Flavio: Hab ich es nicht gesagt: Lara und Valon können in der Schweiz beinahe so viel Kraft entwickeln wie Mirka und Roger Federer. Allein, weil Lara für zwei Tage von ihrem Trainingslager in Südamerika zu ihrem Valon fliegt, kramt der Boulevard die ganz grossen Buchstaben heraus.

David: Klar, die beiden sind populärer als Tim und Struppi. Aber Verliebtheit hin oder her: Soll sich in Zeiten der Erderwärmung nicht jeder hintersinnen, ob es aus ökologischer Sicht sinnvoll ist, für zwei Tage um die halbe Welt zu fliegen?

François: Eine durchaus berechtigte Frage. Erst recht für eine Skifahrerin. In dieser Szene bemüht sich fast jeder um dass Image des naturverbundenen Athleten, des Berglers. Aber ich habe noch selten einen Athleten oder eine Athletin gesehen, die beispielsweise in einem mit Öko-Strom aufgeladenen Elektro-Auto oder im Zug zu den Rennen unterwegs ist. Was mich aber stärker umtreibt als die Lovestory Lara und Valon ist die WM-Aufarbeitung der Schweizer Nati.

Tobias: Absolut. Es beginnt ja schon mit Claudio Sulser. Erst kürzlich kam die Verbandsspitze nach langen Wochen aus dem Reduit gekrochen und hat sich in der Öffentlichkeit für die teils desolate Aussendarstellung während der WM entschuldigt. Sie haben Besserung und Demut und weiss der Teufel was versprochen. Und was macht der Nati-Delegierte bei seinem ersten Auftritt nach der Mea-Culpa-Pressekonferenz? Er wirft den Fans Realitätsverlust vor und kritisiert das Volk: «Was bei uns Schweizern fehlt, ist der Stolz auf die eigene Mannschaft.» Unfassbar, diese elende Arroganz.

Pius: Schon. Aber immerhin haben die Spieler einen Tag später die Initiative ergriffen, sind in corpore vor die Medien getreten und haben damit eine starke Botschaft ausgesandt.

Die Schweizer Nati an der Pressekonferenz.

Die Schweizer Nati an der Pressekonferenz.

François: Ich weiss nicht, was daran so stark sein soll, wenn fünf Nationalspieler auf die WM zurückblicken.

David: Und es dabei nicht schaffen, Nähe zum Publikum herzustellen. Nehmen wir den Captain, Stephan Lichtsteiner. Der sagt doch tatsächlich: «Schauen wir doch, wie sich all die Spieler für die Nati aufopfern.» Ich dachte: um Himmels willen! Was redet der Typ? Müssen die Spieler etwa für ein Nati-Aufgebot einen Obolus leisten? Werden sie gezwungen, während ihrer Zeit bei der Nati Flüchtlinge in ihren Wohnungen zu beherbergen? Müssen sie in der Nati selber kochen? Und logieren sie in einer Jugendherberge? Was läuft da im Hintergrund, wovon wir keine Ahnung haben?

Pius: Oder Granit Xhaka, der ärmste. Wird doch tatsächlich in seinen Ferien nach der WM im Kosovo ständig genötigt, den Doppeladler zu machen. Aber mir ist nur ein Post-WM-Doppeladler in Erinnerung. Granit Xhaka und seine Frau an einem traumhaften Strand. Und ich frage mich: Liegt Kosovo am Meer? Das ist doch Eulengeheul!

Flavio: Am besten hat ganz klar Xherdan Shaqiri abgeschnitten. Er sagte, wenn sich am Doppeladler-Jubel jemand in den Bergen gestört habe, entschuldige er sich. Shaqiri ist grossartig. Weil authentisch und nicht so pseudo staatsmännisch wie die anderen. Ich bleibe dabei: Der Doppeladler ist eine Marginalie. Wie dumm sind wir denn, wenn wir uns lieber über seinen Jubel ärgern, statt über seine Tore freuen.

François: Irgendwo gibt es sicher noch einen unbenannten Berg, den man Piz Shaqiri taufen kann.

Flavio: Ja, und vielleicht findet Xherdan noch Gefallen an Wendy Holdener.