Fussball
Petkovic: «Ein neuer Trainer muss nicht über alles Bescheid wissen»

Nach der Fussball-WM in Brasilien übernimmt Vladimir Petkovic im Juli das Zepter bei der Schweizer Nati. Im Interview sagt er, wie es mit nach der Ära Hitzfeld weitergehen soll und welchen Typ Trainer die Spieler der Nationalmannschaft erwartet.

Etienne Wuillemin, Muri
Drucken
Teilen
Vladimir Petkovic übernimmt nach der Fussball-WM die Schweizer Nationalmannschaft

Vladimir Petkovic übernimmt nach der Fussball-WM die Schweizer Nationalmannschaft

Keystone

Wie sehr beschäftigen Sie sich schon heute mit dem Schweizer Team?

Ich nutze die Zeit, um viele Spiele anzuschauen. Manchmal am Fernsehen, manchmal im Stadion. Ich freue mich auf den 1. Juli, dann will ich mit Vollgas meinen neuen Job antreten. Ich bin mir bewusst, dass Klubtrainer und Nationaltrainer zwei paar verschiedene Schuhe sind.

Sprechen Sie schon mit den Spielern?

Nein, ich lasse sie in Ruhe, vor der WM will ich niemanden stören. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass die Zeit nach der WM knapp sein wird. Die meisten sind bis Mitte August in den Ferien. Die Schweizer Liga startet bereits im Juli. Und anfangs September geht bereits die EM-Qualifikation los.

Welche Zeit hat Sie am meisten geprägt in Ihrer Karriere?«

Ich hatte Glück, dass es stets in kleinen Schritten aufwärts ging in meiner Karriere, von der 1.Liga bis in die Serie A. Von Agno, über Bellinzona, zu YB, am Schluss Lazio Rom - es war kein Schritt zu gross. In der Türkei und in Italien habe ich auch viele Dinge abseits des Rasens gelernt, das war wichtig für die persönliche Entwicklung. Gut umgehen mit dem, was rund um den Fussball passiert, ist wichtig. Wer mit diesen Traditionen nicht umgehen kann, scheitert. Ich habe das ziemlich gut hingekriegt - und das hat sich auch auf die Resultate ausgewirkt.

Als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld lastet ein grosser Druck auf Ihnen.

Ich stehe seit dem ersten Tag meiner Trainer-Karriere unter Druck. Wahren Druck erzeugt man höchstens selbst. Als ich in Rom ankam, waren alle schockiert, dass ich mit diesem Druck umgehen kann. Klar ist das Erbe eines grossartigen Trainers wie Hitzfeld nicht einfach. Aber die Schweiz hat super gespielt in den letzten Jahren. Ich bin überzeugt, dass sie noch viele Möglichkeiten zur Entwicklung besitzt. Und dazu will ich meinen Beitrag leisten.

Welche Änderungen wollen Sie vornehmen?

Ich will noch keinen Umbruch forcieren. Einfach deshalb, weil ich kaum Zeit habe. Ich werde das Team langsam meinen Vorstellungen anpassen. Natürlich habe ich eigene Ideen, eigene Überzeugungen. Aber es gibt keinen Grund für überstürztes Handeln. Meine Ausgangslage ist ja formidabel. Diese gute Ausgangslage will ich nutzen. Ich denke, die Schweiz wird auch in Brasilien gut abschneiden und daraus viel Selbstvertrauen mitnehmen für die EM-Qualifikation.

Rechnen Sie damit, dass einige Spieler nach der WM aufhören?

Ich habe eine breite Spieler-Liste angeschaut. Ich denke, es gibt kaum alterstechnische Probleme. Fast alle sind unter 30 und haben die Möglichkeit, sich weiter zu verbessern.

Warum wollten Sie in die Schweiz zurückkommen?

Das ist nicht einfach, zu sagen. Ich bin sehr stolz, dieser Job bedeutet mir viel für die Karriere. So ein Angebot, da konnte ich nicht nein sagen. Wir haben zweimal darüber geredet, dann war alles klar.

Der Verband wollte eigentlich mit Hitzfeld weitermachen. Dann wollte er Marcel Koller verpflichten. Fühlen Sie sich als zweite, oder sogar dritte Wahl?

Nein, ich habe das nur am Rande über Zeitungen verfolgt. Aber in dieser Zeit hatte ich nie Gedanken, dass ich Nationaltrainer werden könnte. Es gibt eben verschiedene Strassen im Fussball. Nun hat sich dieser Weg für mich ergeben und darauf bin ich sehr stolz.

Ist es schwierig, so lange warten zu müssen, bis Sie das Team übernehmen dürfen?

Es tut mir gut, mich zu erholen in dieser Periode. Die letzten Jahre in Rom waren eine intensive Zeit. Ich hatte in der letzten Saison 57 offizielle Spiele, diese Saison auch bereits wieder 30. Und ich erhalte auch Zeit, mit anderen Nationaltrainern zu sprechen. Zeit, um meinen eigenen Stil zu finden, wie ich ein Nationalteam führen will.

Wie werden Sie die WM erleben?

Es war von Anfang an klar, dass ich erst ab 1. Juli dabei bin. Ich bleibe auf der Seite und will mich nie einmischen. Ich werde nicht in Brasilien sein, die Spiele nur am TV anschauen. Ich will keinen Input für Polemiken liefern, das kann niemand gebrauchen.

Haben Sie schon mit Ottmar Hitzfeld gesprochen?

Ja, es war eine gemütliche, lockere Einführung. Ich denke, ein neuer Trainer muss nicht über alles Bescheid wissen, was wie gelaufen ist. Sondern er sollte einige Sachen neu erfahren.

Was wollten Sie denn von Hitzfeld wissen?

Es ging um Abläufe in einer Nationalmannschaft. Wo hatte er Probleme am Anfang? Wie geht er organisatorisch vor in Sachen Freundschaftspiele, oder Austragungsorte der Qualifikationsspiele. Konkret über die Mannschaft haben wir nicht gesprochen. Dazu gibt es genügend Zeit ab 1. Juli. Zudem kenne ich viele Spieler bereits.

Was ist die grösste Stärke des Schweizer Fussballs?

Er hat eine klare Führung, eine klare Schule und es gibt eine ordentliche Entwicklung der jungen Spieler. Die Arbeit mit jungen Spielern ist herausragend. Das sieht man ja anhand der vielen Spieler, die derzeit ins Ausland wechseln. Die werden auch in Zukunft sehr hungrig sein. Das ist wichtig!

Wie sieht Ihre Spielphilosophie aus?

Organisiert. Aggressiv. Offensiv. Besser als der Gegner sein. Immer auf Sieg spielen. Das Spiel führen.

Wie lautet Ihr bevorzugtes Spiel-Schema?

Ich habe in meiner Karriere viele Schemen spielen lassen. Es sind nicht die Schemen wichtig, sondern die Prinzipien. Ob drei Verteidiger oder vier ist weniger wichtig, als die Art und Weise, wie die Mannschaft auftritt, kompakt, aggressiv, dynamisch - das will ich sehen.

Wie ist Ihr Führungsstil?

Er hat sich stark entwickelt. Ich habe angefangen mit einer despotischen Führung. In der ersten Liga, da musste ich alles selbst entscheiden. Jetzt setze ich eher auf ein Dialog-Prinzip. Auf diesem Niveau kann man nie alleine entscheiden. Diskussionen sind gefragt. Die Spieler sind gefragt. Sicher bin ich der, der die Entscheidungen verantwortet, aber ich will verschiedene Meinungen hören.

Aktuelle Nachrichten