Vladimir Petković hat schon einfachere Tage erlebt. Als Mensch, weil er übers Wochenende Abschied nehmen musste von seiner verstorbenen Schwiegermutter. Als Trainer, weil in ihm der Entschluss reifte, den Captain der Schweizer Nationalmannschaft, Gökhan Inler, nicht mehr aufzubieten.

Fünf Tage nach dem Entscheid, am Mittwoch also, sitzt er im Schweizer Teamhotel in Feusisberg und erklärt sich erstmals. Es wird ein langer Vortrag. Genau 40 Minuten spricht der Trainer. Sieben A4-Blätter hat er vor sich. Sieben Traktanden quasi, zu denen er seine Gedanken äussert. Es ist ein souveräner Auftritt. Manchmal lässt Petkovic gar eine Deutlichkeit zu in seinen Worten, wie man sich das nicht gewohnt ist von ihm.

Natürlich, Petković bleibt immer Petković, zu erkennen ganz am Anfang, als er schon im ersten Satz wieder eine Polemik beklagt. Es geht um seinen neuen Vertrag als Nationaltrainer bis Ende der WM-Qualifikation für Russland 2018. Es ist ein Thema, das in den Wirren um Captain Inler etwas untergegangen ist in den letzten Tagen. «Ich hatte nie Zweifel, dass ich bei der Schweizer Nationalmannschaft bleiben wollte», versichert er. «Keine Spielchen, keine Spekulationen, kein Poker – nichts.» Dreimal nur sei er mit den Verantwortlichen des Verbands zusammengesessen, davon seien zwei Gespräche schon nach zehn Minuten zu Ende gewesen.

Petković blättert. Er kommt zum Hauptthema. Zu Gökhan Inler. Er lobt Charakter, Charisma und Leistungsausweis von Inler. «Wenn so einer fehlt, ist das kein Zufall.» Nur, und daran lässt Petković keinen Zweifel, für das fehlende Aufgebot gab es Anzeichen. Im Dezember und Januar schon. «Ich habe ihn darauf sensibilisiert, dass er mit einer Nicht-Berücksichtigung rechnen muss, wenn er nicht mehr spielt im Verein.»

Genau das ist geschehen. Inler ist maximal Reservist beim Premier-League-Leader Leicester. «Ich habe ihm viel Unterstützung gegeben in der Vergangenheit. Und natürlich gibt es auch einen Bonus für einen verdienten Spieler wie ihn. Aber der Bonus ist begrenzt. Wer so lange nicht spielt, kann kein seriöses Thema sein für das Nationalteam. Ich habe meine Linie und meinen Stil, von Anfang an. Und ich möchte allen Spielern gegenüber korrekt sein.»

Veränderung mit Homöopathie

Dass die Türe für Inler weiter offen ist, wenn sich seine sportliche Situation ändert, auch daran lässt Petković keinen Zweifel. Schliesslich sagt er gar: «Gökhan ist seelisch mit uns dabei. Auch wenn er es physisch nicht ist.» Petković wehrt sich entschieden dagegen, jetzt schon den neuen Captain der Nationalmannschaft zu suchen. Viel lieber appelliert er an das gesamte Team.

Natürlich darf der Trainer das. Trotzdem ist es die gravierendste Entscheidung, das stärkste Zeichen, seit er das Team im Sommer 2014 übernommen hat. Am Anfang war er ein Nationaltrainer, der nur in homöopathischer Dosis Veränderungen vornahm. Ein bisschen im Spielsystem. Er wählte ein 4-3-3, das mittlerweile als gescheitert bezeichnet werden muss. Und wahrscheinlich hat eben gerade auch Inler dazu beitragen. Er sollte der Anker sein, um den sich das Schweizer Spiel dreht. Aber er konnte die Rolle dieses Ankers zu wenig beständig ausfüllen.

Das eigene Glück erkennen

Die letzten beiden Male, als ein Captain aus dem Schweizer Team ausschied, hatte dies eine befreiende Wirkung auf die Mannschaft. Nach der Ausbootung von Vogel und der Installation von Alex Frei als Captain zwar nur zwischenzeitlich, nur lagen damals, vor der Heim-EM, die Probleme tiefer. Gewiss aber nach dem Rücktritt von Frei. Das 2:2 in England im Juni 2011 leitete die aktuell erfolgreiche Zeit ein.

Petković hatte das Glück, dass er in der vergangenen EM-Qualifikation fast unmöglich scheitern konnte. Selbst mehrheitlich durchzogene Leistungen reichten zu Platz zwei – und damit dank dem neuen Modus zur direkten EM-Qualifikation. Vielleicht wird auch Petković selbst im Rückblick dieses Glück einmal erkennen. Es erlaubte ihm nämlich, ohne Erfolgsabstriche zu experimentieren. Zu versuchen, das Team sanft weiterzuentwickeln.

Gelungen ist ihm das bis anhin noch nicht. Gerade deshalb kann die Entscheidung, auf Inler zu verzichten und Granit Xhaka zum neuen Chef auf dem Platz zu machen, wegweisend werden für Petković. Die Frage ist nun, ob das Team die neue Hierarchie auf dem Feld bis zur EM schon verinnerlicht.

Die Richtung gibt der Chef sehr deutlich vor. «Natürlich müssen wir am Boden bleiben. Aber müssen auch mit einer gewissen Arroganz in diese EM gehen. Wir wollen alles tun, um nach den ersten beiden Spielen (gegen Albanien und Rumänien) schon für den Achtelfinal qualifiziert zu sein. Und dann kämpfen wir mit Frankreich um den Gruppensieg.» Petković möchte in Frankreich nicht nur als Vorsteher eines Teams in Erinnerung bleiben, das «einfach ein bisschen schön spielt».

Das Spiel in Irland ist ein erster guter Test dafür. Gegen eine Mannschaft, die spielerisch zwar limitiert ist, aber unermüdlich und ohne Rücksicht auf Verluste kämpft. Wie Albanien in 79 Tagen.