Dejan Savicevic, willkommen im Urlaub in der Schweiz!

Dejan Savicevic: (lacht) Danke, wir machen einen touristischen Ausflug.

Die Gruppenphase ist entschieden: Montenegro wird die Barrage bestreiten und das heutige Spiel gegen die Schweiz ist bedeutungslos.

Das hätte ich nicht gedacht. Gegen die Schweiz erwartete ich einen Kampf. Inler, Lichtsteiner, Shaqiri, Ziegler. Die Schweiz hat gute Spieler. Ihre Niederlage in Wales kam für mich überraschend, denn die Waliser haben mit Ausnahme Ramseys und Bales keine besonders starken Fussballer.

Und doch kam alles anders.

Aus diesem Grund ist diese Sportart interessant. Man kann nicht alles vorhersehen. Elf Individuen plus ein Schiedsrichter können Fehler begehen und das Spiel entscheiden.

Montenegros Spieler haben mit dem späten 2:2 gegen England alles für sich entschieden und die Barrage erreicht. Haben Sie die Nacht zum Tag gemacht?

Man sieht es mir noch an. Wir haben lange gefeiert und kurz geschlafen.

Sensationell für das kleine Montenegro ...

Trotzdem bin ich nicht zu hundert Prozent zufrieden. Wir hatten die Gelegenheit, uns als Gruppensieger oder als bestes Team auf dem zweiten Platz direkt für die EM zu qualifizieren. Eine solche Ausgangslage mit zehn Punkten nach vier Partien hat man einmal in 50 Jahren. Wir sind danach aber abgestürzt. Deswegen haben wir den Trainer gewechselt.

Sie haben Zlatko Kranjcar nach nur einer Niederlage entlassen. War das nicht ein Risiko?

Wieso denn? Wir wollten uns zum Besseren ändern. Wir hatten Kranjcars Mängel schon zu Beginn dieses Jahres bemerkt. Er hat seine Aufträge nicht gut ausgeführt. Im September haben wir gesagt: «Es reicht.» Wir wollten das sinkende Schiff retten.

Können Sie das bitte präzisieren?

Nein, ich will nicht auf die Details eingehen, ich habe genug gesagt.

Neben England hatten Sie die Schweiz zu den Favoriten der Gruppe gezählt. Worin war Montenegro schliesslich stärker?

Die Schweiz hat an der vergangenen WM Spanien geschlagen. Damals sah man bereits, dass sie gut verteidigen kann. Die Mannschaft ist defensiv sehr diszipliniert, geordnet und gut eingestellt. Wenn sie aber angreifen muss, hat sie Probleme. Das hat die Gruppe entschieden. In Podgorica besass die Schweiz zwei gute Chancen, aber unser Goalie war stark. Wir hingegen haben Vucinic, der in jener Phase hervorragend in Form war und jedem Spiel seinen Stempel auftrug.

Auch Sie hatten diese Gabe. Silvio Berlusconi, Ihr Präsident bei der AC Milan, nannte Sie deshalb «das Genie». Haben Sie von ihm etwas für Ihren aktuellen Job als Verbandspräsidenten gelernt?

Ich habe von Berlusconi und anderen Führungskräften viel gelernt. Nach meiner Aktivkarriere wurde ich 2001 sofort Präsident des montenegrinischen Verbandes, als er noch dem serbischen unterstellt war. In jener Zeit habe ich beobachtet, wie man einen Verband und ein Nationalteam führt.

Was ist dabei das Wichtigste?

Die Verbesserung der Infrastruktur und der Trainingsbedingungen für die Kinder. Denn wenn die Eltern schlechte, mit Steinen besetzte Plätze sehen, auf denen sich ihre Kinder verletzen können, dann schicken sie sie nicht zum Fussball. In dieser Hinsicht machen wir grosse Fortschritte. Dank den Förderungsprogrammen der Uefa sind wir im Aufwind. Acht Kunstrasenplätze sind realisiert und wir planen zehn weitere. Wenn wir das beendet haben, kann ich sagen, dass ich etwas erreicht habe.

Sie haben sich nach dem Bürgerkrieg für ein unabhängiges Montenegro eingesetzt, wieso?

Ich war an einigen politischen Meetings, das heisst nicht, dass ich die Leute bekehrt habe, die Politiker haben das geleistet. Aber die Unabhängigkeit war mein Wunsch, weil Montenegro diesen Status einst schon gehabt hatte. Wir sind rund 600000 Menschen, die Serben sind über sieben Millionen. Wir konnten nicht gleichauf sein: Weder im Fussball noch in der Wirtschaft. Wir sind ein kleines Land mit einer grossen Geschichte. Deshalb wollte ich die Unabhängigkeit.

Wie ist es mit dieser Minderheit möglich, im Fussball Geschichte zu schreiben und Chancen auf eine EM-Teilnahme zu haben?

Wir haben Talente in vielen Sportarten, auch im Basketball oder im Handball. Ein Nationalteam zu stellen, ist dann aber schwieriger. Wir haben es auch dank Spielern geschafft, die einen Elternteil aus Serbien haben und sich für uns entschieden haben.

Sie und Mijatovic in der Vergangenheit, Vucinic, Jovetic und Vukcevic in der Gegenwart: Wie erklären Sie sich diese Dichte an Talenten?

Wir spielen Fussball, wir schauen Fussball, wir lieben Fussball. Das Klima ist gut und wir spielen fast das ganze Jahr hindurch.

Ist die Schweiz ein Vorbild für Montenegro?

Natürlich. Aber sie hat andere Voraussetzungen. Wir haben keine Fussballplätze, keine Stadien.

Mladost Podgorica etwa spielt in der höchsten Liga vor rund 300 Zuschauern und ohne Flutlicht.

Das Nationalstadion ist das Einzige mit Flutlicht. Nach der Unabhängigkeit haben wir das Trainingszentrum des Nationalteams auch damit ausgerüstet, damit die Spieler abends und nicht unter der Sonne trainieren können. Bis Mitte September haben wir dreissig Grad Hitze.

Heiss wird es auch in der Barrage zu und her gehen. Wer ist Ihr Wunschgegner?

Wer kommt, der kommt.

Die Gruppenphase hat in der Tat gezeigt: Es kann jeder kommen.

Die starken Teams gewinnen nicht immer. Nur Barcelona schafft das. Alle anderen kann man schlagen.