U21-Europameisterschaft

Raus aus dem Schatten, rein in die Traumfabrik

Erstmals im Rampenlicht: Die Schweizer U21 an der Heim-E 2002: (v.l.) Roman Friedli, Pascall Oppliger, Stéphane Grichting, Remo Meyer, Alain Rochat und Daniel Gygax (ganz rechts).

Erstmals im Rampenlicht: Die Schweizer U21 an der Heim-E 2002: (v.l.) Roman Friedli, Pascall Oppliger, Stéphane Grichting, Remo Meyer, Alain Rochat und Daniel Gygax (ganz rechts).

Morgen um 20.45 bestreitet die Schweizer Mannschaft das erste Spiel der U21-Europameisterschaft gegen Gastgeber Dänemark. Aus der beschaulichen Begeisterung für den Nachwuchs wurde in den letzten Jahren ein richtiger Hype.

Ein paar hundert Zuschauer, ein holpriger Platz im aargauischen Muri. Das sind die Erinnerungen von Elvir Melunovic an ein EM-Quali-Spiel der Schweizer U21. Vor zehn Jahren war es noch eine kleine Welt, in der sich die hoffnungsvollsten Nachwuchsspieler des Landes bewegten. Nur ein Jahr später war Schluss mit der Beschaulichkeit um die U21. Die Auswahl hatte sich für die Heim-EM 2002 qualifiziert, was einen regelrechten Hype um die «Titanen» ausgelöst hatte. 30 000 Zuschauer sahen im St.-Jakob-Park das 0:0 gegen Italien, mit dem sich die Schweiz den Einzug in die Halbfinals sicherte.

Im Halbfinale scheiterte die Schweiz an Frankreich (0:2). Was der landesweiten Fussball-Begeisterung keinesfalls Schaden zugefügt hatte. Obwohl das A-Team nach der erfolgreichen Hodgson-Ära wieder die ehrenvollen Niederlagen kultivierte. Es war trotzdem nicht die Zeit, Trübsal zu blassen. Zuversicht und Optimismus herrschten vor. Denn die U17 war eben erst Europameister geworden und die U21 mischte das Konzert der Grossen auf.

Schweizer Fussball löst Euphoriewelle los

Der Ursprung der erfolgreichen Nachwuchsarbeit des Schweizer Fussballverbands liegt in den 90er-Jahren. Im Zeichen der absehbaren Qualifikation für die WM 94 - notabene der ersten WM-Teilnahme nach 28 Jahren - stieg die Credit Suisse beim Verband als Hauptsponsor ein. 2,5 Millionen Franken pro Jahr machte die Grossbank locker und erwischte somit die Euphoriewelle, die der Schweizer Fussball damals losgelöst hatte.

Die Hälfte des Betrags war indes zweckgebunden. Auch der Nachwuchs sollte profitieren. Verbandspräsident Marcel Mathier proklamierte die Professionalisierung und heuerte Hansruedi Hasler als technischen Direktor an, der zuvor als Bereichsleiter für Bildung und Gesundheit am sportwissenschaftlichen Institut der eidgenössischen Sportfachschule Magglingen tätig war.

Hasler und das Fussballwunder

Die Schweizer Junioren seien im internationalen Vergleich mental, technisch, taktisch und konditionell ungenügend ausgebildet, analysierte Hasler. Fortan wurde im Schweizer Verband systematisch daran gearbeitet, die Attitüde des Aussenseiters konsequent zu bekämpfen. «Unsere Spieler greifen an und suchen bei jeder Gelegenheit den Abschluss. Unsere Teams sind gut organisiert, kompakt und zwingen den Gegner zu Fehlern», lautete fortan die Maxime beim SFV. Hasler reiste zwecks Fortbildung in die führenden Fussball-Länder und engagierte daraufhin sechs vollamtliche Trainer (u.a. Köbi Kuhn und Bernard Challandes) für die Basisarbeit.

Sieben Jahre später hat die Schweiz den Rückstand auf die weltbesten Nationen bereits aufgeholt. Die U17 wird Europameister und die U21 qualifiziert sich erstmals für eine EM, was bedeutend schwieriger ist als eine Stufe höher, weil das Teilnehmerfeld nur acht Teams umfasst. Ein unvergessliches Erlebnis sei dieser Event gewesen, schwärmt Melunovic noch heute. «Endlich standen wir im Rampenlicht und wurden auch international wahrgenommen. Die Anerkennung, die wir erhielten, war gewaltig.» Hasler sagt, diese U21-EM sei ein unglaublich wichtiger Moment für den Schweizer Fussball gewesen. Für einige war diese EM ein Sprungbrett ins Ausland. Alex Frei drängte sich für einen Wechsel zu Rennes auf, Remo Meyer wurde von 1860 München, Mario Eggimann vom Karlsruher SC und Stéphane Grichting von Auxerre verpflichtet.

Karriereknick für Melunovic

Andere Spieler verschwanden früher oder später von der Bildfläche, wie Melunovic. An der EM zwar noch absoluter Leistungsträger im linken Mittelfeld, trat er schon 2007 von der Bühne des Profifussballs ab. Was war schief gelaufen? «Köbi Kuhn sagte, ich müsste ins Ausland wechseln, um ein Thema für die Nati zu werden. Damals war ich Stammspieler bei YB. Ein Klub aus der französischen Liga wollte mich verpflichten. Doch fünf Runden vor Schluss war dort der Trainer weg. Als der damalige YB-Präsident Peter Mast Wind von der Geschichte bekommen hatte, sagte er mir, dass ich mir die Vertragsverlängerung bei YB ans Bein streichen könne. Das war mein Karriereknick.» Chiumiento als Paradebeispiel

Die Teilnahme an einer U21-EM, ja selbst Leistungsträger auf dieser Stufe zu sein, garantiert noch keine ruhmreiche Karriere. Hasler, seit Januar technischer Direktor bei YB, spricht von einem guten Wert, wenn zwei Spieler pro Jahrgang den Sprung in die A-Nati schaffen. «Normalerweise bringt man einen pro Jahrgang gross raus. Wenn es mit Barnetta, Senderos und Ziegler drei ehemalige U17-Europameister in die A-Nationalmannschaft schaffen, ist das ein herausragender Wert.» Die Liste der hoffnungsvollen Talente, die trotz hervorragender Nachwuchsarbeit auf der Strecke geblieben sind, ist lang: Davide Chiumiento sei das Paradebeispiel, so Hasler. «Als Chiumiento 15 war, sagten wir uns, dass wir noch nie ein Talent dieser Güteklasse hatten.» Heute kickt Chiumiento in Vancouver. «Er konnte sich lange nicht für oder gegen die Schweiz entscheiden. Und dann war auch seine Klubwahl nicht immer glücklich», begründet Hasler.

Schweizer Fussball-Talente mit Strahlkraft

Zurück zu Melunovic: Heute redet keiner mehr vom Mittelfeldspieler, der mit Servette und den Grasshoppers immerhin je einen Meistertitel gewonnen hat. Dafür ist er als Spielertrainer des regionalen Zweitligisten Suhr zu tief gesunken. Doch er hat seinen Anteil daran, dass der Nachwuchs-Fussball ins Bewusstsein einer grösseren Bevölkerungsschicht gelangt ist. Allein, dass das Schweizer Fernsehen alle Spiele der U21 an der morgen beginnenden EM live ausstrahlt, ist ein Hinweis auf die Strahlkraft von Schweizer Fussball-Talenten. Dazu ein Beispiel: Den gewonnenen WM-Final der U17 sahen über eine Million Schweizer. Im Jahr 2009 war dies die drittbeste Sport-Quote beim Schweizer Fernsehen.

Das Team von Pierluigi Tami hat das Potenzial, an der morgen beginnenden EM in der Schweiz einen Hype auszulösen. In der Gruppe mit Dänemark, Island und Weissrussland ist der Einzug in den Halbfinal keine Utopie. Die ersten drei - England ist als Gastgeber gesetzt - qualifizieren sich für die Olympischen Spiele 2012 in London. Seit die Olympia-Plätze an der U21-EM ausgespielt werden, ist dies noch keiner Schweizer Mannschaft gelungen. Doch die Spieler wollen mehr. «Wir wollen mit dem Pokal nach Hause kehren», so der selbstbewusste Tenor innerhalb der Mannschaft.

Meistgesehen

Artboard 1