Herr Rangnick, wie erklären Sie, dass ein Klub, der vor eineinhalb Jahren gegen den luxemburgischen Klub Düdelingen scheiterte, nun in der Europa League mit zehn Siegen in Serie für Furore sorgt?

Ralf Rangnick: Es ist zu grossen Teilen nicht mehr die gleiche Mannschaft. Und die Spieler, die noch dabei sind, haben unsere Spielweise immer besser verinnerlicht und sich noch einmal weiterentwickelt.

Hatte das blamable Aus ein House Cleaning zur Folge?

Wir haben sehr viel verändert. Allein den Altersdurchschnitt haben wir um zirka vier Jahre gesenkt. Ausserdem haben wir unsere Spielweise nochmals deutlich verändert.

Das hat auch der FC Bayern erfahren. Nach Salzburgs 3:0-Sieg in der Saisonvorbereitung sagte Bayerns Trainer Guardiola, er hätte noch nie ein Team gesehen, das mit so hoher Intensität spielt.

Das haben wir registriert und wir haben uns auch darüber gefreut. Aber das ändert nichts an unserer Ausrichtung, weiter hart zu arbeiten und die Mannschaft weiterzuentwickeln.

Können Sie kurz die Spielphilosophie von Salzburg erklären?

(Lacht.) Wenn sich jemand eine Begegnung von uns anschaut, dann kann man sich selber ein gutes Bild über unsere Spielweise machen.

Sie sind nicht nur Sportdirektor von Red Bull Salzburg, sondern auch bei Rasenball Leipzig, das vor dem Aufstieg in die zweite Bundesliga steht. Wie werden Synergien zwischen den zwei Klubs genutzt?

Dadurch, dass wir in beiden Vereinen die gleiche Spielidee verfolgen, gibt es bei der Trainerausbildung Synergien. Dasselbe gilt für das Scouting. Beide Klubs suchen den gleichen Typ Spieler. Deshalb haben wir keine getrennten Scouting-Abteilungen mehr. Wir sind schwerpunktmässig nur an Spielern zwischen 17 und 23 Jahren interessiert. Und wenn wir solche Spieler gefunden haben, müssen wir entscheiden, ob diese nach Salzburg oder nach Leipzig gehen. Das ist im Moment zwar noch relativ einfach. Aber mit jedem Aufstieg, den Leipzig schafft, muss das differenzierter betrachtet werden.

Wie gross ist die Gefahr, dass Sie sich selbst kannibalisieren?

Nicht sehr gross. Angenommen, Leipzig spielt in der 1. Bundesliga. Und wir kommen zum Schluss, dass der Spieler für beide Klubs infrage kommt, ist da auch der Spieler, der ein Mitspracherecht hat. Wenn der Spieler keine Präferenz hat, beide Trainer den Spieler wollen, muss ich entscheiden, wo der Spieler für die nächsten 12 bis 24 Monate am besten aufgehoben ist. Bis jetzt hatten wir ein solches Problem noch nicht.

Früher funktionierte Salzburg anders. Da hat man nicht auf junge Talente, sondern auf grosse Namen aus der Bundesliga wie Alexander Zickler gesetzt. Haben Sie den Paradigmenwechsel initiiert?

Ja, mit meinem Amtsantritt haben wir begonnen, beiden Standorten eine neue Philosophie zu geben. Wir haben schon in Hoffenheim ähnlich operiert und nur junge Spieler verpflichtet. Die Art, wie wir Fussball spielen wollen – mit sehr viel läuferischem Aufwand, sehr viel Tempo und sehr vielen Sprints – funktioniert mit jüngeren Spielern besser als mit älteren. Einerseits, weil sie schneller regenerieren. Andererseits, weil sie eine grössere Bereitschaft mitbringen für diese Art Fussball. Dann spielt der Teamspirit eine Rolle. Gerade die jungen Spieler wissen, dass sie den brauchen. Deshalb sind sie eher bereit, in Teamspirit zu investieren. Deswegen schauen wir die interessanten Spieler nicht nur auf dem Sportplatz an, sondern führen längere Gespräche, um herauszufinden, was das für ein Typ Mensch ist.

Will sich Salzburg Richtung Talentfabrik entwickeln, um die Transferrechnung auch mal positiv abzuschliessen?

Mit Red Bull Salzburg ist es ähnlich wie mit Basel. Nicht so sehr der Verein ist ein Ausbildungsverein, sondern die Liga ist eher eine Ausbildungsliga. Solange man in einer Liga mit nur zehn Mannschaften spielt, wird man die guten Spieler nicht dauerhaft in der Liga halten können. Ich könnte mir vorstellen, dass Basel genauso wie Red Bull Salzburg grundsätzlich schon in der Lage wäre, die Spieler länger zu halten. Aber das Problem ist in diesem Fall eher die Liga und der Spielmodus.

Und die ewig negative Transferrechnung bei Salzburg?

Klar. Wenn man Mehrwert mit einem Spieler erzielen will, macht es wenig Sinn, für einen 28-Jährigen eine Ablösesumme zu bezahlen. Aber wenn man einen Spieler mit 19 oder 20 holt, ihn besser macht, wie der FC Basel mit Mohamed Salah, hat man die Möglichkeit, diesen Spieler mit Gewinn zu verkaufen. Solche Überlegungen spielen eine Rolle. Deshalb gilt, seit ich hier bin: Wir verpflichten keine Spieler, die in Salzburg ihren letzten oder vorletzten Vertrag unterzeichnen, weil es hier so schön ist und es gutes Geld zu verdienen gibt. Wir wollen Spieler, die hier ihren ersten oder zweiten Vertrag unterschreiben, für die es bei uns der nächste logische Karriereschritt ist.

Vor fünf Jahren hat mir Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz in einem Interview gesagt: «Die österreichische Liga ist zu schwach, um einen österreichischen Klub in der Champions League zu etablieren.» Werden Sie Ihren Chef Lügen strafen?

Was der FC Basel in den letzten Jahren geschafft hat, muss mit den Möglichkeiten, die wir in Salzburg haben, auch möglich sein. Was das Duell zusätzlich interessant macht: Wenn wir Basel jetzt bezwingen, brauchen wir noch einen Sieg, um die Schweiz im Uefa-Ranking zu überholen. Dann hätte der österreichische Meister in zwei Jahren einen fixen Startplatz in der Champions League. Eine zukünftige Etablierung in der Champions League halte ich daher aufgrund der Entwicklung mit unserer Mannschaft für realistisch. Das Problem ist, dass die österreichische Liga nicht so stark ist, damit wir ständig auf allerhöchstem Niveau gefordert werden. Deshalb ist es schwieriger, Spieler langfristig zu halten. Vielleicht schliesst sich in Zukunft der Kreis mit Leipzig. Sollten wir dort in der 1. Bundesliga sein, ist es möglich, dass Spieler innerhalb der Familie bleiben, nicht irgendwo anders hin wechseln müssen.

Mateschitz sagte auch, er sähe Leipzig spätestens 2017 in der 1. Bundesliga. Ist das realistisch?

Theoretisch ja. Wenn wir mit Leipzig den Platz verteidigen, steigen wir im Sommer in die 2. Bundesliga auf.

Wird die Begegnung gegen Basel ein Duell auf Augenhöhe?

Das denke ich. Basel hat eine ganz andere Spielweise als Ajax Amsterdam (Red. Salzburg siegte 3:0 und 3:1). Wir werden den FC Basel mehr als ernst nehmen. Aber unsere Mannschaft hat so viel Selbstvertrauen, um zu wissen, dass sie an guten Tagen den FC Basel bezwingen kann.

Kommen sich Salzburg und Basel bei Transfers in die Quere?

Vermutlich fischen wir im selben Teich. Wie Basel suchen wir ausserhalb Europas nach talentierten Spielern, die nicht so bekannt sind. Bis jetzt wollten nach meinen Informationen aber noch nie beide Klubs einen Spieler gleichzeitig verpflichten.

Aleksandar Dragovic wechselte von Austria Wien zum FC Basel. Hat Salzburg diesen hochbegabten Verteidiger verschlafen?

Das kann ich nicht beurteilen, es war vor meiner Zeit. Grundsätzlich wollen wir die Talente in Österreich halten. Bis vor zwei Jahren machte es für einen jungen Österreicher wenig Sinn, nach Salzburg zu wechseln. Das ist jetzt anders. Nun wird fast ausschliesslich mit jungen Spielern gearbeitet. Deshalb haben wir auch ganz andere Argumente, wenn wir einen jungen Spieler verpflichten wollen.

Wie ernst sind Ihre Gedanken zur schweizerisch-österreichischen Liga?

Die Gedanken sind nicht so ernsthaft. Aber ich denke nach, wie man das Produkt österreichische Liga verbessern kann. Da geht es um Fernsehgelder, die Attraktivität für Zuschauer und die Frage, wie man die Zuschauerzahlen erhöhen kann. Der FC Basel hat damit wohl als einziger Verein in der Schweiz wenige Probleme. In Österreich hat Rapid etwas mehr Zuschauer. Auch wir konnten den Zuschauerschnitt um 30 Prozent erhöhen. Aber die meisten anderen Klubs spielen vor etwa 6000 bis 7000 Zuschauern. Das hat auch damit zu tun, weil man viermal pro Saison gegen den gleichen Gegner spielt.

Was unterscheidet das Projekt Leipzig von jenem in Hoffenheim?

Leipzig ist eine Grossstadt mit über 500 000 Einwohnern. Hoffenheim war damals noch der Klub eines 3000-Einwohner-Dorfs. Wir hatten in der Regel 1700 Zuschauer. Die Zahl haben wir innerhalb von ein paar Jahren um den Faktor 20 erhöht. Leipzig spielt schon in der dritten Liga vor 19 000 Zuschauern. Das ist mehr, als wir in Salzburg haben. Die Infrastruktur in Leipzig ist erstligareif. Sollten wir es in die erste Liga geschafft haben, ist Leipzig sicher kein Ausbildungsverein mehr.

Leipzig hat wie Salzburg auch das Image eines Bonzen- oder Retortenklubs und wird deshalb auch angefeindet. Die Titelgeschichte in der jüngsten Ausgabe des «Fussball Magazins» «11 Freunde» lautet «Der grosse Red Bull Bluff».

In der Region werden Mannschaft und Verein hervorragend angenommen und unterstützt. All die Dinge, die im besagten Beitrag skizziert werden, müssen Fussball-Deutschland nicht beunruhigen. Wenn Leipzig in der 1. Bundesliga spielt, wird vermutlich jedes Heimspiel ausverkauft sein. Auswärts werden wir zu jedem Spiel sicher eine Vielzahl Fans mitbringen, was jetzt in der 3. Liga bereits der Fall ist. Ich kann verstehen, dass man sich in Deutschland gegen englische Verhältnisse wehrt, wo ein x-beliebiger Investor jeden Klub kaufen kann. Aber sich grundsätzlich gegen Investoren zu wehren, kann ich nicht nachvollziehen.

Leipzig wird zum Volksklub?

Wir sind auf dem richtigen Weg, was auch die Zuschauerzahlen beweisen.

Sieht man Sie irgendwann mal wieder auf der Trainerbank?

Das kann und will ich nicht ausschliessen. Aber meine Aufgabe ist so spannend, dass ich keinen Grund sehe, über anderes nachzudenken. Jetzt beginnt die Sache in beiden Klubs zu greifen.

Wo sind Sie häufiger, in Leipzig oder in Salzburg?

Die letzten anderthalb Jahre war ich häufiger in Salzburg. Das wird sich Richtung Leipzig verschieben. Wir haben die Schlüsselpositionen an beiden Standorten mit hervorragenden Leuten besetzt, es zeigt sich, die getätigten Veränderungen waren richtig.

Es scheint, Sie hätten in Salzburg einen schlafenden Riesen geweckt.

(Lacht.) Ja, Red Bull Salzburg hatte das Potenzial schon die ganze Zeit. Um beim Slogan von Red Bull zu bleiben: Wir sind in Salzburg flugtauglich geworden. Den schlafenden Riesen sehe ich eher in Leipzig.