Retrospektive
Raimondo Ponte über sein Ende beim FCZ: «Man wollte mich fertig machen»

Beim FC Zürich startete der heutige Aarau-Trainer Raimondo Ponte einst eine hoffnungsvolle Karriere. Beim FC Zürich erlitt er aber auch einen Knick, der bis heute nachhallt.

François Schmid-Bechtel
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Vor einem Jahr aus der Versenkung aufgetaucht: Ponte als Nothelfer beim FC Sion mit Präsident Christian Constantin.
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Eleganz setzt sich durch: GC-Offensivkünstler Raimondo Ponte gegen den Luzern-Abwehrspieler Urs Birrer.
Abgang durchs Fenster: Raimondo Ponte am 18. April 2000, seinem letzten Arbeitstag als FCZ-Trainer.
Raimondo Ponte damals und heute

Vor einem Jahr aus der Versenkung aufgetaucht: Ponte als Nothelfer beim FC Sion mit Präsident Christian Constantin.

Mario Heller

«Okay, aber nur ein Glas zum Anstossen», sagt Raimondo Ponte. Wobei es keinen grossen Unterschied macht, ob der 60-Jährige etwas sagt oder nebenan ein Dobermann bellt. Beide tönen ähnlich. Nur: Ponte quittiert die Offerte mit einem Lächeln. Ein Lächeln, wie ich es vor 15 Jahren nie gesehen habe.

Damals, im April 2000, erlebte ich seine letzten Zuckungen als Trainer beim FC Zürich. Ich war ein junger Journalist beim «Blick». Ein Jäger auf der Spur nach der aufsehenerregenden Schlagzeile.

Ponte das stolze, aber angeschossene Wild, das hinter jeder Regung den Todesstoss befürchtete. «Torebueb! Lügner! Hau ab!», bellte er über den Trainingsplatz neben dem Letzigrund-Stadion, wenn er mich nur schon witterte. Das Wild in der Rolle des Jägers. Aber der Jäger wollte nicht tauschen. Gewiss, er war auf der Hut. Doch je unflätiger die Beschimpfungen, desto fetter die Beute für den Jäger.

Ponte kümmerte es nicht, wenn die Spieler während des Trainings für mehrere Minuten untätig herumlümmelten, weil er sich in den verbalen Nahkampf mit dem Jäger verstrickte. Nein, Pontes Fokus galt nur noch seinem eigenen Überlebenskampf, den er schon Wochen zuvor verloren hatte.

Wahrscheinlich war ich noch Jahre der «Torebueb». Ich weiss es nicht. Weil sich unsere Wege schlicht nicht mehr gekreuzt haben. Gleichwohl war ich mir immer sicher, dass der Süditaliener nicht auf einen kratzbürstigen, misstrauischen, impulsiven Vulkan reduziert werden kann.

Natürlich kannte ich vom Hörensagen die Geschichten vom Gutmenschen Ponte, der einst den jungen burundischen Spieler Shabani Nonda bei sich zu Hause aufnahm.

Oder als GC-Spieler seinen neuen Teamkollegen Andy Egli bei sich wohnen liess. Bewundernswert fand ich indes, wenn ich die letzten Jahre auf dem Heimweg die Fussballplätze von Windisch passierte und Ponte beobachtete, wie er mit Geduld und Empathie die Kinder des lokalen Fussballklubs trainierte.

Nun sitzen wir bei mir zu Hause am Esstisch. Ponte kramt sein Smartphone hervor. «Kennst du den? Kennst du den?», fragt Ponte. Ich sehe Ponte mit Diego Maradona, Ponte mit Franz Beckenbauer, Ponte mit Günther Netzer, Ponte mit Trevor Francis, Ponte mit Paolo Rossi, Ponte mit Roger Milla und Ponte mit vielen anderen. Der ältere meiner Buben kommt mit einem Springseil herbeigerannt und quengelt. Ponte steht auf. Streicht dem Jungen über den Kopf. Nimmt das Seil. Demonstriert, wie man Seil springt. Setzt sich wieder hin. Und erzählt von früher.

Der «Tschingg»

Ponte ist als Achtjähriger eingewandert. Damals war der Italiener der «Tschingg». Vielleicht war Ponte deshalb so lange misstrauisch, weil er als Ausländerkind Ablehnung zu spüren bekam. Die Ablehnung ist spätestens dann von Achtung abgelöst worden, als Ponte bei den Grasshoppers anheuerte. Mit GC stiess er 1978 bis in die Halbfinals des Uefa-Cups vor – Ponte wurde sogar Uefa-Cup-Toschützenkönig –, was ihm später die Türe zu Nottingham Forrest öffnete, damals ein englischer Spitzenklub.

Nach nur einem Jahr zog er weiter zu Bastia und verzichtet damit auf ziemlich viel Geld. Warum? «Weil der damalige Nationaltrainer Leon Walker meinte, ich hätte in Nottingham zu wenig Spielpraxis.»

Heute diente Ponte als Beispiel für eine perfekte Integration, würde sogar die SVP für solch patriotisches Verhalten ein Loblied auf den Sohn eines neapolitanischen Schuhmachers anstimmen. Umso mehr, weil er heute bedauert, dass in einer Fussballmannschaft kaum noch vier Spieler die Jasskarten kennen. Aber damals war Ponte einfach nur ein guter Fussballer.

Später war er auch ein guter Trainer. Aber nicht bei GC, sondern beim Erzrivalen FC Zürich. Die Siege entzogen dem Argwohn der Fans den Sauerstoff. Doch in der Niederlage war Ponte einer von «ennet dä Gleis». Ein Fremder. Wie damals, als er mit acht in die Schweiz kam.

Vielleicht hat er deshalb den Fehler gemacht, beim FCZ mit seiner steten Präsenz ein Machtsystem aufzubauen, das ihm helfen sollte, sich unentbehrlich, ja fast unentlassbar zu machen. Er hat ein Netzwerk gesponnen, dessen Fäden alle bei ihm zusammengelaufen sind. Kurz: Ponte war der Alleinunterhalter.

Er kaufte Spieler. Er verkaufte Spieler. Er trainierte Spieler. Er beurteilte Spieler. Er betreute Spieler. Er belohnte Spieler. Er bestrafte Spieler. «Es braucht die gleichen zwei Augen des Managers Ponte, der einen Spieler beurteilt und die gleichen zwei Augen des Trainers Ponte, der diesen Spieler schliesslich einsetzt», sagte er damals. Heute sagt er: «Ich würde vieles anders machen. Mehr Leute einbinden und nicht alles selbst bestimmen.»

Hektik am Esstisch. Der grössere der Jungs schnappt sich einen Eisbeutel und eine Schere. Er schneidet den Eisbeutel auf und schüttet einen Teil des Inhalts über den Kopf seines jüngeren Bruders. Ponte bleibt stoisch. Wartet geduldig, bis sich die Situation beruhigt hat und sagt ohne Verbitterung in der Stimme: «Man wollte mich fertigmachen.»

Auch wenn er mit dem FCZ keinen Titel gewann, hat er in seinen fünf Jahren als Trainer doch Spuren hinterlassen. Ihm gelang es nicht nur, mal spektakuläre, mal herausragende Spieler zu verpflichten. Sondern diese auch häufig gewinnbringend zu verkaufen. Das beste Beispiel dafür: Shabani Nonda. In der Szene geisterte deshalb das Gerücht, Ponte würde bei Transfers mitkassieren. «Ich habe von Präsident Sven Hotz ein einziges Mal einen Bonus erhalten. Das wars», sagt Ponte.

Der Wechselfehler

Es war der 12. Dezember 1999, der Pontes Trainerleben in Schieflage gebracht und sein Image bis heute beschädigt hat. Der FC Zürich spielte auswärts gegen Xamax. Das 1:1 reichte gerade so, um den Absturz in die Auf-/Abstiegsrunde zu verhindern. Dumm nur, dass Xamax Protest einreichte, weil der FCZ acht statt der erlaubten sieben Ausländer auf der Matchkarte aufgeführt hatte. Am 23. Dezember folgte das Urteil der Disziplinarkommission: Das Spiel wurde mit einem 3:0-Forfaitsieg für Xamax gewertet. Der FCZ wurde in die Abstiegsrunde verbannt.

«Welschen-Mafia!», bellte er damals, weil «wir Deutschschweizer erst seit Sommer in Besitz einer bereinigten Reglementsverfassung sind, während die Welschen diese schon seit mehr als zwei Jahren kennen.»

Mit mehr als 15 Jahren Abstand sagt Ponte: «Ich hatte in allen Spielen mehr als sieben Ausländer auf dem Matchblatt, aber gestört hat es nie jemanden.» Bis zu jenem Spiel in Neuenburg. Offenbar, so Ponte, hätte ein Mann mit FCZ-Vergangenheit Xamax den Tipp gegeben, Protest einzulegen. Den Namen will Ponte für sich behalten. Gleichwohl ist der «Verrat» bis heute unbekannt gewesen.

Der angebotene Rücktritt

Unbekannt war bis heute auch, dass Ponte nach dem Wechselfehler seinem Präsidenten den Rücktritt angeboten hat. Nach aussen schien es, als würde sich der Vater von drei Kindern mit aller Macht an seinen Job krallen. Nun sagt er: «Ich habe Sven Hotz geraten, er solle einen neuen Trainer einstellen. Doch Hotz wollte nicht.»

Mit dem Fall in die Abstiegsrunde begann die wohl turbulenteste Zeit beim FC Zürich in der Neuzeit. Pontes Selbstvorwürfe und die verlorene Autorität des Trainers bei den Spielern verwandelten den FCZ in ein manövrierunfähiges, träges, aber auch kapriziöses Vehikel.

Der FCZ versank im Chaos. Den Anfang machte Frédéric Chassot. Am Tag nach dem Meistertitel des ZSC war er im «Blick» zu sehen, wie er sturzbetrunken mit den Hockeycracks im Zürcher Niederdorf feierte.

Nach dem 2:1-Sieg nach Verlängerung im Cup-Viertelfinal gegen Thun war zu sehen, wie Ponte von den eigenen Fans mit Bierbechern und Steinen beworfen wurde.

Nach dem peinlichen 1:2 gegen Baden war zu sehen, wie FCZ-Torhüter Marco Pascolo einem FCZ-Fan an die Gurgel ging. Und einen Tag später war in der «Tagesschau» zu sehen, wie Chassot erst auf eine TV-Kamera einschlägt und danach einen Journalisten tätlich attackiert.

Dieser Journalist war ich. «Viele dieser Geschichten habe ich nicht mehr präsent», sagt Ponte heute. Was er aber nicht vergessen hat, ist der Tag nach Chassots Ausraster. Es war der Tag seiner Entlassung beim FC Zürich. Im Hotel Waldhaus Dolder in Zürich gibt Präsident Sven Hotz vor den Spielern die Trennung von Ponte bekannt. Ponte, bis zum bitteren Ende loyal wie ein Schäferhund, übersetzt die Worte des Präsidenten für die ausländischen Spieler auf Englisch, Italienisch und Französisch.

Der neue FCZ-Trainer hiess Gilbert Gress. Für Ponte folgte ein Intermezzo als Sportchef bei Luzern, ehe er die grosse Bühne verliess und in unterklassigen Ligen der Schweiz und Italiens anheuerte. In den Fokus rückte er erst wieder vor einem Jahr als temporärer Notfallhelfer beim FC Sion. Doch nachdem er den Abstieg verhindert hatte, wurde er vom exzentrischen Präsidenten Christian Constantin abserviert. Seit dem 22. März heisst seine Mission: Klassenerhalt mit dem FC Aarau.

Noch eine halbe Stunde bis zum Champions-League-Spiel. Ponte fragt, ob es okay sei, wenn er das Spiel zu Hause anschaue. Natürlich ist es okay. Er verabschiedet sich bei den Kindern, bedankt sich für das Essen und geht. In seinem Glas ist nur unwesentlich weniger Weisswein als zwei Stunden zuvor.

Der Ponte von heute ist nicht der Ponte von gestern. Er ist heute so weit, auch ausserhalb seines vertrauten Umfelds seine weichen Seiten zeigen zu können. Wegen seiner uneitlen Art hat er vielleicht einen etwas antiquierten Anstrich. Doch Ponte ist keiner, der in der Vergangenheit stehen geblieben ist. Er ist heute nahbarer, fassbarer, gelassener, ausgeglichener und authentischer als damals.

Vielleicht hilft ihm das heute im Spiel gegen seinen früheren Klub FC Zürich. Sicher hilft es ihm aber, die schwierigen Aufgaben mit dem FC Aarau, die noch folgen werden, zu lösen.

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