Der Himmel weint an diesem Mittwoch in Lugano. Es ist, als würde der Regen die Stimmung rund um die Schweizer Nationalmannschaft in den letzten Monaten zusammenfassen wollen.

Aber so ist das nicht. Nicht jetzt. Nicht mehr. Vladimir Petkovic ist bestens gelaunt, es ist so etwas wie eine CharmeOffensive im Hotel Villa Sassa gleich unterhalb des Bahnhofs. Die Niederlagen gegen Irland (0:1) und Bosnien (0:2) im März scheinen vergessen. In 30 Tagen beginnt für Petkovic mit dem Spiel gegen Albanien die grösste Herausforderung seiner Trainer-Karriere.

Gut 45 Minuten spricht Petkovic über das bevorstehende Turnier. Er wiederholt, was er schon vor den letzten Testspielen sagte: «Wir wollen nach den ersten Spielen gegen Albanien und Rumänien für den Achtelfinal qualifiziert sein.» Danach könne das Team neue Ziele ins Auge fassen. «Vielleicht können wir Geschichte schreiben. Vielleicht wird man sich eines Tages an dieses Team genauso erinnern wie an jene U17, die Weltmeister wurde.»

Was es braucht, um Geschichte zu schreiben, darauf will Petkovic nicht näher eingehen. Der Viertelfinal müsste es mindestens sein. Es wäre das erste K.-o.-Spiel an einer Endrunde überhaupt, das die Schweiz gewinnt.

Die wichtigste Personalfrage ist natürlich weiterhin jene um Captain Gökhan Inler. Noch sei nichts entschieden, sagt Petkovic. Um dann aber gleich im Anschluss ziemlich deutlich zu werden. «Leider hat sich an seiner Situation in Leicester nichts geändert.» Inler spielte bei seinem Verein seit dem letzten (verpassten) Nati-Zusammenzug keine Sekunde. Also folgert Petkovic: «Vielleicht war es ein Fehler, den Verein im Winter nicht zu wechseln.» Und darum wird der Captain die EM wohl verpassen.

«Wir sind ein Wettkampf-Team»

Natürlich darf ein Rückblick auf die vergangenen Wochen nicht fehlen. Es waren schwierige Wochen, «viele Mosaiksteinchen waren negativ geprägt», sagt Petkovic. Er erwähnt die vielen Sorgen der Spieler, sei es im Abstiegskampf mit den Vereinen. Er erwähnt Verletzungen oder zu wenig persönliche Einsatzzeit. Das alles habe sich kumuliert. Und deshalb hält er sich nicht lange mit Kritik auf. Sondern wünscht sich nun positive Signale. «Wir möchten die Türe hinter dem Erlebten schliessen und eine neue Tür öffnen.»

Nichts ist ihm wichtiger als der Teamgeist. Immer wieder betont er, wie wichtig ihm die Solidarität innerhalb der Mannschaft ist. Petkovic ist überzeugt: «Meine Mannschaft ist ein Wettkampf-Team. Wir wollen und werden mit einem anderen Kopf, mit mehr Selbstvertrauen und mit mehr Willen nach Frankreich reisen. Um der Schweiz dann so lange wie nur möglich fernzubleiben.»

Die unmittelbare EM-Vorbereitung wird allerdings tückisch. Am nächsten Mittwoch wird der Nationaltrainer das erweiterte EM-Kader bekannt geben. Bis zu
30 Namen wird die Liste umfassen von jenen, die am 22. Mai einrücken. Oder besser: einrücken sollten. Denn wer noch in der Meisterschaft (FCB-Spieler) oder in Cupfinals (Lichtsteiner, Bürki) oder auf Auslands-Tourneen (Xhaka, Sommer, Elvedi, Rodriguez) engagiert ist, wird von Petkovic drei bis vier Tage frei erhalten. Und deshalb erst verspätet dazustossen. Zwar prüft der Schweizer Verband eine Anfrage beim FC Basel, ob Embolo, Lang, Zuffi oder Steffen bereits früher abgestellt werden. Doch FCB-Sportchef Georg Heitz stellt klar: «Bei aller Liebe, das geht nicht. Entweder wir verzichten auf keinen. Oder auf alle. Aber dann hätten wir gegen GC keine Mannschaft mehr.» Aktuell hat der FCB 11 Nationalspieler im Kader.

47 Millionen für Xhaka?

Nicht erst seit Inlers Aus ist Granit Xhaka immer mehr in den Mittelpunkt gerückt. Er ist der künftige Spiritus Rector dieser Schweizer Mannschaft. Auch von ihm wird es abhängen, ob die Schweiz ihre Ziele an der EM erreicht.

Die Zeichen, dass Xhaka noch vor der EM einen weiteren grossen Karriereschritt machen könnte, mehren sich derweil. Arsenal scheint gemäss deutschen Medien gewillt, Mönchengladbach 47 Millionen Franken für Xhaka zu überweisen. Der 23-Jährige würde somit zum mit Abstand teuersten Schweizer Spieler der Geschichte. Nationaltrainer Petkovic sagt: «Xhaka passt von seinem Spiel her noch besser zu Arsenal als zu Mönchengladbach. Er hat alle Qualitäten für eine grosse Karriere.»