Fussball
Mysterium Fussballfans: Wer sind sie eigentlich, diese «randalierenden Chaoten»?

Nach dem Cupfinal stehen die Fussballfans wieder einmal im Verruf. Der Versuch einer Annäherung an eine anonyme Masse – die im Wesentlichen bloss ein Abbild unserer Jugend ist.

Marco Huwyler
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Arsenal eines gewaltbereiten Fans:

Arsenal eines gewaltbereiten Fans:

Montage: SSA

Einer Mehrheit im Lande sind sie suspekt. Unzumutbar für eine zivilisierte Gesellschaft. Am besten, man sperrte sie allesamt weg. So und ähnlich lautet das Gros der Parolen in den Kommentarspalten der Onlineportale.

Selbst ihre Beziehung zum normalen Stadiongänger und zum eigenen Verein ist ambivalent: Zwar schätzt man die von den eingefleischten Fussballfans erzeugte Stimmung. Immerhin trägt eben diese Stimmung sehr viel zum Erlebnis Fussball bei. Und doch versteht man diese jungen Leute nicht so richtig: Weshalb immer diese Nebengeräusche? Diese ständigen Zündeleien. Immer diese Pyros, Provokationen und Prügeleien.

Nach dem Cupfinal vom Ostermontag stehen die Fussballfans wieder einmal im Fokus der Öffentlichkeit. Weil sich einige von ihnen in der Tat nicht unter Kontrolle hatten, stehen die Fans kollektiv unter Chaoten-Verdacht. Dabei ist eine Fankurve ein Abbild der männlichen Schweizer Jugend. Lebendig, kreativ, facettenreich - aber eben manchmal auch impulsiv, unvernünftig, rebellisch und aggressiv.

Fans eines Vereins bilden eine äusserst vielfältige Einheit. Kaum typologisierbar. Der Versuch, Licht ins Dunkel ihrer Welt zu bringen, ist deshalb schwierig - und dennoch sei er an dieser Stelle versucht.

Die Ultras

Sie sind der schillernde Kern einer jeden Kurve, eine zwiespältige Gruppierung. Die Urheber und Regisseure grösster Teile des Supports. Ultras organisieren Choreografien, komponieren Fan-Lieder und koordinieren das Abbrennen bengalischer Feuer. Sie sind die fanatischsten Anhänger des Vereins: Grösstenteils treten sie als konstruktive Unterstützer auf. Wenn sie aber glauben, die «Ehre» ihres Vereins verteidigen müssen, schrecken sie auch vor Gewalt nicht zurück.

Daneben verfolgt die Bewegung auch halbwegs ideologische Ziele; diese Ziele vereinen die Ultras der einzelnen Fussballvereine. Man setzt sich gegen Repression und Kommerz im «modernen Fussball» ein, weil dies der eigenen Ansicht nach der bestehenden Fankultur und damit auch dem Sport schadet.

Der Capo

Er ist der Anführer der Ultras und damit der ganzen Kurve. Durch ein Megafon peitscht er seine Mitstreiter an, gibt Kommandos und orchestriert Fangesänge und Choreografien. Meist gibt es mehrere davon, die sich abwechseln oder parallel agieren. Für die übrigen Ultras ist der Capo eine Autoritätsperson und hat vor allem innerhalb des Stadions einen grossen Einfluss, weshalb ihmbei der Selbstregulierung der Fans eine Schlüsselrolle zukommt.

Der Hooligan

Für ihn sind das Spiel und die Mannschaft bestenfalls Nebensache. Im Zentrum steht die Feindschaft zu gegnerischen Anhängern und das Zelebrieren der Gewalt. Sie suchen die Auseinandersetzung und sind bei Schlägereien jeweils an vorderster Front dabei.

Der Normalo

Der grösste Teil der Kurvengänger und damit auch der Teilnehmer an Fanmärschen sind «Normalos». Kinder, Lehrlinge, Studenten, Büroangestellte und Familienväter, die sich ausserhalb des Stadionbesuches nicht in der Fanszene engagieren. Sie interessieren sich für das Fussballspiel und unterstützen ihren Verein am Matchtag visuell und akustisch. Ihr Engagement variiert allerdings stark. Vom absoluten Insider, der immer da ist, bis hin zum schlecht informierten Rosinenpicker ist das Spektrum riesig.

Der grösste Teil der Kurvengänger dürfte noch nie einen Menschen geschlagen oder mutwillig eine Scheibe zertrümmert haben. Die Vorstellung, dass zehntausende, aufgepeitschte, teils angetrunkene, junge Männer vor dem Spiel jeweils lammfromm Hand in Hand Richtung Stadion spazieren, wäre dennoch blauäugig.

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