EM-Qualifikation

Perfekt ist als Goalie von San Marino nicht gut genug

Der Ball liegt im Tor. «Aber wütend sein auf die Verteidiger? Nein, das geht nicht», sagt Torhüter Simoncini.

Der Ball liegt im Tor. «Aber wütend sein auf die Verteidiger? Nein, das geht nicht», sagt Torhüter Simoncini.

Warum verleidet Ihnen das Fussballspielen nicht, wenn Sie immer verlieren? «Mir gelingen ja in jedem Spiel mehr schöne Paraden als Gianluigi Buffon», sagt Aldo Simoncini (28). Am Dienstag will er möglichst viele Schweizer stoppen.

Da steht er also. Blickt grimmig in die Kamera, als müsste er dem Besucher aus der Schweiz Furcht einflössen, und sagt: «Ja, mich müssen die Schweizer erst einmal überwinden, wenn sie aus der Krise kommen wollen.» Das Lachen kommt schnell zurück.

Es ist ein kleiner Scherz. Aldo Simoncini rechnet nicht damit, das Spiel gegen die Schweiz ohne Gegentor zu überstehen. Das hat der 28-Jährige in seiner Karriere als Nationalgoalie von San Marino noch nie geschafft. 40 Spiele hat er bestritten. Immer verloren. 172 Gegentore kassiert.

Es ist Samstagmorgen, wer Simoncini und seine Kollegen beim Training beobachten will, muss im Auto gefühlt tausend Kurven absolvieren, um ins «Centro Calcio» von San Marino zu gelangen. Gut 40 Minuten von Rimini entfernt, knapp 700 Meter über Meer.

Immer wieder dieselben Fragen

Nach getaner Arbeit sitzt der Torhüter in einem kleinen Raum direkt neben der Garderobe. Nicht zum ersten Mal empfängt er Journalisten aus dem Ausland. Er weiss, was auf ihn zukommt. Wieder und wieder ist er mit den gleichen Fragen konfrontiert. Er, der Torhüter der gemäss Fifa-Rangliste schlechtesten Fussball-Nationalmannschaft weltweit. «Es ist frustrierend, auf Niederlagen und Gegentore reduziert zu werden. Aber was soll ich machen? Die Fakten sind nun einmal so.»

Wer mit Simoncini spricht, merkt aber, dass für ihn das fussballerische Glück nicht alleine mit nackten Resultaten zusammenhängt. «Ich kann im Wembley gegen England spielen. Ich messe mich mit Holland oder Deutschland. Und in einem Spiel gelingen mir ja meistens mehr schöne Paraden als zum Beispiel einem Gianluigi Buffon – der ist nie so beschäftigt wie ich.» Seit seiner Kindheit ist Simoncini Fan von Juventus Turin und Buffon.

Nur 0:5 gegen England

Am letzten Donnerstag verlor San Marino in England 0:5. Nur 0:5. «Eigentlich war Simoncini perfekt», erklärtMarcello Teodorani, San Marinos Torhütertrainer, «aber perfekt sein reicht häufig nicht, um ein gutes Resultat zu garantieren.» Jetzt redet er sich in Fahrt. «Beim ersten Gegentor gegen England sieht es so aus, als würde Simoncini im Strafraum umherirren, aber ein Verteidiger trifft ihn im dümmsten Moment an der Wade – schon liegt der Ball im Tor.

Und beim Penalty von Rooney wusste er genau: Wenn Rooney schnell anläuft, schiesst er in seine rechte Ecke, sonst links. Langsamer Anlauf, also hechtet er nach links, aber der Ball fliegt in den Winkel.» Und was muss passieren, dass San Marino am Dienstag nicht verliert gegen die Schweiz? Aldo Simoncini überlegt und sagt: «Ich muss viel besser sein als der Slowene Handanovic gegen die Schweiz, sonst reicht es nicht.»

Den Traum vom Profi gelebt

In seiner Kindheit träumt Simoncini davon, Fussballprofi zu werden. Zwischen 19 und 25 ist er es auch. Aber der Durchbruch gelingt ihm nie richtig. Während zweier Jahre ist er in Cesena Torhüter Nummer drei, zur selben Zeit spielt auch Steve von Bergen bei Cesena. «Ich wäre gerne länger Profi geblieben, aber ich musste an meine Zukunft denken. Viele Vereine setzen eben lieber auf einen eigenen Junior als Nummer drei als auf einen Jung-Erwachsenen aus San Marino.» Deshalb studiert Simoncini mittlerweile Informatik. Fussball ist nur noch sein Hobby.

Torhütertrainer Teodorani bedauert, dass Simoncini mittlerweile wieder in San Marino (beim aktuellen Meister AC Libertas) spielt. «Er hätte das Potenzial gehabt, um regelmässig in der Serie B zu spielen.» Und was sind seine grössten Qualitäten? «Am besten ist Simoncini dann, wenn vor ihm im Strafraum Chaos herrscht – und das kommt häufig vor», sagt Teodorani lachend.

Ein beinahe verhängnisvolles Nickerchen

Beinahe wäre es gar nicht zu einer Fussballkarriere gekommen. Mit 19 schlief Simoncini nach einem Spiel am Steuer seines Autos ein und prallte in einen Baum. «Ich hätte geradeso gut sterben können», blickt er zurück. Und zeigt die Narben an seinem Körper. Die schlimmste erlittene Verletzung ist ein Beckenbruch. Fünf Monate ist er ans Bett gefesselt. Danach beginnen fünf mühsame Monate Physiotherapie – ehe er endlich wieder ins Tor darf. Und sogleich Nationaltorhüter wird.

Spiel Nummer zwei ist ein besonders bitteres, es geht 0:13 gegen Deutschland verloren. Am Dienstag gegen die Schweiz steht Nummer 41 an. Gibt es eine Sieg-, oder Remis-Prämie? «Ach, wo denken Sie hin, so reich ist der Verband nicht», sagt Simoncini. Etwas anderes ist ihm aber wichtiger: «Die Schweizer werden einiges nervöser sein als wir.»

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