Wir sitzen mitten im Herz des FC Sion. In Martigny, im Hotel von Präsident Christian Constantin. Dort, wo viele Spieler wohnen. Dort, wo der FC Sion in unmittelbarer Nähe trainiert. Zwei grosse Bilder hängen an der Wand. «Vainquer!», steht gross geschrieben, «Sieger!». Darunter die Teams, die den ersten und den dreizehnten Cupfinal gewonnen haben, 1965 und 2015. Sion im Rausch. Bald zwei Monate ist das 3:0 gegen Basel her.

Martin Zeman sitzt in diesem Vorzimmer des präsidialen Hotels. Der 26-jährige Tscheche hat die Feierlichkeiten verpasst. Logisch, schliesslich wechselte er erst auf diese Saison hin zum FC Sion. An den Cupfinal erinnert er sich trotzdem. «Ich sass vor dem TV, sah das Spiel und dachte: ‹Wo soll ich denn bei dieser grossartigen Equipe überhaupt Platz finden?›»

Noch ist die Super-League-Saison erst zwei Spiele jung. Zwei Spiele aber reichten Zeman, um zu zeigen, dass er für Sion sehr wohl ein Gewinn sein kann. «Zwei Spiele – und schon darfst du Interviews geben!», ruft der vorbeigehende Elsad Zverotic augenzwinkernd. Zeman könnte gar eine Attraktion der Liga werden. «Er passt perfekt zu uns», sagt Trainer Didier Tholot, «bringt Tempo ins Spiel.» Und der langjährige Nationalspieler Reto Ziegler ergänzt: «Ich habe schon einige Länder und Ligen gesehen – aber nur ganz selten Spieler, die von überall her solch wunderbare Flanken schlagen.»

Und Zeman selbst? Er sagt: «Ich denke, ich brauche noch einige Zeit, bis ich mein ganzes Potenzial entfalten kann. Ich muss mich erst an die Schweiz gewöhnen, die Spiele werden viel aggressiver und zweikampfbetonter geführt als in Tschechien.»

Der Mann mit den pinken Haaren

Zeman fällt aber nicht nur auf, weil er auf dem Rasen wirbelt. Sondern auch wegen der Tattoos und seiner pinkfarbenen Haaren. «Das sollte violett sein», sagt er und lacht. «Meine Frau hat sie mir gefärbt, aber wenn ich die Haare jeden Tag zweimal wasche, verändert sich die Farbe eben schnell. Aber blond wäre mir zu normal.» Mit den Tattoos hat er seine Frau (unter anderem am Ringfinger), die Söhne, aber auch seine Lebenseinstellung verewigt. Was die Sprüche bedeuten, behält Zeman aber für sich. «Sagen wir es so: Die Sätze sind das Passwort zu meiner Seele.»

Mit Ehefrau Kristina hat Zeman bereits mit 18 Jahren seine Seelenverwandte gefunden. Die beiden lernten sich in einem Café in Liberec kennen, «danach ging es schnell». Seit zweieinhalb Jahren sind die beiden verheiratet – und seit knapp zwei Wochen bereits dreifache Eltern (siehe Box). «Ich wollte schon immer jung Vater werden», sagt der 26-Jährige, «so habe ich noch genügend Energie, wenn meine Kids einmal Sport treiben wollen mit mir.»

Der Fussball wurde Zeman in die Wiege gelegt. Sein Vater war auch Fussballer. «Aber eigentlich wollte ich früher Eishockey-Profi werden. Am liebsten Torhüter. Alle Menschen in Tschechien lieben Eishockey. Ich bin überzeugt, ich wäre ein würdiger Nachfolger der NHL-Legende Dominik Hasek geworden.» Aber Zeman blieb beim Fussball. Dem Eishockey frönt er nur noch in der Freizeit. Die «White Tigers Liberec» sind sein Team. Er schwärmt von vergangenen Playoff-Nächten vor 18 000 frenetischen Zuschauern.

Vom ewigen Leihspieler zum FC Sion

Als 12-Jähriger wechselte Zeman zu Sparta Prag. Ein Jahr lang fuhren ihn Vater und Mutter jeden Tag zum Training. Danach kam er ins Sport-Internat. Mit
17 erhielt er seinen ersten Profi-Vertrag. Aber die Beziehung zwischen Zeman und Sparta entwickelte sich anders als gedacht. «Ich erhielt nie eine faire Chance», blickt er zurück. Und weil er immer spielen wollte, wurde er ausgeliehen. Admira Wacker, Viktoria Pilsen, FK Senica und FK Pribram hiessen seine letzten Vereine. In diesem Frühjahr entdeckte ihn ein Scout des FC Sion – und meldete Christian Constantin: «Präsident, sofort zugreifen! Der Junge hat Klasse und ist ablösefrei!»

Der Wechsel kommt zustande. «Vielleicht schaffe ich ja als Legionär den Sprung ins Nationalteam», sagt Zeman. Das ist nur eines seiner Ziele. Er, der dem FC Basel jahrelang am TV in der Champions League zugeschaut hat und den Chelsea-Spieler Eden Hazard als Vorbild bezeichnet, kündet an: «Ich will mit Sion etwas gewinnen!»

Am liebsten natürlich die Meisterschaft. Um den Kontakt mit dem Tabellenführer aus Basel nicht bereits zu verlieren, sollte Sion morgen im St. Jakob-Park nicht verlieren. Ob Zeman mithelfen kann, die Sittener Magie vom Cupfinal zu verlängern, ist indes fraglich. Noch kämpft er mit Nebenwirkungen aus dem Spiel gegen St. Gallen. Das Knie schmerzt.