WM 2018
Putins Anruf beweist, wie wichtig Russlands Kantersieg für die WM-Euphorie ist

Was war die russische Nationalmannschaft vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land kritisiert worden. Und dann das: Gleich mit einem 5:0-Erfolg startete sie in das Turnier. Auch wenn Saudi-Arabien sackschwach war, gibt der Sieg Mut. Die WM ist lanciert – auch ausserhalb der Stadien.

Ralf Meile
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Soldat Tschertschessow hat geliefert: So feiert der russische Trainer.

Soldat Tschertschessow hat geliefert: So feiert der russische Trainer.

Keystone

«Das ist der bestmögliche Start für uns. Der Sieg im ersten Spiel ist wichtig. Wir haben uns gezielt auf den Tag vorbereitet, das war der richtige Zeitpunkt», freute sich Russlands Trainer Stanislaw Tschertschessow.

Der Coach verschwand während der Pressekonferenz nach dem Spiel kurz mit dem Hinweis, sein Handy vibriere. Als er zurückkehrte, erklärte Tschertschessow, wer dran war:

Wladimir Putin liess es sich also nicht nehmen, dem Nationaltrainer persönlich zu gratulieren. «Er bat mich, seinen Dank dem ganzen Team auszurichten für die Leistung, die sie gezeigt haben. Und er wünschte sich, dass wir nun so weiter spielen», verriet Tschertschessow den Inhalt des kurzen Gesprächs.

Ein Soldaten-Gruss von Tschertschessow für Torschütze Dsjuba.

Ein Soldaten-Gruss von Tschertschessow für Torschütze Dsjuba.

Keystone

Realistische Einschätzung des zu hohen Siegs

Wieder einmal zeigte sich, was ein einziges Fussballspiel ausmachen kann. Gaben die einheimischen Fans ihrem Team vor der WM noch kaum Kredit, sieht es im Riesenreich jetzt ganz anders aus. Der Kantersieg in Moskau lässt darauf hoffen, dass Russland entweder Uruguay oder Ägypten hinter sich lassen und in die Achtelfinals einziehen kann. Die 142 Millionen Einwohner des flächenmässig grössten Staats der Erde träumen in ihrer Euphorie wohl bereits von noch mehr.

Artjom Dsjuba trifft zum 3:0
22 Bilder
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Artjom Dsjuba trifft zum 3:0

Keystone

Dem Team wird allerdings sehr wohl bewusst sein, dass der 5:0-Sieg gegen einen sehr schwachen Gegner zustande kam. Und dass zwei der fünf Treffer erst in der Nachspielzeit fielen. «Der Sieg war vielleicht ein bisschen hoch», befand Tschertschessow. Sein Berufskollege bei Saudi-Arabien, der Spanier Juan Antonio Pizzi, hielt klipp und klar fest: «Wir haben nicht verloren, weil sie so gut, sondern weil wir so schlecht waren.»

Stanislaw Tschertschessow muss dies nicht kümmern. Er wies stattdessen auf die Bedeutung eines gelungenen Starts hin. «Wichtig ist, dass die Begeisterung im ersten Spiel im Land da ist.» Dann, das haben Beispiele in der Vergangenheit gezeigt, kann auch ein sportlich eigentlich unterlegenes Team über sich hinauswachsen. Wer hätte denn Gastgeber Südkorea an der WM 2002 zugetraut, bis in die Halbfinals vorzustossen? Einige dubiose Schiedsrichter-Entscheide dürften heutzutage jedoch vom Videoschiedsrichter entlarvt werden ...

Mourinhos Warnung

Der portugiesische Startrainer José Mourinho (Manchester United), der die WM für «RT» analysiert, betonte, dass sich die Russen nicht auf den Lorbeeren dieses hohen Siegs ausruhen dürften. «Vor dem Spiel waren alle pessimistisch, nun nach nur einem Spiel gibt es trotzdem nicht den Grund, plötzlich super optimistisch zu sein», warnte Mourinho. «Geniesst es, freut euch über eine gute Tordifferenz. Aber denkt daran, was für eine enttäuschende Leistung Saudi-Arabien zeigte», sagte er weiter. Ägypten sei besser als die Saudis und Uruguay besser als Ägypten, stufte Mourinho die anderen Gruppengegner ein.

Nationaltrainer Tschertschessow versicherte, dass man nun nicht gleich abhebe. «Wir sollten dieses Spiel nun vergessen und uns rasch auf die nächste Partie konzentrieren. Ägypten wird ein anderes Spiel, in einer anderen Stadt, in einem anderen Stadion. Wir müssen uns akribisch vorbereiten.» Schliesslich will er noch oft von Wladimir Putin angerufen werden – aus erfreulichem Anlass, versteht sich.