Bernhard Heusler, der FC Basel hat im Cupfinal die erste von zwei Titelchancen verspielt. Haben Sie nun ein mulmiges Gefühl für die Meisterschaft?

Bernhard Heusler: Nein. Der Cupfinal wurde im Penaltyschiessen verloren. Die beiden Mannschaften waren sich über 120 Minuten ebenbürtig, aber mit GC hat die glücklichere Mannschaft verdient gewonnen.

Der FCB kann heute Meister werden. Es dürfte auch in Ihrem Interesse sein, den Deckel nun draufzumachen.

Sicher. Ich wüsste nicht, was ich dagegen hätte (lacht).

Blicken wir zurück: Vor anderthalb Wochen hat Chelsea die Europa League gewonnen. Mit welchen Gefühlen haben Sie den Final geschaut?

Zugegeben, mit anderen als in früheren Jahren, das Interesse am Ausgang war gross. Mein Fokus lag bislang wie bei den meisten Fussball-Konsumenten auf dem Champions-League-Final.

Haben Sie Wehmut verspürt?

Nein. Wir sind stolz, dass wir im Halbfinal gegen den späteren Sieger gespielt haben.

Fabian Frei sagte, dass für ihn der Halbfinal gegen Chelsea schon weit in den Hintergrund gerückt sei.

Das geht mir auch so. Was ich in dieser diffizilen Phase der Meisterschaft als gutes Zeichen deute. Denn das beweist, dass der Fokus auf dem Titelrennen in der Schweiz liegt.

Wann realisiert man beim FCB die Dimension des europäischen Feldzugs?

Vielleicht passiert das erst nach der Saison. Normalerweise scheidet man als Verlierer aus einem K.-o.-Wettbewerb aus. Ich erinnere mich an letztes Jahr, als wir uns unmittelbar nach dem Aus gegen Bayern auf eine Rechtfertigungstour begeben mussten. Nach dem Aus gegen Chelsea war es anders.

Das heisst, Sie haben sich nicht als Verlierer gefühlt?

Doch, am Abend des Ausscheidens schon. Aber die Niederlage vor zwei Wochen gegen den FC Zürich hat mich mehr geschmerzt als jene gegen Chelsea.

Die Europa League frönt ein Mauerblümchen-Dasein. Was muss anders werden, damit die Popularität steigt?

Der Unterschied zur Champions League ist auf der kommerziellen Seite mit rund 250 Millionen Euro zu rund 1,4 Milliarden Euro enorm. Die Stärkung der Europa League ist auf der Traktandenliste des «Clubs Competition Committee» der Uefa, in welchem ich die Schweiz vertreten darf. Die Vermarktung soll verbessert werden und damit das wirtschaftliche Fundament gestärkt werden. Das Problem aber bleibt: Der Markt wird von einem Premiumprodukt dominiert. Und die Frage lautet: Wie kann man ein Zweitprodukt stärken, ohne das Premiumprodukt zu schwächen?

Wäre es so schlimm für die Champions League, etwas vom Kuchen abzugeben? Der Umsatz beläuft sich auf 1,4 Milliarden Euro - Tendenz steigend.

Tatsächlich existieren bereits heute Ausgleichzahlungen in der Grössenordnung von 50 Millionen Euro. Allerdings herrscht unter den Top-Klubs, den Top-Ligen und der Uefa ein Verteilkampf um die Champions-League-Gelder.

Der FCB hat mit dem Erreichen des Halbfinals der Europa League weniger als die Hälfte von dem eingenommen, was die letztjährige Achtelfinal-Teilnahme in der Champions League einbrachte. Das ist absurd, oder?

Das ist Fakt. Und zeigt, wie dominierend das Premiumprodukt ist. Die finanzielle Bedeutung der Champions League hat
dazu geführt, dass auch das Interesse der Gesellschaft gestiegen ist. Vor drei Jahren haben wir innerhalb von zwölf Monaten zweimal gegen die AS Roma gespielt: In der Europa League hatten wir 13 000, in der Champions League war das Spiel trotz höherer Eintrittspreise mit knapp 34 000 Zuschauern praktisch ausverkauft.

Ist die Europa League für einen Klub wie den FC Basel wirtschaftlich heute überhaupt noch attraktiv?

Das hängt auch von der Attraktivität der Gegner ab. In dieser Saison erst ab den Viertelfinals. Man muss aber sagen: Der FCB hat zum Glück eine Grösse erreicht, die ihn die Teilnahme an der Europa League finanziell verkraften lässt. Eine Reise in den Osten kostet schnell einmal 80 000 Franken.

Was hat die Europa League dem FCB gebracht?

Neben dem Netto-Gewinn von vier bis fünf Millionen Franken haben wir die nächste Stufe der Wahrnehmung erreicht. So etwas ist in Zahlen nicht auszudrücken. Die Europa League war für uns eine wunderbare Imagekampagne.

Der Gesamtklub hat im letzten Jahr 86 Millionen Franken Umsatz generiert. Wann werden 100 Millionen erreicht?

Wir müssen so realistisch sein und die 25 Millionen (u. a. Verkauf von Shaqiri und Granit Xhaka; d. Red.) als Sondereffekt betrachten. Es gilt, die 86 Millionen, respektive das Wachstum richtig einzuordnen. Wir bauen auf einem Ertrags-Umsatz von rund 45 Millionen Franken auf. Das ist unser Grundstock. Letztes Jahr wären die 100 Millionen geknackt worden, wenn wir uns für die Champions League qualifiziert hätten. Wenn wir aber diesen Sommer keine Spieler verkaufen und im Herbst nicht in die Champions League kommen, wird der Umsatz etwa 50 bis 55 Millionen betragen.

Wo liegt die kritische Untergrenze?

Die liegt bei diesen 55 Millionen Franken, was etwa unseren fixen Ausgaben entspricht.

Was defensiv gerechnet ist. Doch der FC Basel kann sich unterdessen ein oder zwei schlechte Jahre problemlos leisten. Schliesslich beträgt das Eigenkapital der Holding über 30 Millionen.

Das gibt uns Planungssicherheit. Und es ist die Bestätigung dafür, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Denn es gab riskante Entscheidungen. Beispielsweise für sechs Millionen Franken Alex Frei zurückzuholen. Oder wenn es uns nicht gelungen wäre, Shaqiri zu überzeugen, seine ersten Profi-Schritte bei uns zu machen, hätte sich das sportlich als auch wirtschaftlich folgenschwer auswirken können. Dank der letzten drei Jahre haben wir eine gute Basis.

Hat der FCB mit den Verkäufen von Shaqiri und Xhaka das Maximum herausgeholt? Oder liegt nach der Imagekampagne «Europa League» künftig noch mehr drin?

Auch da gilt es, die Realitäten zu kennen. Es ist nicht das Image des FC Basel, das bestimmt, wie teuer seine Spieler sind. Erfolg mit dem FCB oder der Nationalmannschaft ist die Voraussetzung dafür, dass unsere Spieler international wahrgenommen werden. Aber es gibt den Willen des Spielers, der letztlich bestimmt, wo er spielen will. Transferwert-Schätzungen sind deshalb weitestgehend wertlos, eine reine Spielerei. Die Zeichen im Käufer-Markt sind aber nicht nur positiv. Transfers, die noch vor wenigen Jahren möglich waren, gibt es heute nicht mehr.

Ein Beispiel?

Michel Morganella. Er war bei uns Ersatzspieler und wurde vor vier Jahren für 1,5 Millionen Euro an Palermo verkauft. Heute wird in den Vereinen genau darauf geachtet, wie das Geld investiert wird. Das Buhlen um ablösefreie Spieler hat zugenommen.

Erkennen Sie generell eine Tendenz im europäischen Fussball, eher Reserven anzulegen, als Schulden zu machen?
Das hängt von der Ausrichtung der Klubs ab. Als ich den Leuten von Chelsea sagte, wie hoch unser Budget ist, sind sie fast umgekippt. Sie sagten: «Wir haben allein für Torres 50 Millionen bezahlt.» Wenn Mäzene oder Oligarchen hinter dem Klub stehen, ist es meist unerheblich, ob die Transferbilanz positiv ausfällt.

Wie ist es mit dem Lohn? Dieser muss nicht zwingend mit der Ablösesumme korrespondieren.

Bei uns schon. Deshalb haben wir Shaqiris Lohn früh angehoben. Ich kann nicht auf dem Markt ausrufen, Shaqiri sei nicht für weniger als zehn Millionen Franken zu haben und gleichzeitig lassen wir ihn für 250 000 Franken Jahresgehalt spielen. Shaqiri hat bei uns am Schluss zu Recht gut verdient.
Erstaunt sind wir über die Transparenz des FC Basel. Die meisten Schweizer Klubs bieten keinen Blick in ihre Bilanz.
Wir sehen keinen Vorteil darin, nicht transparent zu sein. Unsere Struktur ist so, dass es keine Geldgeber gibt, die ein legitimes Interesse daran haben, dass nicht alle Zahlen öffentlich gemacht werden. Wir wissen um die Gefahr, dass Transparenz zu falschen Interpretationen und Begehrlichkeiten führen kann. Wir haben uns für dieses Vorgehen entschieden, weil wir uns als Team stark fühlen.

Im November kommt die 1:12-Initiative vor das Volk. Wie relaxed sind Sie?

Eine Annahme der Initiative würde die Wirtschaftlichkeit und damit die sportliche Wettbewerbsfähigkeit der Profifussballklubs in der Schweiz empfindlich treffen. Spieler wie Alex Frei oder Marco Streller könnten nicht mehr engagiert werden, weil die Differenz zum möglichen Gehalt im benachbarten Ausland schlicht zu hoch wäre. Auch einen Xherdan Shaqiri hätten wir viel früher ans Ausland verloren.

«Readers Digest» führt jeweils eine Umfrage durch, welche Berufe am vertrauenswürdigsten sind. Dabei belegen Autoverkäufer, Finanzberater, Politiker und Fussballer die letzten Positionen.

Ich halte nicht viel von solchen Ranglisten. Der schlechte Ruf des Fussballers ist Beleg dafür, dass Bewunderung und Neid immer sehr nahe sind.

Fussballer verdienen viel zu viel, lautet noch immer die landläufige Meinung.

Dieses Vorurteil gründet in Unwissen. Die Leute würden erschrecken, wenn sie den Durchschnittslohn eines Super-League-Fussballers kennen würden. Das Vorurteil ist aber auch gefährlich. Der Traum vom grossen Geld dient etlichen Familien als Antrieb dafür, dass ihre Kinder alles auf die Karte Fussball setzen. Aber einem Teenager, der super rudern kann, raten die Eltern zur Matura oder zum Lehrabschluss. Es gibt Jungs, die im Teenager-Alter ähnlich talentiert waren wie Shaqiri und heute für 3000 Franken monatlich spielen, aber die berufliche Ausbildung abgebrochen haben.

Das Imageproblem des Fussballs gründet auch darin, dass vereinzelte Fans ein grosses Gewaltpotenzial haben. Bedeutet das Hooligan- Konkordat die Lösung des Problems?

Es wäre naiv zu glauben, dass man mit einem Reglement das Problem der Gewalt lösen könnte. Wenn ich zu diesem Thema spreche, fühle ich mich nicht als Vertreter des FC Basel oder gar dessen Fans, sondern als Vertreter des Schweizer Fussballs und all jener, die ihn lieben. Wir müssen den Fussball vor denjenigen schützen, die ihn als Plattform für die Ausübung von Gewalt missbrauchen. Aber auch vor jenen, die uns weismachen wollen, dass der Stadionbesuch ein riskantes Unterfangen ist. Es braucht dazu in erster Linie Kooperation und Dialog auf allen Stufen, aber sicher keine Schuldzuweisungen und kollektive Kriminalisierung der Fussballfans.

Statt 20 Minuten brauchten wir letzthin eine Stunde, um von Baden in den Letzigrund zu gelangen, obwohl dieser nicht mal zur Hälfte besetzt war. Wir wären umgedreht, wenn wir nicht über das Derby hätten berichten müssen.

Ein klares Alarmsignal. Viele denken, der Heusler spricht bloss die Sprache der Hardcore-Fans. Das stimmt nicht. Ich habe grösstes Interesse daran, dass jeder vernünftig an ein Spiel der Super League reisen kann; dass er den Weg ins Stadion nicht als Spiessrutenlauf empfindet und dass er sich nicht in einer kriegsähnlichen Szenerie wiederfindet.

Zurück zum Sport: Täuscht der Eindruck, dass Basel gesättigt in die Saison gestartet ist? Und was unternehmen Sie gegen die Sättigung, die in der nächsten Saison erneut droht?

Mit jedem Titel wird es anspruchsvoller, sich neu zu motivieren. Trotzdem: Wir haben drei Meistertitel in Serie geholt. Also ist es uns gelungen, den Erfolgshunger immer wieder von Neuem zu wecken. Man kann die Arbeit nicht nur auf den Erfolg fokussieren. Sondern man braucht als Klub Werte, die nicht darauf reduziert sind, Druck auszuüben. Freude am Job, Freude am Teamgeist - wir versuchen, die Spieler nicht über das Geld zu motivieren. Geld mag beruhigend wirken, aber nicht motivierend.

Hat diese Freude zu Saisonbeginn gefehlt?

Dafür gibt es Gründe. Die Sommerpause dauert bei uns gerade mal zwei Wochen. Es ist logisch, dass in dieser kurzen Zeit die Spannung nicht ab- und wieder aufgebaut werden kann.

Die Chance für einen konkurrenzfähigen Aussenseiter, dem FCB den Titel wegzuschnappen, wäre in dieser Saison so gross wie nie gewesen.

Stimmt. Die schwierige Phase im ersten Quartal der Saison, der Trainerwechsel, die Mehrbelastung durch die Europa League: Zum Glück sind wir verschont geblieben von langwierigen Verletzungen.

Eine schwierige Phase wird von der Konkurrenz nicht ausgenutzt, also ist der FCB in der Schweiz konkurrenzlos.

Nein, aber im Winter hatten wir die Möglichkeit, nachzurüsten.

Eben, konkurrenzlos.

Neueinkäufe während der Saison werden finanziell nicht jedes Jahr möglich sein. Aber in diesem Fall waren wir überzeugt von unserem Handeln. Auch wenn es in gewissen Medien hiess, wir hätten Bobadilla, Elneny und Serey Die ohne Not verpflichtet. Ohne Not kann auch heissen, wir handeln mit Weitsicht.

Und dann verlässt Alex Frei den Klub. Haben Sie wirklich alles unternommen, um Frei zu halten?

Nachdem er uns seinen Rücktritt per Ende Saison angekündigt hatte, sagte er, der Trainerjob sei sein Traum und er würde gerne bei uns ein Juniorenteam übernehmen. Was wir ihm ermöglicht haben. Das haben wir so eigentlich noch nie gemacht, ehemalige Spieler steigen bei uns normalerweise als Assistenztrainer ein. Als Alex uns informiert hat, dass er Sportchef in Luzern werden will, hat das bei mir kein Unverständnis ausgelöst.

Tatsächlich?

Ja. Dass er bei uns nicht die für ihn vorgesehene U-Mannschaft trainiert, sondern in Luzern etwas macht, das ihm lieber ist, löst bei mir keine negativen Gefühle aus. Es ist nicht so, dass der FC Basel das einzig Gelobte Land oder Frei nun ein schlechter Typ ist, weil er in Luzern arbeitet.

Man hat Frei also nicht von einem Wechsel abhalten wollen?

Er hat es uns mitgeteilt, als sein Entscheid bereits gefallen war.

Immer mehr Integrationsfiguren gehen von Bord: Huggel und Frei sind weg. Vielleicht gehen Stocker und Sommer.

Nicht nur jene mit dem rot-weissen Pass sind Integrationsfiguren. Ein Christian Gimenez, Matias Delgado oder Ivan Ergic - das waren auch Integrationsfiguren. Später kehrten Basler aus dem Ausland zurück. Aber nicht jeder Spieler aus der Region ist automatisch in den Herzen unserer Fans. Ein Marco Streller indes ist für mich die Integrationsfigur schlechthin.

Heisst das: Bei Streller werden Sie mehr unternehmen als bei Frei, um ihn nach der Karriere an den FCB zu binden?

Nein, wir unternehmen so viel, wie es uns als sinnvoll erscheint.

Der entscheidende Schritt zurück zum Erfolg war der Trainerwechsel von Heiko Vogel zu Murat Yakin.

Es war sicher ein einschneidender Schritt, der uns nicht leicht gefallen ist.

War Vogel eine Fehleinschätzung?

Nein, das war er nie. Er war der Richtige als Nachfolger von Thorsten Fink. Es hat tipptop funktioniert, die Mannschaft war noch konzentrierter. Doch die Situation im Sommer war neu. In dieser neuen Konstellation ist es im Herbst für uns alle offensichtlich geworden, dass wir nicht weiterkommen.

Was stimmt Sie optimistisch, dass Murat Yakin in der nächsten Saison nicht das gleiche Schicksal erleidet?

Der Trainer Yakin arbeitet sehr seriös und akribisch, anders als der Spieler Yakin. Als solcher hat er von seinem riesigen Talent profitiert. Als Trainer ist er aber sehr sensibilisiert darauf, dass die Spieler das Maximum aus ihrem Talent erzielen. Das führt dazu, dass er gegenüber denjenigen, die nicht ihre maximale Leistung abrufen, sehr fordernd und kosequent ist. Da trifft er bei mir auf einen Punkt, auf den ich auch sehr viel Wert lege. Nicht jeder Spieler beim FCB erreicht Weltklasse-Niveau, aber er sollte das Maximum aus seinen Möglichkeiten herausholen.