Analyse
Murat Yakin als neuer Trainer von Schaffhausen: Es passt, weil Yakin kein Fussball-Snob ist

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Murat Yakin und seine Bescheidenheit: Hier noch im Trainerjäckchen von Spartak Moskau.

Murat Yakin und seine Bescheidenheit: Hier noch im Trainerjäckchen von Spartak Moskau.

Keystone

Basel-Moskau-Schaffhausen. Das tönt wie ein krasser Abstieg. Zumindest für Menschen, die Status und Glamour eine übersteigerte Bedeutung zumessen. Aber sonst? Gewiss, der Rahmen ist ein anderer, die Mittel bescheidener. Aber hier wie dort geht es im Kern um das Gleiche: Ziele erreichen, Punkte gewinnen, die Spieler besser machen.

Murat Yakin ist nicht der Glamourboy, als der er gerne dargestellt wird. Sicher, er fährt ein Auto der gehobenen Klasse, trägt eine teure Uhr, residiert mit seiner Familie in einer Villa, besitzt mehrere Immobilien. Aber Yakin ist kein Fussball-Snob. Wenn er einen Job annimmt, bestimmen nicht das Gehalt, die Anzahl Mitarbeiter, das Fassungsvermögen des Stadions oder der Sexappeal des Klubs seine Entscheidung.

Nein, Yakin ist zu sehr fussballverliebt, als er sich durch Oberflächlichkeiten leiten lässt. Wichtiger als die Aussendarstellung sind ihm Fragen wie: Ist die Klubphilosophie zukunftsgerichtet? Habe ich die Kompetenzen, um etwas zu bewegen? Kann ich mich entfalten? Sind die Spieler lernwillig?

Seine erste Station als Cheftrainer war Frauenfeld. Seine zweite der FC Thun (damals noch im lottrigen Schachenstadion). In den jeweiligen Klubs hingegen löste allein die Ankündigung von Yakins Ankunft eine gewisse Nervosität aus. Nach dem Motto: «Wir sind doch nicht gut genug für den grossen Yakin!» Am wenigsten gestört am fehlenden Protz und Prunk hat sich aber Yakin selbst. Was den Menschen in und um die Klubs bald ihre Minderwertigkeitsgefühle genommen hat.

Der FC Schaffhausen ist in einer delikaten Situation. Der Klub ist in einer Negativspirale gefangen, liegt zwei Punkte hinter Chiasso am Tabellenende der Challenge League. Die Mannschaft ist mental fragil. Der Klubdirigent Aniello Fontana hat ein schweres Krebsleiden. Und am 25. Februar bestreitet Schaffhausen gegen Winterthur sein erstes Spiel im neuen Lipo Park, was den Druck zusätzlich erhöht.

Yakins Besuch am Krankenbett von Schaffhausens Präsident

Yakin besuchte jüngst Fontana. Der Mann, der den Klub seit 1991 präsidiert und während Jahren eine wichtige Stimme im Schweizer Fussball war, bat um das Treffen. Yakin, derzeit mit seiner Familie in Davos, spricht von einem bewegenden Gespräch. Er will Fontana helfen. Er will Schaffhausen einen guten Start im neuen Stadion ermöglichen. Er will alles dafür tun, dass der Klub den existenziellen Klassenerhalt schafft. Yakin muss aber auch nach Schaffhausen, um nicht von der Bildfläche zu verschwinden.

Es ist ein Rätsel, dass ein Trainer, der mit Basel zweimal das grosse Chelsea bezwingt und in den Halbfinal der Europa League stürmt, von Angeboten nicht überhäuft wird. In den letzten eineinhalb Jahren nach seiner Zeit bei Spartak Moskau kam es immer wieder zu Kontaktaufnahmen. Aber finanziell reizvolle Engagements in China oder im arabischen Raum schloss er von vornherein aus.

Ausserdem tauchten auch immer wieder Gerüchte auf. Yakin zu Stuttgart, Yakin zu Ingolstadt, Yakin zu Sion, Yakin zu St. Gallen, Yakin zu Wil. Vielleicht gab es bei den jeweiligen Klubs ein loses Interesse. Doch wenn sieben Berater gleichzeitig bei Ingolstadt vorstellig werden, um Yakin zu vermitteln, ist er chancenlos.

So entsteht der Eindruck, er sei eine Marionette, auch wenn er dies nicht ist. Daran ist er nicht unschuldig. Seine Sorglosigkeit, aber auch seine höfliche Art veranlassen viele Menschen, sich seines Namens zu bedienen. Solange er in dieser Hinsicht keine klaren Grenzen zieht, kann er sich nur geografisch seinem Ziel Bundesliga nähern.

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