Ricardo Rodriguez ist der beste Linksverteidiger der Welt. Und der stille Star der Schweizer Fussball-Nati. Interviews hasst er. Für das The Red Bulletin machte er eine seltene Ausnahme.

The Red Bulletin: Herr Rodriguez, schlechter als Sie kann ein Neugeborenes kaum ins Leben starten. Man musste Ihnen kurz nach der Geburt den Bauch aufschneiden, die Organe, die durch ein nicht verschlossenes Zwerchfell­Loch in den Brustkorb gelangt waren, wieder in den Bauchraum zurückdrücken – sonst wären Sie erstickt. Wie darf man sich Ihre Kindheit vorstellen?

Ich weiss noch, ich musste ständig ins Spital zur Kontrolle. Mit der Mutter. Immer und immer wieder. Und immer wieder. Das war aber nicht so schlimm. Schlimmer war, dass ich beim Laufen immer gleich müde wurde und schlecht Luft bekam. Am Spielplatz musste ich immer den anderen Kindern hinterher hecheln.

Wann war klar: Sie würden überleben?

Es hätte immer etwas passieren können. Jedes Mal Fussballspielen war ein Risiko.

Wie konnte dann aus Ihnen ein Sportler werden? Zumal ein Fussballprofi?

Mein Zustand hat mich irgendwie angespornt…ich war ehrgeiziger als die anderen. Oder unvernünftiger, ich weiss es nicht. Ich wollte nicht zurückstecken. Ich wollte mit anderen Kids Fussball spielen, ich wollte das mehr als alles andere. Und das hab ich gemacht, jeden Tag, und weil ich körperlich viel aufholen musste, hatte ich die Extraportion Biss. Für mich war Fussball ja nie reiner Spass, sondern ich habe immer auf etwas hingearbeitet, schon als Kind, ich war ganz eigenartig zielorientiert. Ich war auch nicht so verspielt wie andere Kinder, auf eine Weise erwachsener vielleicht. Und mit ungefähr zwölf merkte ich, ich hab’s mehr drauf als die meisten. Da entschied ich mich, Fussballprofi zu werden.

Den Traum haben alle Zwölfjährigen.

Das war kein Traum. Das war ein Vorhaben. Ich wollte Fussballprofi werden, um meiner Familie zu helfen. Wir waren arm, und ich wollte uns da rausholen. Vor allem meiner Mutter, die so viel für mich getan hatte, wollte ich ein besseres Leben schenken. Aus Liebe, aber auch aus Dankbarkeit.

Schule?

Ich war ein schlechter Schüler, hatte Probleme beim Lernen. Die Schule war kein guter Platz für mich. Mein Fokus war: Fussball. Ich wollte lieber meine Stärken stärken anstatt meine Schwächen ausbessern. In der Schule das tun, was ich nicht gut konnte, war für mich eine Qual.

Ich denke mich in Ihre Eltern hinein: Ich hätte das nicht unterstützt. Bei mir hätten Sie zur Schule gehen müssen.

Ich ging ja zur Schule. Aber sie hat auch nie vergessen, was ich als Kind durchgemacht habe. Und sie wusste, wie sehr mich die Schule quälte. Und sie half mir. Als einmal der Schuldirektor anrief, sagte sie: „Mein Sohn liegt krank im Bett.“ Obwohl sie wusste, ich schwänzte.

Und der Vater?

Der fussballverrückteste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er hatte selbst Profi werden wollen, doch seinen Eltern hatte das Geld gefehlt, ihn regelmässig zum Training zu bringen. Es ist eine traurige Geschichte. Aber seinen eigenen Söhnen (Ricardo und seinen zwei Brüdern, beide mittlerweile auch Profi-Fussballer; Anm.) wollte er wenigstens das ermöglichen, was er nie hatte: eine gute Ausbildung in einem guten Verein. Wir hatten damals einen alten Hyundai. Fast ein Totalschaden, überall ramponiert, aber er fuhr. Mit dem brachte mein Vater meine Brüder und mich täglich zu unseren Clubs, Grasshoppers, FC Zürich, Schwamendingen, und holte uns nacheinander wieder ab.

Ich vergesse dieses Bild nie: mein Vater in dem alten, rostigen Hyundai, wir dazu als Passagiere mit unseren Fussballtaschen. Jeden Tag diese irre Expedition quer durch Zürich (lacht).

Mit fünfzehn verdienten Sie bereits erstes Geld als Fussballer, 1500 pro Monat als Nachwuchsvertrag. Was machten Sie mit der ersten Prämie?

Kam in die Familienkasse, wie geplant. Und dann dachte ich: In ein paar Jahren werde ich meiner ganzen Familie ein besseres Leben ermöglichen können.

Warum wurden Sie eigentlich Verteidiger? Ist es nicht attraktiver für einen Jungen, Stürmer zu sein, der den Jubel erntet, wenn er trifft?

Ich kenne nichts anderes. Ab meinem sechsten Lebensjahr war ich Verteidiger, weil ich im Verein immer bei den ein bis zwei Jahre Älteren spielen musste. Sie sagten jedes Mal: „Du bist der Jüngste, du spielst hinten.“ Klar, weil sie selber Tore schiessen wollten. Aber irgendwie gefiel mir die Defensivposition von Beginn an.

Warum?

Wegen der Verantwortung. Alles sauber zu halten, zu schauen, dass die Null steht. Wenn du Mist baust, ist es meistens ein Tor. Das ist ein Kitzel, der erst endet, wenn das Spiel zu Ende ist. Und keine Sekunde früher: Du kannst 90 Minuten gut spielen, eine Unaufmerksamkeit in der 91., und schon bist du der Dumme … und die guten 90 Minuten sind vergessen. Das reizte mich.

Was ist Ihre grösste Stärke?

Die Ruhe am Ball. Fehler vermeiden, keinen Blödsinn machen, das Risiko klein halten. Und das kann ich.

Sie können aber dann doch ziemlich viel: Als Prototyp eines modernen Verteidigers schalten Sie sich in Angriffe ein, geben Assists – und sind vor allem torgefährlich. Wo haben Sie das her?

Aus der Zeit als kleiner Junge im Park. Im Verein musste ich diszipliniert hinten bleiben, aber mit Freunden? Da ging es ab. Ich wollte nur Tore schiessen, sonst nichts. Ich kam, schnappte mir den Ball und schoss aufs Tor, puff, sofort, wie ein Verrückter.

Klingt so, als wären Ihnen Nervosität oder Angst fremd?

Angst darfst du nicht haben, wenn du Grosses erreichen willst. Ob Penalty, Match oder Gegenspieler, man darf sich vor nichts und niemandem fürchten. Das ist der vielleicht wichtigste Tipp von mir für alle, die etwas werden wollen: Im Fussball brauchst du Eier, sonst wirst du es nicht schaffen.

Real Madrid zahlte für Gareth Bale 100 Millionen Euro. Ihr Marktwert vor der EM betrug 30 Millionen. Sind Fussballer diese Summen wert?

Nein. Keiner ist diese Summen wert. Das sind Mechanismen im Profimarkt, der viele Facetten hat, Werbung, Medien. Diese Zahlen sind für mich nur Theorie. 25 Millionen oder 100? Was macht das für einen Unterschied, für mich oder meine Familie? Ich hab mich für den Fussball nicht entschieden, weil ich im Luxus leben wollte. Sondern weil ich meiner Familie aus ihrer Situation raushelfen wollte.

Was treibt Sie noch an?

Titel. Die ganz grossen Titel. In der Champions League und mit der Nati.

Tatsächlich, mit der Nati? Sehen Sie das Team für Titel bereit?

Wir sind gut für eine Riesenüberraschung bei der EM.