Fussball
Paulo Sousa stellt die Vertrauensfrage – die Antwort steht noch aus

Nach dem 1:5 in Madrid scheinen beim FCB-Trainer erste Zweifel an der eigenen Arbeit aufzukommen. Nach dem bitteren Spiel gegen Real Madrid stellte er in der Kabine seiner Mannschaft die Frage: «Seid ihr überzeugt von unserem Weg?»

Sebastian Wendel und Etienne Wuillemin, Madrid
Merken
Drucken
Teilen
Wie gut kommen die Vorgaben von Paulo Sousa bei seinen Spielern, hier Tomas Vaclik, an?

Wie gut kommen die Vorgaben von Paulo Sousa bei seinen Spielern, hier Tomas Vaclik, an?

Keystone

Dienstagabend kurz vor Mitternacht. Estadio Santiago Bernabéu. Der FC Basel muss eine 1:5-Niederlage bei Real Madrid verdauen. Allen voran Trainer Paulo Sousa. Der ehrgeizige Portugiese hat sich seinen ersten Auftritt als Trainer in der Champions League bestimmt anders vorgestellt.

Als er vor die Medien tritt, wirkt er zwar gefasst und geduldig – aber innerlich rumort es im 44-Jährigen.

Sousas Analyse ist kurz und schmerzlos. «Wir waren zu oft naiv. Wir hatten zwar auch unsere guten Momente, ab und zu Chancen kreiert. Aber die Stars von Real nutzten unsere Fehler gnadenlos aus.»

Und dann offenbart Sousa eine Seite, die man von ihm weder gekannt noch erwartet hätte. Von ihm, der bei jeder Gelegenheit predigt, wie überzeugt er von seinen Plänen sei. Er stellte seiner Mannschaft die Vertrauensfrage!

«Direkt als ich in die Kabine gekommen bin, habe ich die Spieler gefragt: ‹Seid ihr überzeugt von unserem Weg?›», erzählt er. Und schiebt nach: «Es hat sich niemand dagegen ausgesprochen.» Was allerdings kaum verwundert. Denn welcher Spieler hat schon Lust, nach einem 1:5 aufzubegehren, im Wissen, dass ein solches Votum die eigenen Aktien beim autoritären Trainer drastisch sinken liesse?

Am Tag danach will Sousa nicht mehr reden – während der Rückreise schottet er sich komplett von den mitgereisten Journalisten ab. Dafür spricht der Sportdirektor Georg Heitz. Angesprochen auf die Kabinenepisode direkt nach Spielschluss, relativiert er: «Es Vertrauensfrage zu nennen, wäre übertrieben. Der Trainer hat die Mannschaft gefragt, ob sie einverstanden seien mit seinem Vorhaben. Nämlich, in Madrid nicht nur den eigenen Strafraum zu verriegeln, sondern mitzuspielen.»

Ist es nicht ein Zeichen von Schwäche, wenn ein Trainer sich bei der Mannschaft das Okay für seine Philosophie holen muss? Heitz: «Nein. Paulo Sousa hält nach jedem Spiel eine Ansprache in der Kabine.»

Was bedeutet es, wenn ein neuer Trainer nach zehn Pflichtspielen (acht in der Meisterschaft, je eines im Cup und in der Champions League) bereits die Vertrauensfrage stellt?

Man kann es so sehen: Sousa zieht die Spieler in seine Überlegungen mit ein. So kann später niemand sagen, er sei überrascht von seinem Handeln.

Man kann es aber auch dahingehend interpretieren, dass Sousa erste Zweifel spürt, auf dem richtigen Weg zu sein. Vielleicht hat auch er eingesehen, dass der FCB am Wochenende beim 1:3 gegen GC und am Dienstag in Madrid ohne Gesicht aufgetreten ist.

Im Bernabéu 1:5 zu verlieren, ist per se keine Schande. Was erstaunte, war die Planlosigkeit und die negative Körpersprache, mit der die Basler auf dem Rasen herumirrten. Ganz anders als vor einem Jahr unter Murat Yakin, als eine Basler Equipe bei Chelsea mit einem realistischen Plan im Kopf und Mut im Körper ihr Auftaktspiel in der Champions League sensationell 2:1 gewann. Von so einem Exploit war der FCB in Madrid weit entfernt.

Wertlose Vergangenheit

Mitte Juni hat Paulo Sousa in Basel seinen «Prozess» begonnen. Vier Monate später lässt sich festhalten: Es knirscht bereits kräftig im Gebälk.
Es ist nicht falsch, eine Mannschaft mit einem neuen, offensiveren Denken weiterentwickeln zu wollen. Genauso ist es nachvollziehbar, beim Luxuskader des FCB auf Rotation zu setzen. Aber es ist definitiv falsch, allen ein Gefühl zu vermitteln à la: Alles, was früher war, ist nichts wert! Sousa liess auch schon durchblicken, dass der Prozess erst mit seiner Ankunft begann.

Tatsache ist: Der FCB ist auch ohne Sousa fünfmal in Serie Schweizer Meister geworden, hat ohne ihn Chelsea, Manchester und Bayern geschlagen. Und Sousa hat noch keinen Spieler, der schon letzte Saison das FCB-Trikot getragen hat, besser gemacht.

Früher hatte die FCB-Mannschaft in jeder Saison ein fixes Gerüst von vier bis fünf Spielern. Gerade im Zentrum, wo sich die entscheidenden Dinge abspielen, sind Automatismen eigentlich unverzichtbar. Wer vor der Partie am Dienstag die Aufstellungen vorhersagen sollte, der konnte bei Real Madrid bis auf zwei, höchstens drei Positionen nichts falsch machen. Bei Paulo Sousas FCB hingegen ist es vor jeder Partie pures Rätselraten – auch für die Spieler. Nicht einmal Captain Streller ist gesetzt. Auf das Wechselspiel angesprochen, sagte Fabian Frei in Madrid: «Dass es so ist, wissen wir ja mittlerweile. Ich kann nach einem 1:5 nicht sagen, der Plan sei aufgegangen.» Zwar sagte Frei noch, die Rotation sei nicht der Hauptgrund für die Niederlage gewesen. Aber weder von ihm noch von seinen Teamkollegen war am Dienstag zu hören, dass man total überzeugt sei von der Arbeit des Trainers.

Heitz sagt, er empfinde die Stimmung im Team als gut – obwohl sich Sousa nicht scheut, regelmässig auf frühere Leistungsträger wie Suchy und Serey Die zu verzichten und mit Fabian Schär den spielstärksten Verteidiger öffentlich blosszustellen. «Beim FCB spielen gut bezahlte Profis, die sich dem Konkurrenzkampf stellen müssen. Die Aufgabe des Trainers ist es, so mit den Spielern zu kommunizieren, dass keine Unruhe aufkommt.»

Von aussen aber sieht es so aus, dass genau diese Unruhen, die man nach der turbulenten Zeit unter Yakin unbedingt verhindern wollte, wieder am Entstehen sind.