Fussball
Petkovics Duell gegen die Heimat und die Lustlosigkeit

Nationaltrainer Vladimir Petkovic trifft mit der Schweiz auf seine Heimat Bosnien. Nach der schwachen Partie gegen Irland ist eine Reaktion gefordert – es geht auch darum, vor der EM positive Gefühle zu sammeln.

Etienne Wuillemin
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Nach dem schwachen Auftritt in Dublin, will Vladimir Petkovic von seiner Mannschaft heute gegen sein Heimatland Bosnien eine bessere Leistung sehen.

Nach dem schwachen Auftritt in Dublin, will Vladimir Petkovic von seiner Mannschaft heute gegen sein Heimatland Bosnien eine bessere Leistung sehen.

KEYSTONE/ENNIO LEANZA

Es ist Abend geworden in Zürich. Draussen strahlt die Sonne. Und drinnen in den Gängen des Stadions Letzigrund Vladimir Petkovic. Die Fussballer aus Bosnien sind zu Besuch. Aus dem Land, wo der Schweizer Nationaltrainer aufgewachsen ist.

Darum ist Petkovic noch gefragter als sonst. Jedes Detail interessiert. Der 52-Jährige nimmt sich gerne Zeit, beantwortet Fragen in seiner Muttersprache und posiert für Fotos.
Petkovic erlebt gerade das, was viele seiner Spieler an der EM erwartet. Er tritt gegen seine Heimat an.

Gegen aussen gibt er sich davon unbeeindruckt. «Nein, nein, das ist nichts Spezielles, auf dem Platz ist jeder Trainer nur Fan der eigenen Mannschaft», wischt er die Frage weg. Und fügt dann aber doch noch an: «Es ist immer schön, alte Weggefährten zu sehen.»
Einer davon ist Bosniens Trainer Mehmed Bazdarevic. Die beiden lieferten sich als Spieler einige heisse Duelle. Petkovic mit FK Sarajevo gegen Bazdarevic mit Zeljeznicar Sarajevo. «Ich mag mich nicht erinnern, je verloren zu haben», sagt Bazdarevic lachend, «ich hoffe, das ist ein gutes Omen für unser erstes Aufeinandertreffen als Trainer.»

Die Bomben am Telefon

Vladimir Petkovic ist 1987 als 24-Jähriger in die Schweiz gekommen. Kurz nachdem die Regel aufgehoben wurde, wonach jugoslawische Fussballer ihr Land erst mit 28 verlassen dürfen. Der Fussballer Petkovic hat in der Schweiz keine grossen Spuren hinterlassen.

Jahr für Jahr musste er für einen neuen Vertrag kämpfen. Er spielte in Chur, Sion, Martigny, wieder Chur, dann im Tessin bei Bellinzona und Locarno. Schliesslich noch in Buochs.
Erst als Trainer verdiente er sich internationale Meriten.

Aber auch dafür musste er lange kämpfen. Zu Beginn seiner Trainerkarriere im Tessin arbeitete er hauptberuflich als Sozialarbeiter. «Manchmal denke ich, ich musste lange durchs Fegefeuer», hat er einmal gesagt.

1990: Vladimir Petkovic im Dress des FC Chur.

1990: Vladimir Petkovic im Dress des FC Chur.

Jakob Menolfi

Ein Jahr später erreicht der Krieg seine Heimat. Es sind schlimme Erlebnisse, die Petkovic verarbeiten musste, auch wenn er nicht mehr vor Ort war. «Das war eine äusserst schwierige Zeit. Umso mehr, als meine Eltern und Schwiegereltern noch dort waren. Es ist schrecklich, wenn man durch das Telefon die Einschläge der Granaten hört. Zum Glück konnte ich später meine Eltern zu mir holen.»

Schöne Sätze alleine reichen nicht

Jetzt sitzt Petkovic auf dem Podium im Medienraum des Letzigrund. Noch einmal blickt er zurück auf das Spiel gegen Irland, dieses 0:1, bei dem das Schweizer Team einen ziemlich lustlosen Eindruck hinterlassen hat.

Er sagt: «Es reicht nicht, einfach zu sagen, mit dem Nationalteam gebe es keine Testspiele. Man muss das auch auf dem Platz zeigen.»

Die Schweiz verliert den Test gegen Irland und ist noch weit weg von der gewünschten Form.

Die Schweiz verliert den Test gegen Irland und ist noch weit weg von der gewünschten Form.

Keystone

Diese verbesserte Einstellung will er heute gegen Bosnien sehen. Und natürlich geht es auch darum, zu siegen. «Wir brauchen positive Energie für die Europameisterschaft», sagt Petkovic.

Fehlende Angst vor der Niederlage

Unzufrieden ist der Nationaltrainer aber nicht nur mit dem Spiel gegen Irland. Er beklagt sich auch (wiederholt) über Öffentlichkeit und Medien. «Die Meinungen sind immer abhängig vom Resultat. Das gefällt mir nicht. Aber wir sind stark genug, um uns nicht beeinflussen zu lassen. Und je grösser die Kritik, desto grösser auch unsere Wut. Diese Wut, eine Reaktion zu zeigen, will ich sehen.»
Neben Petkovic sitzt Haris Seferovic. Er ist Teil der zuletzt harmlosen Schweizer Offensive. Selbst schon seit 122 Tagen und 871 Spielminuten ohne Tor. «Wir waren verschlafen und haben alle zusammen zu wenig gemacht gegen Irland», sagt er. Und schiebt nach: «Erklären kann ich mir das auch nicht.»

Haris Seferovic kam gegen Irland nicht auf Touren.

Haris Seferovic kam gegen Irland nicht auf Touren.

KEYSTONE/AP PA/BRIAN LAWLESS

Stephan Lichtsteiner, Captain ad interim, sprach am Wochenende von der «fehlenden Angst vor einer Niederlage» in Testspielen. Seferovic versucht, zu widersprechen: «Jeder will gewinnen. Jeder hat Hunger. Gegen Irland hat es leider nicht geklappt mit dem Sieg. Aber das Leben geht weiter.»
Und dafür, dass das Leben für die Schweizer Nationalmannschaft ein bisschen beschwingter weiter geht nach dem Bosnien-Spiel und vor allem dann zu Beginn der unmittelbaren EM-Vorbereitung ab dem 23. Mai, gibt es laut Seferovic ein einfaches Rezept: «Erfolgreich gewinnen!»