FC Basel

Renato Steffen und die Frage an sich selbst: «Ist es gut, wenn ich so weitermache?»

Renato Steffen jubelt nach einem Tor gegen Vaduz.

Renato Steffen jubelt nach einem Tor gegen Vaduz.

Sein Wechsel von YB zum FCB sorgte für viel Trubel und böses Blut bei einigen FCB-Fans. Ein halbes Jahr später zieht Flügelspieler Renato Steffen Bilanz – und der 24-Jährige aus Erlinsbach im Aargau verrät seine Ambitionen in der Nationalmannschaft.

Was haben die ersten sechs Monate beim FC Basel aus Ihnen gemacht?

Renato Steffen: Auf die Schnelle behaupte ich: Ich bin immer noch der Gleiche. Aber mir wurde schon gesagt, dass ich etwas ruhiger geworden bin. Und wenn ich so drüber nachdenke, stimmt das wohl. Ich habe in Basel viele neue Leute kennengelernt, ein neues berufliches Umfeld, ein neuer Wohnort – das hat mich alles weitergebracht und reifen lassen. 

Sie haben einmal gesagt, Sie müssen Emotionen rauslassen, um auf Topniveau zu spielen. Das ist auch nicht mehr so, oder?

Es hat sich minim etwas geändert: Ich versuche, die Emotionen jetzt anders einzusetzen. Früher war ich in viele verbale Techtelmechtel verwickelt, heute konzentriere ich mich viel mehr auf mich und meine Mannschaft und nicht mehr zu stark auf die Gegenspieler. Und versuche auf diese Weise, meinem Team einen Ruck zu geben. 

Renato Steffen im Video-Porträt – so stellte der FC Basel seinen Neuzugang vor.

Renato Steffen im Video-Porträt – so stellte der FC Basel seinen Neuzugang vor.

Haben Sie sich Hilfe bei einem Mentaltrainer geholt?

Das nicht. Aber nach meinem Wechsel zum FCB habe ich innegehalten und mich gefragt: Ist es gut, wenn ich so weitermache? Wenn ich weiter so provokativ Fussball spiele? Ich habe von verschiedenen Seiten gehört, dass das in Basel nicht so gut ankommt und es besser wäre, wenn ich diesbezüglich an mir arbeiten würde. 

Die Reaktionen nach Ihrem Wechsel von YB zum FCB waren ja zum Teil sehr heftig. Andererseits wurde es schnell ruhiger, weil Sie schnell gut gespielt haben.

Es gibt noch heute Leute, denen werde ich es nie recht machen können. Das ist einfach so, das gibt es auch sonst im Leben. Ich habe mir nach dem Wechsel selber viel Druck gemacht, direkt Leistung zu bringen und mich so von einer positiven Seite zu zeigen. Schön, hat es so gut geklappt. Ich weiss nicht, was passiert wäre, hätte ich mich sportlich nicht so schnell zurechtgefunden in Basel. 

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Gab es damals Vorfälle, von denen Sie sagen: Das war eine Grenzüberschreitung!

Ich bin dem Ganzen so gut es ging aus dem Weg gegangen, habe anfangs auf Besuche in der Basler Innenstadt verzichtet. Heftig war es zum Teil in den sozialen Netzwerken, wo ich eine grosse Präsenz habe: Dort waren einzelne Kommentare schon unschön. Aber je mehr ich gespielt habe, desto häufiger wurden die aufmunternden Nachrichten. Mittlerweile sehe ich das ganze locker und habe mich damit abgefunden, dass es immer Menschen geben wird, die mich nicht mögen.

Trifft man Sie in der Basler Innenstadt an?

Ja. Und es gab auch einmal eine Situation in der Stadt, wo ich mich wehren musste. Ich war mit meiner Familie in einem Kleiderladen, als eine Person mich anpöbelte und sagte, ich solle abhauen aus Basel. Das ist eine Frage des Respekts, vor allem wenn noch meine Familie dabei ist. Die anderen Male, die ich in der Stadt war, war es okay. Ich bin sehr interessiert daran, mehr zu erfahren über den Ort, wo ich jetzt arbeite, über das Leben und die Menschen. Das ist mir wichtig. Ich will schliesslich wissen, wo ich parken muss, wenn ich in die Stadt gehe (lacht). In Zukunft werde ich mehr unternehmen in Basel. 

Ein Schwumm im Rhein ist zu empfehlen.

Habe ich gehört, das reizt mich sehr. Bislang kenne ich den Rhein nur von der Badi in Rheinfelden. 

FC Basel Maischterfiir: Interview Renato Steffen

FC Basel Maischterfiir 2016: Interview Renato Steffen

Sind Sie jemand, der aktiv sucht nach all den Sachen, die über Sie geschrieben werden? 

Ja schon, es interessiert mich, was andere über mich denken und schreiben. Die Gefahr, dass ich dabei über negative Postings stolpere, ist natürlich grösser. Ich mache mir bei einigen Kommentaren auch Gedanken, was die Person jetzt meinen könnte und ob sie vielleicht Recht hat. 

Andere Fussballer sagen, sie geben nichts auf das, was über sie geschrieben wird, das würde nur ablenken.

Ich bin halt so. Und ablenken habe ich mich davon noch nie lassen, ich kann den Fokus schnell wieder auf den Sport richten. 

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Haben Sie denn das Gefühl, die Menschen da draussen schätzen Sie richtig ein?

Mehrheitlich schon, ja. Es wird geschätzt, dass ich auf dem Platz alles gebe und dass ich ein natürlicher Typ bin. Von den wenigen Personen, die negativ über mich urteilen, würde ich mir einen offeneren Umgang wünschen: Ich bin ein Typ, der offen auf Menschen zugeht und habe keine Vorurteile. Klar, für Aussenstehende ist es schwierig, nah an uns Profifussballer zu gelangen und uns näher kennenzulernen. Aber manchmal wäre es schön, wenn weniger schnell über Menschen geurteilt würde. 

Ist es für Sie noch besonders, gegen YB zu spielen?

Ja schon, so lange liegt der Wechsel ja noch nicht zurück. Und ich habe noch Kollegen in der YB-Mannschaft und in Bern. Zudem sind die Erinnerungen an das letzte Spiel weniger gut: Ich habe mich so schwer verletzt, dass ich dadurch nicht an der Europameisterschaft teilnehmen konnte. 

Apropos: Das EM-Out hat Ihnen rückblickend gut getan. Sie konnten die komplette Vorbereitung mit dem FCB absolvieren und haben dadurch eine viel dominantere Rolle im Team, die Sie sonst nicht hätten. Einverstanden?

Das kann man so sehen. Andererseits: Ich wäre liebend gern nach Frankreich gefahren. Hätte ich an der EM gut gespielt, würde ich jetzt mit sehr viel Selbstvertrauen spielen. Aber es hat was: Dass ich einen sauberen Aufbau in Basel machen konnte, davon profitiere ich jetzt. Es gab viele Wechsel im Team, da kann es nur ein Vorteil sein, wenn man vier Wochen lang mit den neuen Kollegen zusammenarbeitet. 

Haben Sie nach Ihrem Verletzungs-Out die EM überhaupt verfolgt? Oder war der Frust zu gross?

Die Schweizer Spiele habe ich natürlich verfolgt, mit einem lachenden und weinenden Auge. Ich hätte auch dabei sein können. Das alles ist aber abgehakt, ich freue mich auf das, was mit dem FCB kommt: Da wartet ein Highlight nach dem anderen. 

Hatten Sie seit dem EM-Out Kontakt mit Nationaltrainer Vladimir Petkovic?

Seit unserem Telefonat damals nicht mehr. Letzte Woche habe ich beim Spiel YB-Donezk Co-Trainer Antonio Manicone getroffen und mich kurz mit ihm ausgetauscht. Sagen, ob ich gegen Portugal dabei bin, konnte er mir aber nicht (lacht). 

Doch Sie rechnen schon mit einem Aufgebot?

Ich hoffe es sehr, ich wäre enttäuscht, wenn ich nicht dabei wäre. Wenn man beim FC Basel spielt und Leistung bringt, stehen die Chancen sicher nicht schlecht. Ich habe im letzten Jahr die ersten Gehversuche in der Nationalmannschaft gemacht, jetzt möchte ich einen Schritt weiterkommen und auch ein wichtiger Spieler für die Schweiz sein. 

Reden wir noch über den FC Basel: Qualität und Breite im Kader sind nochmals gestiegen – gerade auf den Flügeln, wo auch Sie spielen. Wie gehen Sie damit um?

Ich finde das nur gut. Es ist unglaublich, welche Qualität wir haben, im Training geht es hoch zu und her. Dass bei diesem Kader Stammspieler fast nicht möglich sind, ist klar: Dafür können wir wie in Luzern zwei Nationalspieler von der Bank bringen und das Spiel noch drehen. Das zu wissen, gibt allen Spielern ein grosses Gefühl von Sicherheit. 

Wie lässt sich das vereinbaren mit dem natürlichen Anspruch eines Fussballers, immer von Anfang an spielen zu wollen?

Der bleibt natürlich immer. Aber gleichzeitig muss man realistisch genug sein: Wir haben ein dichtes Programm und hohe Ziele, da kann ein einzelner nicht alle Spiele machen. 

Sie sind nicht mehr der Neue, sondern fast schon arriviert. Wie äussert sich das?

Dadurch, dass ich den Anspruch an mich selber hege, die Mannschaft auf dem Platz auch zu führen. Mit Leistung, aber auch mal verbal. Ich bin nicht mehr das Talent, ich bin bald 25. 

Ende August werden die Champions-League-Gruppen ausgelost. Haben Sie Wunschgegner?

Ich bin grosser Ronaldo-Fan. Gegen ihn und Real Madrid zu spielen, wäre natürlich grossartig. Aber hey, in der Champions League gibt es nur attraktive Gegner. Ich freue mich primär darauf, ins Stadion einzulaufen und diese Hymne zu hören. Darüber rede ich seit Jahren mit meinem Vater, er wird eine Träne verdrücken, das ist mein Ziel. 

Dass Ihr Vater weint?

Vor Freude natürlich. Er war lange derjenige in der Familie, der skeptisch war gegenüber meinem Willen, Fussballprofi zu werden. Doch seit ich  den ersten Profivertrag bei Thun unterschrieben habe, steht er voll hinter mir und lässt mich machen. Jetzt ist meine Mutter skeptischer, sie hat auch beim Wechsel nach Basel gefragt, ob es das Richtige ist, was ich tue. Das Temperament habe ich eindeutig von ihr geerbt. 

War in der Sommerpause eigentlich immer klar, dass Sie in Basel bleiben? Sprich: Hatten Sie Wechselgedanken?

Nein, soweit war es nie. Interesse gab es schon von verschiedener Seite, aber nie etwas, das dem, was ich in Basel habe, das Wasser reichen könnte. Der Präsident hat mal nachgefragt, ob ich sicher bleibe. Ja, ich bin keiner, der bei der erstbesten Gelegenheit wieder geht. Ich habe bis 2020 beim FCB unterschrieben und möchte hier etwas aufbauen. Ich möchte auch meinen Kritikern beweisen, dass ich zum FCB gehöre. 

Der Traum vom Ausland aber, der lebt.

Das kann ich nicht leugnen. Aber die Messlatte, die der FCB legt, ist sehr hoch. Ich habe noch Zeit. 

Sogar zwei, drei Jahre in China liegen noch drin.

Man kann nie wissen (lacht).

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