Interview
Philipp Degen: «Immer wieder stösst man mit dem Kopf gegen die Wand»

Philipp Degen sagt, warum ihn der Rücktritt von Bruder David und die Entlassung von Murat Yakin befreiten

Sebastian Wendel
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Philipp Degen und die Achterbahn – derzeit zeigt der Weg für den FCB-Profi nach oben.

Philipp Degen und die Achterbahn – derzeit zeigt der Weg für den FCB-Profi nach oben.

Keystone

Sich ins Cockpit neben Zwillingsbruder David setzen, der gerade das Helikopterfliegen lernt? «Niemals.» Philipp Degen, der sich schon im Flugzeug unwohl fühlt, steht lieber auf dem grünen Rasen. Denn dort fühlt er sich nach 18 turbulenten Monaten unter Ex-FCB-Trainer Murat Yakin wieder pudelwohl. Vor dem Heimspiel gegen die Berner Young Boys nahm er sich Zeit für ein Gespräch und wirkte dabei so befreit wie lange nicht mehr.

Philipp Degen, hinter Ihnen liegt eine Saison, in der Sie und Ihr Zwillingsbruder David nie Stellung bezogen haben zu Vorwürfen in den Medien und zur schwierigen Situation unter Murat Yakin. Warum haben Sie geschwiegen?

95 Prozent der Dinge, die geschrieben wurden, waren falsch. Wir haben uns nie dazu geäussert, weil uns der FC Basel am Herzen liegt und nur der Erfolg der Mannschaft zählt. Wir haben bewusst nie Stellung bezogen zu den Vorwürfen oder zu unserer schwierigen Situation, um die Aufmerksamkeit voll auf dem Verein zu belassen. Bevor Sie fragen: Ich werde auch jetzt nicht näher darauf eingehen, die Vergangenheit ist abgehakt.

Was haben Sie gelernt in dieser Zeit?

(Überlegt sehr lange) Dass es wichtig ist zu wissen, auf wen ich zählen kann. Dass es Dinge gibt, die nicht in meiner Macht liegen und bei denen ich mich und meine Ansprüche zurückstellen muss. Ich musste erkennen, dass das Leben Enttäuschungen mit sich bringt, die ich mir im Voraus nie hätte vorstellen können. Ich habe auch meine Erwartungen an Personen radikal zurückgeschraubt: Wenn ich jemandem einen Gefallen mache, erwarte ich im Gegenzug keinen von dieser Person.

Und jetzt, kaum ist Paulo Sousa FCB-Trainer, könnte es für Sie kaum besser laufen ...

Zurzeit läuft es gut für mich. Es ist ein neuer Trainer da, neue Mitspieler, die Abläufe sind anders, viel Veränderung – das ist förderlich. Eine Karriere ist wie eine Achterbahn: Es geht aufwärts, wieder abwärts, und so weiter. Wichtig ist, dass man mit den Jahren die Balance findet. Man kann nicht immer zuoberst sein, genauso will man auch nie ganz unten sein.

Wo sind Sie gerade auf der Achterbahn?

In der Vorbereitung plagte mich noch eine Wadenverletzung. Jetzt bin ich bestimmt auf einem guten Weg, aber es gibt noch Steigerungspotenzial. Wie bei der ganzen Mannschaft, wir arbeiten erst zwei Monate mit Paulo Sousa.

Nicht nur Ihr Verhältnis zum Trainer ist jetzt ein anderes – Sousa hat viel umgekrempelt. Fällt es mit 31 Jahren schwer, den Reset-Knopf zu drücken?

Der Mensch neigt dazu, mit der Zeit Dinge immer gleich zu machen. Heute kann ich sagen: Ich, die Mannschaft, der ganze Verein – manchmal braucht es einen neuen Reiz. Egal in welchem Alter, egal ob «good Feelings» oder «bad Feelings» ausgelöst werden, neue Dinge stupsen dich an, bringen dich weiter. Ich setze mich wieder intensiver mit meiner Arbeit auseinander, sogar auf dem Heimweg im Auto lasse ich mir die Trainings noch durch den Kopf gehen.

Ist Ihnen das Vertrauen vom Trainer immer noch genauso wichtig wie als 20-Jähriger?

Als Fussballer ist man Teil einer grossen Crew auf dem Boot. Nur wenn der Kapitän einem das Gefühl gibt, auf seiner Seite zu sein, wichtig zu sein, ist man 100 Prozent leistungsfähig. Jeder Spieler, jeder Mensch auf diesem Planeten braucht Vertrauen vom Vorgesetzten. Nach den letzten Jahren kann ich mit gutem Gewissen sagen: Es ist brutal schwer ohne Vertrauen. Man will, man macht, man versucht – aber immer wieder stösst man mit dem Kopf gegen die Wand.

Wie schenkt Sousa Vertrauen?

Einerseits, indem er viel rotiert. Andererseits schafft er es, jedem Einzelnen das Gefühl zu vermitteln, eine wichtige Rolle zu haben. Er führt viele Einzelgespräche, nimmt einen im Training zur Seite, lobt auch mal vor der ganzen Mannschaft – manchmal reicht nur schon eine Geste in einem Trainingsspielchen. Er hat die Gabe, jeden auf eine andere, auf die richtige Weise anzupacken.

Trotzdem: Im Basler Luxuskader ist das Frustpotenzial sehr gross.

Klar, das ist vielleicht das beste FCB-Kader aller Zeiten. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Irgendwann wird Geduld und Durchhaltewillen belohnt. Aber ich kann jeden verstehen, der gefrustet ist, wenn er nicht spielt. Gerade jetzt, mit einem neuen Trainer, vor dem erwartungsfrohen Publikum will doch jeder zeigen, was er kann. Ganz ehrlich: Ich möchte nicht in der Haut des Trainers stecken. Jeder hängt sich voll rein und macht Sousa die Aufgabe umso schwieriger.

Der Trainerwechsel sowieso – aber auch der Rücktritt von Zwillingsbruder David scheint Sie befreit zu haben. Stimmt der Eindruck?

Ich und mein Bruder haben das Szenario und seine Folge ausführlich besprochen. Die Rollen sind jetzt klar verteilt: Er kümmert sich um das Geschäftliche, ich spiele Fussball. Dadurch ergänzen wir uns noch besser als vorher. Wir haben nicht mehr die gleichen Berührungspunkte und können dem anderen mit mehr Distanz Inputs geben, auf die er als Direktbeteiligter vielleicht nicht gekommen wäre. Befreit? Vielleicht ...

Befreit, weil Sie im Fussball nun als Philipp Degen wahrgenommen werden, nicht mehr als Zwillingsbruder von David.

Das bringt es auf den Punkt, so gesehen war es eine Befreiung. Als Einzelmaske kann ich mich im Fussball viel mehr entfalten. Genauso er in der Wirtschaft. Alle haben uns immer als Zwillinge wahrgenommen – was Philipp denkt, denkt auch David; Philipp macht einen Fehler, also ist David auch schuld. Das war oft frustrierend. Dabei sind wir unterschiedlich. Wir wollen zwar immer zum gleichen Ziel, aber den Weg dahin geht jeder auf seine Weise. David ist der Typ «voll drauflos». Ich wäge viel mehr ab, zögere oft und komme über Umwege ans Ziel. David wartet dann dort schon lange auf mich (lacht).

Wir haben David in dieser Saison noch an keinem Spiel gesehen.

David wird wieder ins Stadion kommen. Aber er will jetzt in der ersten Zeit nach dem Rücktritt Abstand gewinnen und sich voll auf das neue Leben konzentrieren. Nach 15 Jahren als Profifussballer braucht es Zeit, etwas Neues aufzubauen und auf eigenen Beinen zu stehen. Wie viele haben es tatsächlich geschafft, ohne abzustürzen? David hat sich minuziös auf die Zeit nach der Karriere vorbereitet und weiss genau, was er will. Jetzt besucht er in St. Gallen die Wirtschaftsuniversität und ist sich nicht zu schade, wieder Schüler zu sein.

Wie oft sprechen Sie zusammen über Fussball?

Sehr oft (lacht). Wenn ich nach Spielen heimkomme, führen wir jedes Mal lange Diskussionen.

Und Sie haben sich komplett zurückgezogen aus den gemeinsamen Geschäften?

David war in diesen Dingen schon immer der Taktgeber, ich habe es als Interessierter verfolgt. Er ist mit seiner Art, ein Ziel auf direktem Weg anzusteuern, auch geeigneter dafür. Ich, der vieles hinterfragt und viel zu viel redet, wäre wohl nicht der richtige Chef.

Philipp Degen verbindet man automatisch mit vielen Verletzungen. Das könnte Ihnen im Herbst der Karriere insofern entgegenkommen, dass Sie länger spielen als solche, die nie lange Pausen eingelegt haben. Fühlen Sie sich wie ein 31-Jähriger?

Nein! Ich bin voller Energie, voller Tatendrang, voller Lust auf den Fussball – so wie noch nie in meiner Karriere. Aber ich bin psychisch schon geprägt durch meine Vergangenheit ...

Wie meinen Sie das?

Vor dem ersten Saisonspiel gegen Aarau hat plötzlich die Wade zugemacht, ich musste eine Woche mit dem Training aussetzen. In solchen Momenten stehen mir alle Haare zu Berge, ich bekomme Angst, und vor meinem inneren Auge spielt sich der ganze Film meiner langen Leidenszeit ab. Seit kurzem arbeite ich an dem Problem. Mit Ängsten muss man umgehen können.

Interessant, dass es nach Pfeifferschem Drüsenfieber, Leistenbruch, Lungenriss, Rippen- und Fussbrüchen eine Wadenzerrung schafft, Ihnen Angst einzujagen?

Es ist die Angst, wieder etwas zu verpassen. Ich habe viel gelitten und möchte jetzt so viel wie möglich nachholen. Dann werde ich ungeduldig – und fehlende Geduld war schon immer meine grosse Schwäche.

Wo führt Sie hin, Ihre Wiedergeburt?

Wenn man erfolgreich ist, hat man das Gefühl, alles richtig zu machen. Erst wenn es nicht läuft, beginnt man sich zu hinterfragen. Dabei sollte man auch im Erfolg überlegen, was man besser machen kann. Also bilde ich mir nichts ein und geniesse es einfach, in dieser tollen Mannschaft mit super Charakteren und vielen Freunden spielen zu dürfen. Der Geist im Team ist einzigartig. Meister und Cupsieger werden, gute Spiele in der Champions League machen sind die Ziele – ansonsten schauen wir, wo die Reise hingeht.

Aber Sie haben sicher mitbekommen, dass es in der Nationalmannschaft kein Überangebot an guten Aussenverteidigern gibt.

Bis es mit den Verletzungen angefangen hat, habe ich in der Nati immer gespielt, habe die WM in Deutschland erlebt. Die Schweiz ist mein Land, für das ich immer alles geben werde. Momentan bin ich nicht aufgeboten, und darum ist es kein Thema. Aber wie gesagt: Neue Reize bringen jeden Spieler weiter...

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