Herr Galler, müssen Sie speziell auf Ihr Herz achten?

Bruno Galler: Für mich ist das Schiedsrichterwesen immer noch eine Herzensangelegenheit – wenn Sie
das meinen. Und ich bleibe loyal zu diesem Sport, zum Fussball, trotz grosser Distanz. Meinen letzten Match pfiff ich 1992.

Wir fragten, weil Sie sich häufig über Kommentare am Fernsehen echauffieren, seien es Kommentare zum Spiel oder zu den Leistungen der Schiedsrichter. Da machen Sie sich ihrerseits gern auch Luft – mit Kommentaren.

Was ich bedaure, ist die Unklarheit in den Analysen meines Kollegen Carlo Bertolini im WM-Studio von SRF, sein Schwadronieren. Man merkt, wie vorsichtig er sein muss, weil er als Schiedsrichter eingebettet ist in die Verbände. Aber auch grundsätzlich habe ich Mühe, die flockige Tonart einer Spassgesellschaft zu ertragen, dort, wo es eigentlich um ernste Themen geht.

Ist Fussball eine derart ernste Sache? Nicht vornehmlich Show? Unterhaltung?

Natürlich. Trotzdem beginnt irgendwo der Ernst und hört der Spass auf. Nicht nur bezogen auf das Regelwerk des Fussballs, auch bezogen auf die Hingabe der Akteure. Namentlich der Schiedsrichter ist ein solcher Akteur mit Hingabe auf dem Feld, vor allem auf höchster Ebene. Das ist weder einfach nur ein Job, noch ist es eine Tätigkeit zur Belustigung der Menge.

Was treibt Sie am steilsten in den Zorn?

Wo Klartext nötig wäre und keine Klarheit geschaffen wird. Etwa bei der Schwalbe des brasilianischen Stürmers Fred im Eröffnungsspiel gegen Kroatien. Auch bei der Frage nach Offside oder nicht im Spiel der Schweiz gegen Ecuador. Da kamen zur Unklarheit der Analyse noch technische Mängel. Schiedsrichter Yuichi Nishimura war physisch sicher gut vorbereitet, aber auch psychisch? Die Gefahr bei Eröffnungsspielen ist immer die gleiche: Gastgeber-Bonus. Darauf müsste man bei der Beurteilung eines Schiedsrichters auch den Finger legen. Statt als grosse Meute gegen den Schiedsrichter zu heulen, könnte man auch fragen, ob der Verband die Schulung richtig angepackt hatte. Oder man könnte sich, statt des Mannes in Schwarz, den Spieler vorknöpfen. Diesen Schauspieler im Strafraum. Und fragen: Warum nehmen die sterbenden Schwäne so stark zu?

Meinen Sie damit, statt Fussballkunst werde heimlich auch noch mimische Kunst trainiert?

Den Verdacht habe ich – ja. Sie können seit Jahren beobachten, wie die Gemeinheit des versteckten Fouls immer tückischer wird, etwa auch beim Einsatz von Ellbogen. Es scheint, als werde das geübt, von den Spielern selber oder sogar im Trainingscamp. Ich bin mir ausserdem nicht sicher, ob Trainer oder Funktionäre am Ende schwache Schiedsrichter nicht fast brauchen, um ihm im Zweifelsfall den schwarzen Peter zuzuschieben.

Kann man darüber am Fernsehen nicht bloss spekulieren?

Klartext am Fernsehen würde bedeuten, einfach festzustellen: Der Schiedsrichter wird immer besser getäuscht. Das erschwert die Sache zusätzlich für ihn. Dazu ist das Tempo enorm gestiegen, die Athletik der Spieler. Nur der Zuschauer hat genüsslich alle Zeit der Welt, dank Zeitlupe und Wiederholung allfällige falsche Entscheide des Schiris zu erkennen. Und ebenso genüsslich zieht man dann nur über diesen her. Der Skandal ist für mich dort erreicht, wo es am Schluss sogar heisst: Der Schiedsrichter hat diesem oder jenem Team «ein Tor geraubt». Der Schiedsrichter als Räuber, als Krimineller. Dabei sind die Betrüger auf dem Spielfeld nicht unter den Schiedsrichtern zu suchen.

Nun decken Kameras heute eigentlich jede Schummelei auf.

Ja, fürs Tribunal danach im Studio. Nur der Schiedsrichter hat das Material nicht zur Verfügung. Ausserdem können selbst 35 Kameras noch täuschen. Das Schweizer Fernsehen hat das auf meine Initiative mal dokumentiert. Ein Ball hing an einem Silkfaden über der Torlinie. Jede Perspektive liess eine andere Schlussfolgerung zu: Ball hinter der Linie oder nicht? Der Fall war nicht aufzulösen. Als Andy Egli das im Studio gesehen hat, noch als Spieler, hat er gesagt: «Ich reklamiere nie mehr gegen einen Schiedsrichter-Entscheid.» Es ist ein gesellschaftlicher Wahn, alles glasklar aufzeigen zu wollen. Wir sind schon genug gläserne Menschen. Ein Rest von Unauflösbarem sollte vorhanden bleiben.

Ein Quell für Mysterien ist nun versiegt, dank der neuen Torlinientechnik der Fifa.

Richtig, zwei strittige Fälle wurden so bereits geklärt. Ich muss indes sagen: Als Liebhaber des Fussballs bedaure ich das. Die unaufklärbaren Fälle gehören dazu, die Rätsel, die Mysterien, aus denen schliesslich gar Mythen wachsen.

Schiedsrichter Godi Dienst (1919 bis 1998) mit seinem Wembley-Tor 1966 wäre nie unsterblich geworden mit der neuen Fifa-Technik.

Mit Sicherheit nicht. Jenes Tor hat den Gehalt der Ewigkeit.

Und heute macht zu viel Fernsehen alles nur profan?

Zum Glück ist der Fussball weiterhin für Überraschungen gut, ja sogar für Sensationen. Valon Behramis wilder Ritt am Schluss gegen Ecuador ist so eine Szene für die Geschichte. Es wird ja meist vergessen, wo man nur Momententscheide tausendfach umdreht: Das Faszinosum am Fussball ist der Spielzug. Nicht das Spielzeug – wie der Spray. Diese Schaumaktionen finde ich etwas lächerlich.

Den Spielzug schauen wir mittlerweile dank Computergrafik auch viel besser an als früher. Was mich zur Frage führt: Wie halten Sie es wirklich mit den TV-Bildern? Wünschen Sie am Ende weniger davon oder mehr?

Zunächst einmal: Auf der Stadionleinwand sollten strittige Szenen nicht wiederholt werden. Das ist bedauerlicherweise schon passiert in Brasilien. Dass Spieler im Mittelkreis, statt anzustossen, den Schiri auf die Szene vor dem Tor aufmerksam machen, die im Stadion gross noch einmal wiederholt wird, das geht nicht. Ob es etwas nützt, wenn der Schiedsrichter im Spiel auf Videomaterial zurückgreift, ehe er seinen Entscheid trifft – da habe ich meine Zweifel. Und wie gesagt: als Liebhaber des Spiels auch meine Widerstände. Auf jeden Fall sollte aber die Masse der Fernsehzuschauer, nur weil sie alle Bilder in extenso zur Verfügung hat, nicht noch bestärkt werden in ihrer Besserwisserei und in ihrem Hohn gegenüber Schiedsrichtern. Das ist heute beinahe zum pawlowschen Reflex geworden.

Ich bitte Sie: Man soll den Schiedsrichter doch noch kritisieren dürfen.

Selbstverständlich. Aber der Schiedsrichter soll nicht als Einziger die Rolle des Blitzableiters übernehmen müssen. Es geht mir um folgenden Punkt – dazu habe ich eine Anekdote: Ich pfiff mal ein Derby – GC gegen den FC Zürich – im Letzigrund. Dann gab es einen knappen Goal-Entscheid – ich stand auf der Grundlinie. Im TV-Kommentar sagte dazu Beni Thurnheer: «Die FCZ-Fans wird es freuen, den GC-Fans kommt der Galler hoch.»

Oh! Ein lustiges Wortspiel bleibt es aber doch.

Ja, aber auf wessen Kosten? Ich rief Thurnheer danach an und sagte ihm, dass durch das Namensspiel auch meine Familie betroffen sei. Beleidigt durch ein harmloses «Gschpässli», wie es der Kommentator selber sah. Wissen Sie: Alle reden heute spasshaft rum, alle reden mit, als seien sie die Oberrichter. Der Einzige, der sich nicht äussern darf, ist der Schiedsrichter selbst.

Warum eigentlich nicht? Wer bestimmt das?

In Brasilien sind die Schiedsrichter abgeschottet und haben von der Fifa ein Redeverbot. Ich erlaubte mir zu meiner Zeit noch, mit Presseleuten zu reden. Dafür bekam ich dann von der Fifa zehn Jahre lang keinen Match mehr zugesprochen, nie mehr ein Spiel an einer WM. Diesen Leuten muss man eben dienen. Die Uefa hingegen hat mich sehr unterstützt. An der Weltmeisterschaft in Spanien 1982 verliess ich zwischendurch das Hotel und tanzte auf den Ramblas mit brasilianischen und italienischen Fans, völlig unerkannt.

Warum nimmt erstmals kein Schweizer Schiedsrichter an der WM teil? Sind diese zu schlecht geworden international?

Nein. Jene, die nachrücken, haben noch zu wenig internationale Erfahrung. Die ist unabdingbar. Es ist einfach eine Lücke entstanden, die wird sich aber wieder schliessen. Noch ein Wort vielleicht zum Niveau, allgemein: Das ist keinesfalls gesunken. Erheblich zugenommen hat ohne Zweifel das Niveau der Assistenten.