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Nationaltrainer Vladimir Petkovic: Vom Fegefeuer in den Olymp

1990: Vladimir Petkovic im Dress des FC Chur.

1990: Vladimir Petkovic im Dress des FC Chur.

Wer ist der neue Schweizer Fussball-Nationaltrainer? Wie ist Vladimir Petkovic wirklich? Wir begaben uns auf die Spurensuche.

Den Entschluss fasst Vladimir Petkovic im Sommer 1987. Er ist 24-jährig und ein Spieler beim FK Sarajewo, als die Regierung des ehemaligen Jugoslawien beschliesst, dass ihre Fussballer künftig auch vor 28 ins Ausland gehen dürfen. Petkovic also geht, sucht sein Glück in der Schweiz und muss bald feststellen: Hier hat niemand auf ihn gewartet.

Einen Monat lang trainiert er beim FC St.Gallen. Er versucht sich, für einen Vertrag aufzudrängen. Aber der Weg ist versperrt. Damals gilt: Zwei Ausländer pro Team, mehr nicht. Die Plätze in St.Gallen sind belegt von Ladislav Jurkemik und Dietmar Metzler. Also geht die Reise weiter.

Im Bündnerland sucht der FC Chur, soeben von der 2. Liga bis in die NLB durchmarschiert, einen Stürmer. Petkovics Spielerberater wusste das, der Deal kommt zu stande. Aber die grosse Aufregung beginnt erst. Der damalige Präsident Arnold Mathis ist bald ausser sich vor Wut. Der Bündner Zeitung sagt er: «Der Jugoslawe ist alles andere als ein Goalgetter. Sobald ich den Neuen habe, muss er weichen!» Captain Sigi Manetsch wird zitiert mit den Worten: «Er hat die Erwartungen zwar nicht ganz erfüllt, aber der Jugoslawe ist trotzdem ein guter Fussballer, vor allem technisch.»

27 Jahre sind seither vergangen. Und wenn sich Sigi Manetsch heute an dieses eine Jahr mit Petkovic erinnert, sagt er: «Er war ein ruhiger, umgänglicher Typ. Ein guter Fussballer, besser als wir alle, das haben wir sofort gemerkt.» Als Manetsch am letzten Wochenende ein Interview mit Petkovic las und dieser darin sagte, er hätte eigentlich nie die Absicht gehabt, Trainer zu werden, musste Manetsch schmunzeln. «Ich hatte genau den umgekehrten Eindruck. Er funktionierte schon als Spieler wie ein Trainer. Manchmal ging er mitten in einer Übung zu einem jungen Spieler hin und erklärte ihm, wie er es besser machen könnte.»

Als Spieler nie mehr als Mittelmass

Die Geschichte von Vladimir Petkovic, dem Spieler, hat wenig gemein mit jener von Vladimir Petkovic, dem Trainer. Der Spieler Petkovic kommt nie über Mittelmass heraus. Seine weiteren Stationen heissen: Sion, Martigny, wieder Chur, Bellinzona, Locarno, wieder Bellinzona und schliesslich Buochs. «Ich musste jedes Jahr von neuem um einen Vertrag kämpfen», blickt er zurück. Und nicht nur das. Mal muss er Deutsch lernen, mal französisch, dann wieder deutsch, schliesslich italienisch. «Nicht immer ganz einfach – aber eine gute Lebensschule», sagt das Sprachtalent.

Wenn der Trainer Petkovic heute sagt, er brauche im Nationalteam «echte Männer» und man diese echten Männer vor allem dann erkenne, «wenn man schwierige Zeiten durchläuft», dann sagt dieser Satz vor allem sehr viel über seine eigene Vita aus. Denn auch der Trainer Petkovic muss lange kämpfen, um nach ganz oben zu kommen. Es sind acht Jahre, die Petkovic mit einem Wort umschreibt, «Purgatorio», Fegefeuer.

Petkovic muss eine Familie ernähren. Er ist ein Trainer im Nebenamt, erst bei Malcantone Agno, dann bei Bellinzona. Hauptberuflich arbeitet er bei der Tessiner Caritas als Sozialarbeiter. Er hilft Menschen, die ganz unten angekommen sind, auf dem Weg nach oben. Er motiviert sie, ihr Leben so gut es geht selbst zu gestalten. Beispielsweise beim Einrichten einer zur Verfügung gestellter Wohnung. Gleichzeitig erregt Petkovic immer mehr Aufsehen auf der Trainerbank. Mit der zweitklassigen AC Bellinzona qualifiziert er sich für den Cupfinal. Mehr noch: Er führt sie in die Super League. Petkovic spürt: Bald kommt die Chance für den grossen Sprung.

Begeisterung bei YB

Petkovic täuscht sich nicht. Nach einem schwachen Saisonstart im Sommer 2008 bemühen sich mit YB und Luzern gleich zwei Vereine um Petkovic. Der damalige YB-Macher Stefan Niedermaier wusste schon nach wenigen Sekunden beim ersten Treffen mit Petkovic: Das ist der Mann, der YB begeistert.

Und wie Petkovic begeistert! Von einem Tag auf den anderen führte er das 3-4-3 an. Es gab manche Zweifler im YB-Umfeld, von Himmelfahrtskommando war die Rede, aber: «Petkovic kam, hatte seine Vorstellungen, hatte vor allem nie den geringsten Zweifel, und setzte seine Philosophie konsequent durch», sagt Marco Schneuwly.

Petkovic gelang es, sein Feuer auf die Spieler zu übertragen. «Seine Gedanken waren so fesselnd, dass er sich manchmal sogar selbst vergass darin. Vor einem Spiel kam es vor, dass er fast fünf Minuten auf italienisch taktische Erklärungen, bis sein Assistent ihn darauf hinwies, dass einige von uns nicht allzu viel verstanden hatten.»

Es war eine Zeit, an die sich jeder YB-Fan gerne zurückerinnert. Aber sie hatte einen entscheidenden Makel: Auch Petkovic gelang es nicht, mit den Bernern einen Titel zu gewinnen. Im Cupfinal gegen Sion gab sein Team eine 2:0-Führung noch preis. Ein Jahr später verlor es zu Hause die Finalissima gegen Basel - nach zwischenzeitlich 13 Punkten Vorsprung. Noch heute heisst es deshalb: Petkovic sei kein Trainer für die grossen, entscheidenden Spiele. Und Petkovic sei kein guter Krisenmanager.

Gespräche mit langjährigen Begleitern von Petkovic zeichnen immer dasselbe Bild: Egal, wo Petkovic hinkommt, er hat es noch immer geschafft, neue Euphorie zu entfachen. Aber sobald sich die Widerstände mehren, sobald er auf dem Weg zum nächsten Gipfel ein Tal durchschreiten müsste, ist er verloren.

Seine grösste Schwäche ist vielleicht das Misstrauen. Sogar das Wort «Kontrollwahn» fällt da und dort. Vor allem dann, wenn es nicht läuft, könne sich Petkovic kaum von der Vorstellung verabschieden, dass Leute hinter seinem Rücken gegen ihn arbeiten. Eng damit verbunden ist das Gefühl, zu wenig wertgeschätzt zu werden.

Es kann also nicht überraschen, dass Petkovic betont, wie wichtig es ihm ist, Jahre später die Bestätigung zu bekommen, dass er damals eben doch gut gearbeitet habe. Im Klartext: Dass die Vereine, die er verliess, oder: verlassen musste, nachher Probleme bekamen. Nun wartet er darauf, dass Lazio Rom dieselbe Erfahrung macht.

Mit den Italienern hat Petkovic gleich im ersten Jahr den Pokal gewonnen. Dass dieser Titel in Italien für manche die Bedeutung eines umgefallenen Reissackes in China hat, stört ihn nicht. Wichtiger ist eine andere Botschaft: Ich bin ein Sieger-Trainer!

Und jetzt also das Schweizer Nationalteam. Nein, eigentlich hat auch beim Schweizer Verband niemand auf ihn gewartet. Eigentlich ist es fast wie damals in Chur. Petkovic ist eine Notlösung. Wunschkandidaten waren andere. Ottmar Hitzfeld wollte nicht mehr. Marcel Koller wollte nie ernsthaft. Jetzt ist eben Petkovic da. Und das kann durchaus ein Vorteil sein auf dem Schweizer Weg noch näher an die Weltspitze.

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