Eine Saison wie im Irrgarten. Bulat Tschagajew reisst Xamax in den Abgrund. Majid Pishyar führt Servette Richtung Konkurs. Der trotzige Christian Constantin sorgt dafür, dass sein FC Sion nun um den Klassenerhalt zittern muss. In Zürich führen Laien ein Trauerspiel auf. In Bern findet man zur Erntezeit nur Brachland. Positive Signale kommen einzig aus Thun, Luzern und vor allem aus Basel. So verwundert es nicht, dass sich die Brisanz längst aus der Super League verabschiedet hat. Die Spiele der letzten Runde haben bestenfalls Testspiel-Charakter.

Zum Glück gibt es die Challenge League. Dort herrscht am letzten Spieltag noch Spannung, auch wenn mit St. Gallen der Aufsteiger und mit Brühl, Kriens, Delémont und Etoile Carouge bereits vier von fünf Absteigern feststehen. Noch sind aber zwei Fragen unbeantwortet: Wer darf die Barrage gegen Sion bestreiten? Aarau oder Bellinzona? Und wer ist der fünfte Absteiger? Nyon oder Wohlen? Ein Krimi in vier Kapiteln.

Die Ausgangslage

Aarau und Bellinzona haben sowohl gleich viele Punkte als auch die gleiche Tordifferenz. Da der FC Aarau aber mehr Tore erzielt hat, ist er gegenüber den Tessinern im Vorteil. Aarau spielt heute um 20.15 Uhr zu Hause gegen Absteiger Carouge, Bellinzona gegen Wohlen. Gewinnen beide Teams gleich hoch, bleibt Aarau Zweiter und qualifiziert sich für die Barrage. Das gleiche gilt, wenn beide Teams unentschieden spielen. Verlieren beide, tritt jenes Team am Samstag in Sion an, das weniger hoch verloren hat.

Die Differenz zwischen Wohlen und Nyon beträgt zwei Punkte. Den Waadtländern hilft nur ein Sieg in Winterthur, um den Abstieg in die neu gegründete 1. Liga Promotion zu verhindern. Sollte der FC Wohlen gegen Bellinzona ein Remis erreichen, müsste Nyon mit sieben Treffern Unterschied gewinnen. Ein unvorstellbares Szenario.

Die Brennpunkte

Dass sich der FC Aarau zwei Jahre nach dem Abstieg wieder der Super League annähert, ist eine positive Überraschung. Insbesondere, weil der FCA die letzte Saison auf dem enttäuschenden 11. Platz beendet hatte. Doch man hat aus den Fehlern gelernt und den Kader bereinigt. Man hat nicht mehr auf ausrangierte, teilweise überbezahlte ehemalige Super-League-Spieler (u.a. Mitreski) gesetzt, sondern eigene Talente (u.a. Widmer und Jäckle) integriert oder junge Spieler von Super-League-Klubs (u.a. Gashi und Staubli) ausgeliehen.

Entscheidend für den Erfolg war indes die Verpflichtung von René Weiler, einem grossen Trainer-Talent. Mit dem Winterthurer kehrten endlich wieder Leistungskultur, Teamwork, Begeisterung und eine attraktive Spielweise ins Brügglifeld zurück. Trotzdem ist es erstaunlich, was Weiler mit dem zweitjüngsten Team der Liga bereits jetzt realisiert hat.

Die AC Bellinzona war bei Halbzeit gleichauf mit dem FC Aarau. Doch im Unterschied zu den Aarauern konnten die finanzstarken Tessiner in der Winterpause ihre eh schon gut besetzte Mannschaft mit namhaften Spielern verstärken. Hakan Yakin kam von Luzern, Jonas Elmer von Sion und Gaston Magnetti (8 Tore in der Vorrunde) von Chiasso. Doch Bellinzona ist seiner Favoritenrolle nicht gerecht geworden. Wohl auch wegen Hakan Yakin, dem die Gegner in der Challenge League noch mehr Beachtung schenken und dessen Präsenz wohl einigge Mitspieler dazu veranlasst, eher einen Gang runter als hoch zu schalten.

Trainer Martin Andermatt erlebte einen turbulenten Frühling. Mehrmals stand er kurz vor der Entlassung. Sollte er die Barrage verpassen, wird er abgelöst. Im Tessin wird bereits über die Nachfolge spekuliert. Im Gespräch sind Raimondo Ponte und Locarno-Trainer Davide Morandi. Ob sich die fehlende Lizenz (sowohl für die Challenge als auch für die Super League) positiv auf die Leistungsbereitschaft der Spieler auswirkt, ist fraglich.

Der FC Wohlen erlebt die wohl aufreibendste Saison seit dem Aufstieg in die zweithöchste Spielklasse im Sommer 2002. Allein schon die Reduktion auf zehn Teams sorgte im Freiamt für grossen Ärger. Gestartet ist man mit Trainer Urs Schönenberger, weil dieser in der letzten Saison mit 10 Punkten aus 4 Spielen den Abstieg verhindert hat. Ähnlich ging es in dieser Saison weiter. Bis zum Derby blieb Wohlen in sechs Spielen ungeschlagen. Doch die 0:2-Niederlage gegen Aarau und vor allem die Verpflichtung von Problemspieler Carlos Varela stürzten Wohlen in eine Krise. Diese wurde gar noch akzentuiert, als man anstelle von Schönenberger den völlig überforderten Adrian Kunz als Trainer installierte.

Nach drei Meisterschaftsspielen war Schluss für Kunz. Dass Wohlen danach den kompetenten Ryszard Komornicki verpflichtete, war der eigentliche Befreiungsschlag. Obwohl der Pole mit der eigenartig zusammengestellten Mannschaft Mühe hatte, Tritt zu fassen und ebenfalls kurz vor der Entlassung stand. Doch 13 Punkte aus den letzten 5 Spielen bedeuteten den Turnaround.

Die Rivalität

Wenn der FC Wohlen sich selbst hilft, hilft er gleichzeitig auch seinem Kantonsrivalen Aarau. Eine spannende Konstellation. Denn nach Jahren der gefestigten Hierarchie - der FC Aarau war 30 Jahre in der höchsten Spielklasse - träumte man im Freiamt von einer Wachtablösung. Die letzte Saison war für Wohlen jedenfalls geschichtsträchtig, weil man sich erstmals vor dem FC Aarau klassiert hatte. Doch so verhärtet wie 1830 beim Freiämter Sturm auf die Kantonshauptstadt sind die Fronten nicht.

Die Rivalität zwischen den beiden Vereinen beschränkt sich auf einzelne Exponenten. Insbesondere der grosse starke Mann beim FC Wohlen, René Meier, ist auf den FCA nicht gut zu sprechen. Spätestens, seit Alain Schultz trotz mündlicher Zusage in Wohlen im letzten Sommer zum FC Aarau gewechselt ist, sind die Fronten zwischen Meier und dem FC Aarau verhärtet. «Ich will darüber nicht sprechen.» Klar ist aber auch, dass Schultz-Berater und FCA-Sportausschussmitglied Fredy Strasser kein gerngesehener Gast ist in Wohlen. Kommt dazu, dass Strasser auch als Berater der Wohler Pnishi und Winsauer auftritt.

Die Hoffnungsträger

Dass Shkelzen Gashi (von Xamax ausgeliehen) ein talentierter Fussballer ist, war schon länger klar. Dass in ihm aber ein kaltblütiger Skorer steckt, ist neu und auch das Verdienst von FCA-Trainer Weiler. Gashi hat als offensiver Mittelfeldspieler in 25 Spielen 16 Treffer erzielt. Doch die Wege zwischen dem 23-Jährigen und dem FC Aarau werden sich wohl trennen. Gashi steht offenbar kurz vor einem Wechsel zu den Grasshoppers. Dieser Umstand wird ihn nicht daran hindern, sich positiv aus dem Brügglifeld zu verabschieden.

Ob Gashi gegen Carouge spielen kann, ist indes fraglich. Gestern musste er wegen einer Grippe das Abschlusstraining auslassen. Ein Forfait von Gashi würde einen veritablen Substanzverlust bedeuten. Auch wenn der ehemalige FCZ-Junior in den letzten zwei Spielen nicht getroffen hat, besitzt er gleichwohl die Gabe, komplizierte Spiele aus dem Nichts heraus zu entscheiden. Und Carouge kann ein kompliziertes Spiel werden. Wie gross die Abhängigkeit von Gashi ist, beweist ein Blick in die Statistik. In vier Spielen ohne Gashi kassierte Aarau zwei Niederlagen (1:3 gegen Biel und 1:2 gegen Wil).

Die Saison 2007/08 war für Gaspar eine Sternstunde. Mit 31 Treffern war er massgeblich am Aufstieg des FC Vaduz beteiligt. Doch in der folgenden Spielzeit stiess er an seine Grenzen. Gaspars Ruf: Zu gut für die Challenge, zu schlecht für die Super League. Als er später auch in Lausanne und Chiasso nur noch selten traf, war er selbst für die Challenge League zu schlecht. Doch Wohlens Stürmerproblem war im Winter derart akut, dass man auf den 31-jährigen Desperado setzte. Und siehe da: Gaspar trifft unter Komornicki wieder das Tor. In 14 Spielen schoss er zehn Tore.