.

«Doch, doch, ich wäre gerne Trainer in so einer Situation», erzählt er. «Ein solches Luxusproblem, wie wir es im zentralen Mittelfeld haben, mögen Trainer. Es ist auch toll, in den letzten 20, 30 Minuten von der Bank Akzente setzen zu können.» Shaqiri, der Bayern-Spieler, kennt diese Situation besonders gut.

Trainer Hitzfeld sagt: «Es müssen nicht gleich Köpfe rollen, damit die Spieler die Message verstanden haben.» Einen Satz später deutet er gleichwohl an, dass einige Wechsel möglich wären, «um frische Kräfte reinzubringen.»

Eine Änderung ist beschlossene Sache. Captain Gökhan Inler kehrt ins Team zurück. Er fordert von seinem Team ein konzentriertes Auftreten. Eines, das einem Leader gerecht werde.

Auch Inler stellt klar: «Das Team ist gesund. Wenn etwas wäre, würde ich sofort eingreifen.»

Auch er wird auf der Tribüne festgestellt haben: Gleich drei Traumtore, so wie sie Johann Gudmundsson am Freitag gegen die Schweiz erzielte, das ist nicht alltäglich. Nicht einmal für Brasilien. Und schon gar nicht für Norwegen.

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