Nationalmannschaft
Nationaltrainer Vladimir Petkovic als Homöopath

Kein Testspiel, kurze Vorbereitungszeit und vier Wochen lang ein Verlierer – die Leiden unseres Fussball-Nationaltrainers. Vladimir Petkovic lernt die unschönen Seiten seines Jobs kennen. Trotzdem hört man vom ihm weder Klagen noch Ausreden.

François Schmid-Bechtel und Etienne Wuillemin
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«Ich könnte auch eine eventuelle Niederlage in Slowenien verkraften», sagt der Schweizer Fussball-Nationaltrainer Vladimir Petkovic.

«Ich könnte auch eine eventuelle Niederlage in Slowenien verkraften», sagt der Schweizer Fussball-Nationaltrainer Vladimir Petkovic.

KEYSTONE

Die 0:2-Niederlage gegen England schmerzt. Vielleicht bis heute. Doch Vladimir Petkovic hält seinen Schmerz unter Verschluss. Er verbarrikadiert sich nicht im Tessin und stellt die Kommunikation ein. Er verschickt den Spielern und dem Mitarbeiterstab SMS, in denen er ihnen für ihre Arbeit und ihren Einsatz dankt. Und: Er zeigt sich. Ob im Tourbillon in Sion. In der Stockhorn-Arena in Thun. Im St. Jakob-Park in Basel. Im Letzigrund in Zürich.

Petkovic ist ein Besessener

Er wisse selbst nicht, wie viele Partien er in dieser Saison bereits besucht habe, sagt Petkovic. Er schaue spontan, was gerade Sinn mache. Darunter könne auch ein Challenge-League-Spiel sein. Weil ihm auch dort ein Licht aufgehen könne. Denn Petkovic ist vor allem eines: ein Besessener. Er selbst sagt lapidar: «Ich liebe Fussball.»

Das 0:2 gegen England: Es war eine grosse Ernüchterung, weil man sich so viel vom neuen Trainer versprochen hat. Mehr Selbstbewusstsein. Mehr Offensivgeist. Mehr Tempo. Mehr taktische Varianten. Mehr Unberechenbarkeit. Und vor allem mehr Mut. Selbst langjährige Stammspieler unter Petkovic’ Vorgänger Ottmar Hitzfeld liessen durchblicken, was sie vom neuen Trainer erwarten: Er solle den taktischen Horizont erweitern und der Mannschaft das letzte bisschen Understatement austreiben. Aber davon war gegen England nur in der zweiten Halbzeit phasenweise etwas zu sehen.

Keine Zeit für Akzente

Die Zeit ist die wichtigste Erklärung, warum Petkovic kaum Akzente setzen konnte. Statt wie in früheren Jahren im August testen zu können, war der 51-Jährige gezwungen, einen Kaltstart hinzulegen. Innerhalb von einer Woche musste Petkovic den Mitarbeiterstab, die Spieler und die Abläufe kennenlernen, Ideen implementieren und einen Match-Plan entwickeln. Zu viel Ballast für einen Höhenflug. Doch Petkovic hat sich weder über das gedrängte Programm noch über die individuellen Fehler beklagt. Stattdessen hat er den Kontakt zu den Spielern und ihren Bezugspersonen im Klub intensiviert. Ausserdem hat er jedem einen Link zu einem Video mit all seinen Ballkontakten aus dem England-Spiel gemailt. Dass die Spieler ihre fakultativen Hausaufgaben erledigt haben und dem Trainer ihre Erkenntnisse mitgeteilt haben, löst beim Trainer grosse Genugtuung aus und verringert das Gewicht der Niederlage, die seit vier Wochen auf ihm lastet.

Anders als Hitzfeld

«Vielleicht ist es mein Schicksal, dass ich diese Startschwierigkeiten überwinden muss», sagt Petkovic. Dabei wirkt er kein bisschen desperat. Auch nicht desillusioniert. Selbst wenn er sagt: «Ich könnte auch eine eventuelle Niederlage in Slowenien verkraften.»

Er sagt das, weil er wie Hitzfeld kein Punktebudget aufstellt, sondern Spiel für Spiel nimmt. Aber auch wissend, dass im Fall einer Niederlage auf das Team, hauptsächlich aber auf ihn eingeprügelt würde. «So funktionieren die Mechanismen. Auch aus meiner Optik ist nach zwei Niederlagen nicht alles gut. Aber man sollte sich für eine Linie entscheiden, diese konsequent verfolgen und nicht gleich aufgeben.» Eigentlich mag sich Petkovic aber nicht zu sehr mit dem Worst-Case auseinandersetzen.

Auswärts gegen Slowenien

Nun folgt am Donnerstag also das Auswärtsspiel gegen Slowenien, das zum Auftakt in Estland überraschend 0:1 verlor. Petkovic wünscht sich in Maribor von seinen Spielern mehr Freude am Fussball, mehr «kontrolliertes Risiko», mehr Sicherheit im Spielaufbau, und immer wieder sagt er: «Wir müssen selbstbewusster werden.» In anderen Worten.

Die Schweiz soll den an Johan Cruyff angelehnten «Totaalvoetbal» der Marke Petkovic praktizieren. Wobei Petkovic nicht so vermessen ist, für die Partie in Maribor mehr als nur eine Annäherung zu fordern. Oder: Der Trainer als Homöopath.

Für einen Stilbruch gegenüber der Hitzfeld-Ära fehlen Petkovic Zeit, Punkte und vor allem die Form von Schlüsselspielern. Angespannt wirkt er gleichwohl nicht. Er ist bemüht, einen wie Xherdan Shaqiri, dessen Standing sich beim FC Bayern München dem Tiefstwert nähert, starkzumachen, ihm Verantwortung zu übertragen, die Freude am Fussball zurück zu geben und ein Lachen aufs Gesicht zu zaubern. «Ich hoffe, dass jene Spieler, die in ihren Klubs selten spielen, im Nationalteam ein Zeichen setzen; dass sie ihren Klubtrainern zeigen, mehr Einsätze verdient zu haben.»

Captain Inler in der Krise

Das zweite Sorgenkind nach Shaqiri heisst Gökhan Inler, der vor dem 0:1 der Engländer den Ball verlor, in Napoli nicht mehr unumstritten ist und in zwei von fünf Meisterschaftsspielen 90 Minuten auf der Bank sass. Doch Petkovic teilt die Sorgen um Inler nicht. Er ortet das «Minuten-Problem» eher bei Napoli-Trainer Benitez und dessen Rotationsprinzip als in einer Formkrise seines Captains.

Bleibt als letzte Achillesferse die Innenverteidigung, die in der Besetzung von Bergen/Djourou den Anforderungen, welche die Engländer stellten, nicht genügte. Auch hier hält Petkovic den Ball flach. Denn er erkennt schlicht keinen Mangel an Qualität.

Nein, egal wie viele Steilpässe man ihm zuspielt – Petkovic mag nicht lamentieren. Im Gegenteil: Er freut sich auf den Montag, wenn sich das Nationalteam versammelt. Er sehnt sich nach der Chance zur Rehabilitation. Denn vier Wochen als Verlierer herumzulaufen, ist für Petkovic eine neue, unangenehme Erfahrung.

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