FC Basel

Renato Steffen: «Ich will zeigen, dass ich ganz okay bin»

Will via FCB mit der Schweizer Nationalmannschaft an die Europameisterschaft in Frankreich reisen: Renato Steffen.

Will via FCB mit der Schweizer Nationalmannschaft an die Europameisterschaft in Frankreich reisen: Renato Steffen.

Reizfigur Renato Steffen wechselte von den Young Boys zum FC Basel. Nach seinem Wechsel zum FC Basel gibt der Aargauer sein erstes Interview – und sagt, warum er unbedingt zum FCB wechseln wollte und warum er sich auf das erste Spiel freut.

Die ersten Bilder von Ihnen im FCB-Training lassen erahnen, dass Sie schnell in die Gruppe aufgenommen wurden. Keine Spur von Ressentiments, wie von einigen Seiten befürchtet worden war.

Renato Steffen: In der Tat, ich fühle mich bereits als Teil der Gruppe. Als ich am Mittwoch am Flughafen Kloten erstmals zu den neuen Teamkollegen stiess, war ich zugegeben etwas nervös. Dass ich zu Beginn gleich ein Trainingslager mit der Mannschaft absolviere, hilft mir sehr beim Integrationsprozess, da wir auch neben den Trainings sehr viel Zeit miteinander verbringen. Auf den Bildern kann man erkennen, dass ich sehr viel Spass habe mit den Jungs.

Hätten Sie in jungen Jahren gedacht, dass Sie dereinst wochenlang die Schlagzeilen dominieren wie vor Ihrem Wechsel zum FCB?

Als Teenager konnte ich nur davon träumen, einmal zu einem solchen Klub zu wechseln. Vor vier Jahren habe ich noch als Maler Wände gestrichen – da ist es tief im Hinterkopf, dass man einmal auf diesem Niveau spielen kann. Geschweige, dass schweizweit über meine Person diskutiert wird.

Sind Sie erschrocken wegen des ganzen Wirbels, den Ihr Wechsel von YB zu Basel ausgelöst hat?

Das nicht, damit muss man umgehen, wenn man Profi ist. Ich musste vielleicht mehr als solche, die schon länger Profi sind als ich, lernen, all dies mental zu verarbeiten.

Sie sind ein Spieler, der polarisiert. Brauchen Sie das?

Es ist eine Herausforderung für mich, denjenigen das Gegenteil zu beweisen, die negativ über mich denken. Ich will zeigen, dass ich ganz okay bin.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an Ihren ersten Auftritt im St. Jakob-Park als FCB-Spieler denken?

Grosse Vorfreude! Das Ziel wird es natürlich sein, gleich zu gewinnen.

Kein Bammel, dass Sie ausgepfiffen werden, so wie in Basler Fanforen angekündigt wird?

Das kann ich nicht beeinflussen. Ich muss auf dem Platz einen guten Job machen. Dann bin ich zuversichtlich, dass mich die Fans im Joggeli anfeuern werden.

Haben Sie Verständnis dafür, dass es rund um den FCB Leute gibt, die Sie nicht im rot-blauen Trikot sehen wollen?

Irgendwo schon, ja. Aber es war nicht der erste Transfer, der für Wirbel gesorgt hat. Klar kann ich die Meinung der Kritiker nicht vertreten, aber ein gewisses Verständnis ist da.

In den negativen Kommentaren über Ihre Person dreht sich das meiste um Ihr Rencontre mit Taulant Xhaka im vergangenen September. Seit wann ist zwischen ihnen beiden wieder alles in Ordnung?

Schon nach dem Spiel haben wir uns ausgesprochen. Ich hatte vor und nach diesem Abend kein Problem mit Tauli – und ich denke, er auch nicht mit mir. Wenn ich auf dem Platz stehe, gebe ich alles für meine Mannschaft. Früher für YB, in Zukunft für den FC Basel. Man merkt hier im Trainingslager, dass ich mich mit Tauli gut verstehe und dass unser guter Umgang miteinander nicht gespielt ist. Wir sind ähnliche Typen auf dem Platz, die körperbetont spielen. Und privat sucht man sich doch immer die Charaktere aus, die einem ähnlich sind. Darum verstehen wir uns auch privat ganz gut.

Was glauben Sie, warum hat Sie der FC Basel geholt?

Ich bin ein Spieler, der auf dem Platz viel probiert und immer mal wieder etwas riskiert. Vielleicht waren das die Attribute, die die FCB-Verantwortlichen überzeugt haben.

Ihr Ende bei den Young Boys war unschön, am Ende wurden Sie sogar vom Trainingsbetrieb ausgesperrt. Hat Sie das enttäuscht?

Nein, das nicht. Ich hatte zweieinhalb tolle Jahre bei YB, in denen ich zu dem Spieler gereift bin, der jetzt zum FC Basel wechseln kann. Solche Situationen, wie zuletzt bei YB, kommen vor im Fussball. Ich hatte mit Fredy Bickel immer einen guten Austausch. Als der Transfer dann definitiv war, haben wir uns noch einmal ausgesprochen und gesagt: Gehen wir doch im Guten auseinander, man sieht sich schliesslich immer zwei Mal im Leben.

Aber dass Sie sogar vom Trainingsbetrieb suspendiert wurden, muss doch wehgetan haben?

Klar war das enttäuschend. Es wäre für meine Chancen auf die EM-Teilnahme mit der Schweiz wenig förderlich gewesen, hätte ich ein halbes Jahr lang mit der U21 von YB spielen müssen. Aber ich habe die Situation professionell aufgenommen und war immer davon überzeugt, dass es am Ende eine gute Lösung gibt. Aber ich wäre im Notfall bereit gewesen, im Nachwuchs zu spielen.

Von YB-Seite war zu hören, dass Sie und Ihr Management den Klub in Sachen Vertragsverlängerung fast ein Jahr lang hingehalten haben und kein faires Spiel spielten. Was sagen Sie dazu?

Ich denke, wir haben immer offen gegenüber YB kommuniziert. Es ist immer auch Ansichtssache, wie man gewisse Vorgänge interpretiert. Am Ende hat auch YB offen mit uns gesprochen. Klar hätte es besser laufen können, aber ich denke, jetzt sind alle Parteien mit dem Endergebnis einverstanden.

War es für Sie ausgeschlossen, bei YB zu verlängern?

Ich habe immer betont, dass es mir in Bern gefällt. Aber ich hatte einfach das Gefühl, dass ich den nächsten Schritt in meiner Karriere machen musste. Beim FCB habe ich genau die Herausforderung gefunden, die ich gebraucht habe.

Seit wann wussten Sie vom FCB-Interesse an Ihrer Person?

Am Ende der Vorrunde hat mich mein Berater erstmals informiert.

Fällt es leicht, YB zu verlassen, wenn der FCB ruft?

Es ist schwierig, die beiden Klubs zu vergleichen. Aber klar, Basel ist seit Jahren die Nummer 1 in der Schweiz und spielt jedes Jahr europäisch. Ich habe meine Ziele abgesteckt – diese decken sich mit jenen des FCB.

Glaubt man als YB-Spieler überhaupt daran, in der Tabelle vor dem FCB zu landen oder einen Titel zu gewinnen?

Klar glaubt man daran. Aber natürlich ist bei YB der Druck riesig, wenn man auf die lange Zeit ohne Titel zurückschaut.

Aber es fällt auf: Mit Gilles Yapi, Raul Bobadilla und nun Renato Steffen haben in den letzten Jahren drei Schlüsselspieler YB verlassen, weil der FCB anklopfte.

Als Spieler in der Super League weiss man, dass der FC Basel die Nummer 1 ist und europäisch in den letzten Jahren immer dabei war. Jeder muss wissen, welche Ziele er sich gesteckt hat. Und wenn diese zu jenen des FCB passen, dann muss man zum FCB wechseln.

Haben Sie sich für den FCB und gegen das Ausland entschieden?

Es gab Anfragen aus anderen Ligen. Aber ich träume von Kindesbeinen an davon, Champions League zu spielen, und natürlich möchte jeder Spieler auch Titel gewinnen in seiner Karriere.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, im Juni mit der Schweiz an die Europameisterschaft in Frankreich zu fahren?

Ich denke, die Chancen liegen bei 50 Prozent. Ich bin erst seit kurzem Nationalspieler, aber natürlich ist die EM jetzt mein Ziel. Das war auch ein Grund, der für Basel gesprochen hat: Im Ausland hätte es vielleicht länger gedauert, bis ich mich eingelebt hätte.

Ich habe gelesen, Sie haben eine Gesangsausbildung absolviert.

(lacht) Ja, aber das ist schon sehr lange her. Ungefähr zwölf Jahre alt war ich da. Ich musste mich entscheiden, ob ich künftig auf Fussball oder aufs Singen setze. Es war eine einfache Entscheidung. Aber Singen ist immer noch ein Hobby von mir, dass ich nie ganz aufgegeben habe.

In welcher Form?

Wer mit mir unterwegs ist, hört mich immer singen – nicht nur unter der Dusche. Ich überlege mir, ob ich wieder mit Singen anfangen soll und habe auch bereits Kontakt aufgenommen mit meiner früheren Gesangslehrerin.

Was gibt Ihnen das Singen?

Es gibt Momente im Leben, in denen es mir nicht so gut geht. Dann beginne ich zu singen und verspüre wieder Glücksgefühle. Auch sonst singe ich einfach gerne: mein Zimmerpartner Alex (Alexander Fransson, d. Red.) musste hier in Marbella schon einige Lieder von mir anhören – aber beschwert hat er sich bislang nicht.

Denken Sie an Auftritte als Sänger?

Nein, nein, so weit ist es noch nicht.

Mussten Sie denn Ihren neuen Teamkollegen schon etwas vorsingen?

Bisher noch nicht. Aber wenn sie dieses Interview lesen, muss ich vielleicht ein Ständchen zum Besten geben. Ich bin offen für alles.

Was singen Sie denn am liebsten?

Ich stehe auf Balladen, auf schnulzige Herzensbrecher-Lieder (lacht). Celine Dion ist gut, oder aktuell Lieder von John Legend.

An Ihnen fallen auch die vielen Tattoos auf – was steckt dahinter?

Alle Motive haben in irgendeiner Weise mit der Familie zu tun. Ich finde Tattoos schön, umso mehr, wenn sie eine Bedeutung haben. Es ist wie eine Sucht – aber ich überlege mir vor jedem Tattoo gut, ob ich es wirklich machen will. Der linke Arm ist reserviert für meine Kinder (lacht).

Renato Steffens Traumtor gegen den FC Aarau .

Renato Steffens Traumtor gegen den FC Aarau .

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