Ein Materialbus und mehrere Privatfahrzeuge fahren kurz vor 15 Uhr beim Parkplatz der Eishalle Deutweg in Winterthur vor. Es handelt sich um Staff und Spieler des FC Winterthur. Sie trainieren an diesem Mittwochnachmittag auf dem Rasen des angrenzenden Leichtathletikstadions.

Die Mannschaft versammelt sich in einem Kreis auf dem Grün, jeder legt seinen Arm um die Schultern seiner beiden Nebenmänner. Es ist das Bild einer verschworenen Einheit, die der kurzen Trainingsansprache von Trainer Sven Christ lauscht.

Zur Stärkung des Teamsgeists

Die Einführung dieses kurzen, innigen Moments vor und nach jedem Training hat der 42-Jährige als eine seiner ersten Amtshandlungen vorgenommen. Das zweite Ritual folgt dem ersten auf dem Fuss: Nach den Worten ihres Trainers tragen die Spieler – und zwar alle gemeinsam – die beiden Tore an ihren Platz. «Diese kleinen Dinge sind mir sehr wichtig», sagt Christ. «Die Spieler sind so fokussierter auf das, was ich sage und es stärkt den Teamgeist.»

Sven Christ und der FC Winterthur. Da haben sich zwei gefunden. Hier der bodenständige Trainer, der an Matchtagen im Stadion Brügglifeld nach seiner Freistellung beim FC Aarau meist auf der Stehplatz-Rampe anzutreffen war. Da der Traditionsklub, bei dem ehrliches Schaffen mehr als alles andere geschätzt wird. Auch für Christ passt diese Partnerschaft: «Der FC Winterthur war für mich immer eine Wunschdestination. Dieses Einfache mit einem Hauch St. Pauli (dem deutschen Fussball-Kultklub schlechthin, Anm. d. Red.) hat mich immer fasziniert.»

Abstecher in die Super League

Die Zuneigung ist gegenseitig. Langjährige Staffmitglieder des FC Winterthur zeigen sich begeistert über die Zusammenarbeit mit Christ. «Er hat bei uns einen sehr guten Eindruck gemacht. Er spricht dann, wenn es nötig ist. Seine Ansagen sind klar und kommen jederzeit an», sagt etwa Jeanine Fuhlrott. Die gebürtige Villmergerin ist seit 2008 als Ernährungscoach beim FC Winterthur unter Vertrag.

Eigentlich hätte Christ bereits vor anderthalb Jahren Trainer des FC Winterthur werden sollen. Doch die Verhandlungen zogen sich damals etwas in die Länge. Und als dann auch noch das Angebot des FCA kam, entschied sich Christ dafür, die Chance in der Super League zu ergreifen. Mit Verspätung ist er nun aber doch noch in Winterthur angekommen.

Die schwierige Zeit nach dem FCA

Das Angebot des FC Winterthur kam für Christ genau zum richtigen Zeitpunkt. Es sorgte in einem für ihn persönlich ganz schwierigen Jahr für einen versöhnlichen Abschluss. Im April 2015 war Christ beim damaligen Super-League-Klub FC Aarau nach 14 sieglosen Spielen in Serie freigestellt worden. «Ich kann den Entscheid der Klubführung nachvollziehen. In dieser Situation war es legitim zu handeln», sagt er und betont, dass er keinen Groll gegen seinen Ex-Klub hege.

Das alles machte die Situation für ihn aber nicht einfacher. Er litt weiter mit dem FCA mit, hoffte auf dessen Ligaerhalt und musste schliesslich zusehen, wie es auch unter seinem Nachfolger Raimondo Ponte nicht dafür reichte.

Stempeln auf dem Arbeitsamt

Die Zeit ohne Job nutzte Christ für Besuche bei europäischen Klubs wie Sporting Lissabon, Borussia Dortmund oder Mainz. Dort führte er Gespräche mit den Trainern. «So konnte ich meinen Horizont erweitern», sagt er. Aber natürlich durchlebte er als Jobsuchender zuletzt auch sehr schwierige Monate. Denn wie jeder andere Arbeitslose musste auch Christ den Gang zum Arbeitsamt auf sich nehmen. «Das hat schon etwas Überwindung gekostet. Es gibt sicher Angenehmeres als stempeln zu gehen», sagt er rückblickend und fügt an: «Es gab schon Momente, in denen ich mir überlegt habe, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Da kam schon auch einmal der Gedanke auf, ob ich besser den Beruf wechseln soll.»

Bekanntlich kam es anders. Christ ist wieder in seinem Element. Auf dem Rasen dirigiert er an diesem Mittwochnachmittag das Training seines neuen Klubs in gewohnter Manier: gezielte, kurze Anweisungen, keine übertriebene Hektik. Nach dem Training geht es für Spieler und Staff zurück in die Katakomben des Kult-Stadions Schützenwiese.

Pendler auf Punktejagd

Nach einer warmen Dusche und letzten Erledigungen in seinem Trainerbüro begibt sich Christ an den Bahnhof Winterthur und fährt wie jeden Tag mit Zug und Bus nach Rombach. Seit er in Winterthur im Amt ist, ist der dreifache Familienvater zum klassischen öV-Pendler mit Laptop auf dem Schoss geworden. Morgens um 7 Uhr steigt er in den Bus, rund zwölf Stunden später kehrt er im Normalfall zurück. Einen Umzug nach Winterthur schliesst Christ derzeit aus, zu gut passt es ihm in seiner Wohnung – in der Nähe seiner Kinder.

Seit seiner Unterschrift Ende Dezember des vergangenen Jahres ist Christ vor lauter Arbeit noch kaum zum Durchatmen gekommen. Deshalb freut er sich umso mehr auf den Beginn der Rückrunde. Endlich geht es für ihn Wochenende für Wochenende wieder um Punkte und nicht darum, bei welchem Klub er womöglich als Nächstes auf einer Kandidatenliste auftauchen wird.