EM 2016
«Nanifique»! – Der Portugiese in Ronaldos Schatten

Schon bei Manchester United stand Nani im Schatten von Cristiano Ronaldo. So ist es auch an dieser Europameisterschaft im Trikot der Portugiesen. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf diese interessante Figur.

Markus Brütsch, Marseille
Merken
Drucken
Teilen
Die Emotionen müssen raus: Portugals Stürmer Nani feiert den Finaleinzug.

Die Emotionen müssen raus: Portugals Stürmer Nani feiert den Finaleinzug.

KEYSTONE

Portugal = Ronaldo. Am Mittwoch jedenfalls ist der Captain beim 2:0-Halbfinalsieg über Wales der beste Spieler einer Mannschaft gewesen, die nun am Sonntag nach dem EM-Titel greift.

Doch der 31-Jährige hat in Frankreich nicht immer brilliert und der Superstar hätte längst Ferien, wären nicht Teamkollegen wie Pepe, Renato Sanches und Rui Patricio mit guten Leistungen eingesprungen. Oder Nani.

Von diesem ist nicht so oft die Rede in einem Team, bei dem sich seit zehn Jahren alles auf Ronaldo fokussiert. Dabei hat der 29-Jährige bei dieser EM, wie Ronaldo auch, bereits drei wichtige Tore erzielt und seinen Teil zum Finaleinzug geleistet. «Nanifique!» lobten ihn französische Zeitungen.

Überhaupt ist Nanis Laufbahn es wert, sie zu erzählen. Immerhin ist er nach Ronaldo (132), Luis Figo (127) und Fernando Couto (110) erst der vierte Portugiese, der es in den «Hunderterklub» gebracht hat, der Final wird bei seiner dritten EM sein 103. Einsatz für die Seleção sein. Dabei hatte er erst als 18-Jähriger die portugiesische Nationalität erhalten.

Nani ist zeit seiner Karriere im Schatten von Ronaldo gestanden. Von 2007 bis 2009 hat er mit diesem zusammen bei Manchester United gespielt. Und dabei vom zwei Jahre älteren Landsmann viel Hilfsbereitschaft erfahren. Dieser war vier Jahre zuvor auf die Insel gekommen und dort längst ein Star. Doch er nahm sich seines 20-jährigen Landsmannes, der ebenfalls bei Sporting Lissabon ausgebildet worden war, fast schon rührend an. Er liess Nani, der nicht englisch sprach, in seiner riesigen Villa wohnen und ermöglichte diesem, sich allmählich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Als Nani dann irgendwann auszog, um auf eigenen Füssen zu stehen und ebenfalls ein grosses Haus bezog, fühlte er sich jedoch nicht mehr wohl. «Es war wie ein Geisterhaus», erzählt Nani, «manchmal ging ich sogar ohne Abendessen zu Bett, weil ich es einfach nicht schaffte, allein zu essen.»

Das hatte sicher damit zu tun, dass Nani als eines von zehn Geschwistern aufwuchs − er war der Jüngste − und sie zu sechst in einem Zimmer schliefen. In Praia auf den Kapverdischen Inseln geboren, kam Luis Carlos Almeida da Cunha mit seiner Familie im Alter von acht Jahren nach Portugal. Dann trennten sich die Eltern; der Vater ging zurück auf die Kapverden, die Mutter zog nach Holland weiter und der kleine Nani – den Namen hatte ihm eine seiner Schwestern gegeben – wuchs bei Tante Antonia in Amadoras auf, einem verruchten Vorort Lissabons.

Nani spielte stundenlang Strassenfussball, trainierte bewusst den linken und den rechten Fuss und eiferte seinem grossen Vorbild Luis Figo nach. Er wusste aber, dass er ein richtiges Training brauchte, wollte er so gut wie Figo werden. Er nahm einen mehrere Kilometer langen Fussweg in Kauf, um bei Real Sport Clube Massama spielen und trainieren zu können. Die Verantwortlichen, die wussten, in welch ärmlichen Verhältnissen Nani zu Hause war und dass er kaum genug zu essen bekam, päppelten den Jungen auf, bis dieser seine fussballerische Ausbildung bei Sporting Lissabon fortsetzen konnte und als 18-Jähriger einen Profivertrag erhielt.

Es lief gut für Nani, und bald war er Stammspieler und Cupsieger. Für 20 Millionen Euro wurde er an Manchester United verkauft.

Dort verdiente er gut, ermöglichte es Tante Antonia, aus der Armut auszubrechen und unterstützte immer die zahlreichen Familienmitglieder. «Ich kann nie Nein sagen», hat er selber einmal erklärt.

Sieben Jahre lang war Nani bei den Roten Teufeln längst nicht immer Stammspieler, aber am Ende hatte er die Champions League, die Klub-WM und vier Mal die Premier League gewonnen.

2014 ging Nani für eine Saison zu Sporting zurück, dann für ein Jahr zu Fenerbahce in die Türkei und vor ein paar Tagen meldete der FC Valencia die Verpflichtung Nanis für 8,5 Millionen Euro mit einem Dreijahresvertrag.

In der Mannschaft Portugals hat der Vater eines zweijährigen Sohnes seinen Platz an der Seite Ronaldos im Zweimannsturm unter Trainer Fernando Santos auf sicher.

Wird er auf Ronaldo angesprochen, wird er nicht müde, diesen in den höchsten Tönen zu loben.

Nani hat nicht vergessen, wie dieser ihm einst geholfen hatte, als er als hilfloses Bürschchen nach Manchester kam.

Das Grösste wäre jetzt natürlich, mit diesem zusammen den ersten Titel für Portugal zu gewinnen.

«Ich kann jetzt gar nicht beschreiben, wie ich mich fühle. Ich bin einfach stolz darauf, diesen Final erreicht zu haben», hat Nani nach dem Sieg gegen Wales erklärt. Und: «Wir spielen nicht wie Griechenland. Wir spielen schon schöner.»