Kevin Mbabu ist in Bestform. Pausenlos wetzt er am rechten Flügel rauf und runter. Mit einer Massflanke serviert er Guillaume Hoarau das 1:0, und dann trifft der Aussenverteidiger sogar noch selber mit einem wuchtigen Schuss zum 2:0 unter die Latte. 1500 Berner Fans bejubeln in Valencia den ersten YB-Sieg in der Champions-League (CL). Sie wissen: Mit einem Sieg gegen Manchester United sind nun sogar die Achtelfinals möglich.

Matchwinner Mbabu sagt: «Klar träume ich jetzt von mehr!» Der 23-Jährige weiss, dass viele Scouts von grossen Klubs da gewesen sind, und er kennt die Geschichte von Manuel Akanji, der im Januar nach starken Vorstellungen in der Königsklasse für 24,6 Millionen Franken vom FC Basel zu Borussia Dortmund transferiert wurde.

Im Fokus der Topklubs

Natürlich, diese kleine Geschichte ist fiktiv. In der Realität tritt YB ja erst heute Abend in Valencia an. Aber interessant ist die Frage schon, was gerade mit den Marktwerten bei einem Klub geschieht, der zum ersten Mal in der Königsklasse aufläuft. Sportchef Christoph Spycher sagt: «Die Teilnahme an der Champions League kann sicher einen positiven Einfluss haben.

Ausländische Topklubs nützen die Gelegenheit, um zu beobachten, ob ein Spieler auf höchstem Niveau Spitzenleistungen erbringen kann.» Man dürfe aber nicht denken, ein CL-Spieler habe automatisch den doppelten Marktwert. Wenn dieser schlecht spiele, könne es sich sogar negativ auswirken, sagt Spycher.

Schon vor neun Jahren hat der FC Zürich sein Debüt in der Champions League gegeben, als er gegen die AC Milan, Real Madrid und Marseille antrat. Präsident Ancillo Canepa zählt auf: «Spieler wie Mehmedi, Margairaz, Alphonse, Djuric, Abdi, Leoni, Koch oder Nikci wechselten später ins Ausland.»

Doch Canepa räumt ein, dass einzig Admir Mehmedis Transfer nach Kiew (gemäss Transfermarkt.de für 4 Mio. Franken; die Red.) in finanzieller Hinsicht wirklich interessant gewesen sei. «Immerhin blieb der FCZ unter europäischer Scouting-Beobachtung. Davon profitierten Rodriguez, Drmic, Gavranovic oder Elvedi, die wir dann später transferieren konnten», sagt Canepa.

Schlüssel-Parameter «Jugend»

Dank der CL konnte bisher aber nur der FCB Spieler in zweistelliger Millionenhöhe verkaufen. Ihnen gemeinsam war die Jugend; ein Schlüssel-Parameter in diesem Geschäft, wie der damalige Sportchef Georg Heitz betont. Shaqiri ging mit 20 Jahren zu Bayern, Granit Xhaka mit 19 zu Gladbach, Salah mit 21 zu Chelsea und Embolo mit 19 zu Schalke.

Sind solche Transfers einzig dank der CL zu machen? Nein, sagt Heitz und nennt das Beispiel von Matheus Cunha, der kürzlich für sehr viel Geld (18,1 Mio. Franken; die Red.) vom FC Sion zu Leipzig gewechselt sei. Ohne, dass die Walliser international gespielt hatten. Aber solche Fälle sind die Ausnahme.

«Gute Resultate wecken die Aufmerksamkeit»

Noch gut in Erinnerung ist, was vor einem Jahr beim FCB, bereits unter der neuen Führung von Präsident Bernhard Burgener und Sportchef Marco Streller, nach den sensationellen Resultaten in der CL-Gruppenphase geschah. Der Marktwert des Kaders erhöhte sich von 47,25 Millionen (Euro) auf 61,30 und nach dem lukrativen Akanji-Transfer konnten auch Elyounoussi für 20,6 Mio. Franken an Southampton, Vaclik für 8 Mio. an Sevilla und Lang für 2,8 Mio. an Gladbach verkauft werden. «Gute Resultate wecken die Aufmerksamkeit», sagt Heitz.

Hatte der FCB vor einem Jahr mit starken Ergebnissen verblüfft, haben die Young Boys nun schon zweimal 0:3 verloren und einmal unentschieden gespielt. Sind die Marktwerte deswegen bereits in den Keller gefallen? «Nein, das glaube ich nicht», sagt Spycher. «Die Resultate sind das eine, aber es sind vor allem die Leistungen, die sehr genau beobachtet werden. Unsere waren mit Ausnahme von Turin gut bis sehr gut. Der Marktwert dürfte sogar eher gestiegen sein.»

Zu früh für solche Gedanken

Der 40-Jährige denkt indes, dass es Kaffeesatzlesen sei, sich solche Gedanken bereits in diesem Stadium der Gruppenphase zu machen. Spycher will deshalb nicht darüber spekulieren, ob es bereits im Winter zu Spielerverkäufen kommt. «Wir sehen uns als Ausbildungsklub und sind bereit für Transfers. Aber wir geben keine Spieler unter dem Marktwert ab. Wintertransfers sind ohnehin speziell, weil die Klubs korrigieren und reagieren, statt agieren.» Wie bei Akanji und dem BVB, der sich beeilt hatte, um der Konkurrenz zuvorzukommen.

Georg Heitz sagt: «Wenn man solche Schwergewichte in der Gruppe hat wie YB, drücken die Resultate nicht auf die Marktwerte. Die Scoutingabteilungen sind professionell und können gut einordnen, ob sich einzelne Spieler auf diesem Niveau behaupten können.»

2019 wird YB gut verkaufen

Spielerberater Gaetano Giallanza, der YB-Goalie David von Ballmoos berät, sagt: «YB hat ja nicht 0:5 verloren. Man muss auch sehen, dass nach der Champions-League-Reform fast nur noch Topklubs dabei sind. Ich denke nicht, dass der Marktwert Schaden genommen hat.» Wenn YB aber europäisch überwintern würde, ginge er sicher weiter nach oben. «Im nächsten Jahr wird YB gut verkaufen können. Das ist dann auch für Berater interessant», sagt Giallanza.

Laut Transfermarkt.de ist der Kader-Marktwert von YB, der im Juli 2017 noch bei 38,80 Millionen Franken lag, seit Sommer um 18,90 auf 78,85 Mio. gestiegen. Im Ranking der 32-CL-Klubs liegt er damit an 29. Stelle. Von den YB-Spielern ist Kevin Mbabu mit 10,88 Millionen Franken Marktwert die Nummer 1. Im Sommer 2017 war er noch weniger als eine Million wert. Seit Beginn dieser Saison ist sein Wert um 2,8 Mio. geklettert. Gegen ManUnited und Valencia hat Mbabu in Bern überzeugt, in Turin gegen Juve fehlte er verletzt.

Spielt er heute in Valencia auch im wahren Leben so gut, wie eingangs fiktiv beschrieben, dann kann YB für den Genfer vielleicht schon im Januar gegen 20 Millionen Franken lösen. Das wäre dann seit Denis Zakarias Abgang (13,8 Mio.) ein einsamer Klubrekord.