Es ist eigentlich nur ein Scherz. Angesprochen auf seine etwas zu stark blondierten Haarspitzen sagt Renato Steffen: «Wenn ich sonst schon nicht auffalle auf dem Platz, dann wenigstens so!» Als müsste er noch deutlich machen, dass er es nicht ganz ernst gemeint hat, lacht er.

Und doch steckt eine Prise Wahrheit in den Worten des 25-Jährigen. Eine Prise Selbstkritik. Vielleicht gar eine Prise Zweifel. Denn noch ist es nicht seine Saison. Er, der im vergangenen Jahr in fast jedem zweiten Spiel mit einem Assist oder einem Tor am Erfolg seiner Equipe beteiligt war, wartet noch auf Skorerpunkte.

Die Frage, die auch er sich stellt

An der Pressekonferenz vor dem grossen Spiel gegen Benfica Lissabon wird er genau damit konfrontiert. Steffen lächelt. Er wusste genau, dass ihm irgendjemand diese Frage stellen würde. Denn es ist ja auch die Frage, die er sich selber im Moment immer wieder stellt.

«Natürlich ist für mich als offensiver Spieler die momentane Situation auch etwas schwierig. Aber ein Spieler wird nicht nur an Toren und an Torvorlagen gemessen, zumindest bei uns nicht.» Aufopferung für das Team werde ebenso sehr geschätzt.

Das stehe bei ihm zurzeit etwas mehr im Vordergrund. Er versuche, der Mannschaft zu helfen, weil der FCB auch schon in besseren Situationen war. Seine persönliche Lage? Die beunruhige ihn nicht. Aber beschäftigen, das tue sie ihn. «Natürlich. Jeden Tag.»

Steffen vor Spiel gegen Benfica Lissabon: «Die Innenverteidiger sind nicht mehr die jüngsten»

Steffen vor Spiel gegen Benfica Lissabon: «Die Innenverteidiger sind nicht mehr die jüngsten»

Renato Steffen und Raphael Wicky beantworten vor dem Champions-League-Spiel gegen Benfica Lissabon die Fragen der Medien.

Feinfühlig, ruhig, nachdenklich

Ohnehin ist Steffen einer, der mehr hinterfragt als andere seiner Berufskollegen. Wenn ein Schuss wie jener gegen Lausanne nicht im Tor landet, dann kann er es nicht einfach abhaken. Er hadert mit der Situation. Denkt zu viel darüber nach.

«Das ist leider so. Aber ohne zu denken, kann man ja auch nicht spielen.» Die schweren Gedanken sieht man ihm an. Auf dem Platz. Neben dem Platz. Seine Schlitzohrigkeit, die er auch seiner Leichtigkeit zu verdanken hat und umgekehrt, ist ihm abgegangen. Das belastet doppelt.

Denn Steffen ist feinfühlig, kleinste Änderungen bringen den Mann mit dem sensiblen Gemüt schnell aus der Bahn. Dazu zählen die Veränderungen in und um die Mannschaft, in der alle zu sehr mit sich beschäftigt sind, wie er sagt. Oder seine neu definierte Rolle in Raphael Wickys variierenden Systemen, an die er sich erst gewöhnen muss.

«Es würde mich kaputt machen»

Es mag alles ein bisschen viel sein im Moment. Dazu passt auch, dass er noch anfügt: «Wenn ich die ganze Zeit über meine Formkrise nachdenken würde, dann würde es mich kaputtmachen.»

Über ganz alles, was aktuell nicht stimmt, mag er vor den Mikrofonen nicht reden. Sowieso ist er ruhiger geworden. War er für gewöhnlich der, der in den Trainings zu hören war, nimmt er sich in letzter Zeit zurück. Die Sprüche sind rarer geworden. Er brauche nun mal mehr Zeit als andere, um sich an Neues zu gewöhnen.

Losgerissen vom Alltag

Und doch muss er seinen Mann stehen. Er ist Leistungsträger in dieser jungen Mannschaft, deren Hierarchie abgeflacht ist. Er muss vorangehen. Er muss mit dafür sorgen, dass man diesen FCB wieder erkennt. Dass er sein altes Gesicht wiederfindet. Am besten schon gegen Benfica.

Die Spiele in der Champions League, sie waren seit je sein Kindheitstraum. Womöglich kommen sie zum richtigen Zeitpunkt. Sie reissen Steffen und seine Mitspieler aus dem belastenden Alltag. Dass das beflügeln kann, zeigte das Spiel in Manchester – Niederlage hin oder her.

Die Leistung war gut. Steffen der Beste. Zufrieden war er trotzdem nicht. Um an diesen Punkt zu gelangen, benötigt er ein Erfolgserlebnis. Gegen die Portugiesen wittert er seine Chance. Denn Benfica hat eine Schwäche, die ihm zugutekommen könnte:

Chance gewittert

«Ihre Innenverteidiger sind nicht mehr die jüngsten und daher nicht die schnellsten. Und wir haben schnelle Spieler in der Offensive. Wenn sie uns Räume lassen, dann kommen wir zu Chancen.» Diese gilt es zwingend zu nutzen, nicht wie in Manchester.

Die dortige Chancenauswertung hatte Steffen im Nachgang des Spiels moniert. Doch bei aller Kritik nimmt er sich nicht aus. Er weiss, dass er mehr kann. Und sagt: «Wenn wir alle, die wir unserer Form nachlaufen, diese wiederfinden, dann bin ich sicher, dass wir bald wieder den FCB sehen werden, den wir sehen wollen.» Und damit auch den sprücheklopfenden, lockeren Steffen.