Doppelinterview
Miniröcke und Weicheier: Zwei Eishockey-Trainer diskutieren über die Fussball-WM

Die Eishockey-Trainer Arno Del Curto und Kevin Schläpfer gehören zu den profiliertesten Eishockey-Trainern unseres Landes. Im Doppelinterview diskutieren sie über die Fussball-WM. Und werden dies auch die nächsten fünf Wochen tun.

Marcel Kuchta und Etienne Wuillemin
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Verstehen sich blendend: Arno Del Curto (l.) und Kevin Schläpfer (im Brasilien-Jersey) während des Interviews in einer Autobahnraststätte in der Nähe von Wädenswil.

Verstehen sich blendend: Arno Del Curto (l.) und Kevin Schläpfer (im Brasilien-Jersey) während des Interviews in einer Autobahnraststätte in der Nähe von Wädenswil.

Christoph Kaminski

Erinnert Ihr Euch noch an Eure erste WM als Zuschauer?

Arno Del Curto: Das müsste bei mir 1974 der Final zwischen Deutschland und Holland gewesen sein. Von der WM 1970 habe ich nur ganz wenig mitbekommen. Man muss bedenken: In St. Moritz, wo ich aufgewachsen bin, waren wir ein wenig hinter dem Mond und hatten lange Zeit kein Fernsehen. Wenn wir nur schon eine Frau im Minirock sehen wollten, mussten wir eine stundenlange Fahrt nach Zürich auf uns nehmen (lacht).

Kevin Schläpfer: Bei mir war es die WM 1978 in Argentinien. Mario Kempes, der Final Argentinien gegen Holland. Ich habe die Bilder aus dem Stadion noch vor Augen. Vor allem die langen Papierbänder haben mich damals schwer beeindruckt. Richtig mitgefiebert habe ich erstmals an der WM 1982 in Spanien. Dort entdeckte ich auch meine Liebe zu Brasilien.

Zwei Eishockey-Trainer wagen sich aufs Glatteis

Arno Del Curto (57) und Kevin Schläpfer (44) gehören zu den profiliertesten Eishockey-Trainern unseres Landes. Del Curto leitet seit mittlerweile 17 Jahre die Geschicke des HC Davos, Kevin Schläpfer steht seit vier Jahren beim EHC Biel an der Bande. Die beiden Eishockey-Lehrer sind grosse Fussball-Fans. Sie werden sich in den kommenden fünf Wochen für die «Nordwestschweiz» aufs Glatteis begeben und als Kolumnisten ihre Meinungen zu Themen rund um die Fussball-WM in Brasilien äussern.

Was hat Sie denn so fasziniert an den Brasilianern?

Schläpfer: Einfach alles! Ich habe jeden Spieler gekannt: Socrates, Zico, Eder, Falcao und wie sie alle hiessen. Zico war lustigerweise auch mein Jugendidol und nicht etwa ein Eishockeyspieler. Sein Trikot habe ich immer noch bei mir zu Hause und wird in Ehren gehalten. Es war eine der besten Mannschaften der Fussball-Geschichte. Als die Brasilianer in der Zwischenrunde ausschieden, ist bei mir eine Welt zusammengebrochen.

Dann jubeln Sie lieber mit den Brasilianern als mit den Schweizern?

Schläpfer: Es ist bitter, aber es ist so. Aber ich habe auch eine gute Ausrede: Ich war schon 24 Jahre alt, als die Schweizer erstmals zu meinen Lebzeiten an einer WM teilgenommen haben. In meiner ganzen Kindheit erlebte ich die Schweiz nie an einem grossen Turnier. Darum schlug mein Herz immer für Brasilien. Diese Leidenschaft kann ich nicht mehr verdrängen - selbst wenn die Brasilianer gegen die Schweiz spielen sollten. Wenn Brasilien an der WM spielt, dann werde ich nervös und kribbelig sein und die Fahne liegt am Boden vor dem Fernseher! Mein Sohn ist ja leider grosser Deutschland-Fan (lacht). Das ist meine Schuld, weil ich ihm immer vom Kampfgeist der Deutschen vorgeschwärmt habe.

Für wen schlägt Ihr Herz, Arno Del Curto?

Del Curto: Die Brasilianer haben mich auch immer fasziniert. Aber weil ich die englische Liga mag, bin ich schon eher für England. Es ist aber so, dass ich ganz klar für die Schweiz bin, wenn sie gegen England spielen sollte. Da gibt es kein Wenn und Aber, im Gegensatz zu anderen Fahnenflüchtigen (blickt zu Schläpfer und lacht).

Schläpfer: Es tut mir ja leid! Für mein Image mag das schlecht sein, aber es ist halt die Wahrheit!

Del Curto: Das ist doch wunderbar - so muss es sein! Bei mir gibt es auch eine kleine Ausnahme: Wenn auf Vereinslevel eine Schweizer Mannschaft gegen Arsenal London spielt, dann helfe ich Arsenal. Mit Ausnahme des FC Zürich vielleicht.

Und wenn Arsenal gegen den FC Basel spielen würde?

Del Curto: Dann würde ich Arsenal unterstützen, hätte aber auch Freude daran, wenn der FC Basel gewinnt.

Schläpfer: So würde es mir bei Brasilien gegen die Schweiz auch gehen.

Schaut Ihr beide auch Fussballspiele mit der Trainerbrille an?

Del Curto: Ja, ausschliesslich. Ich hatte das Glück, dass bei mir schon ein paar Fussballtrainer hospitiert und mir die verschiedenen Systeme erklärt haben. Ich habe zwar keine grosse Ahnung von Fussball, aber als Profi-Trainer kann ich die Systematik nachvollziehen. Ich liebe das 4-1-4-1-System. Oder 4-2-3-1. Oder 4-3-3. Gar nicht gern habe ich 4-4-2.

Wieso?

Del Curto: Ein guter Trainer ist flexibel und kann sein System stets variieren. Ich mag es aber nicht, wenn einer starr am 4-4-2 festhält.

Kann man da auch etwas für den Eishockey-Alltag herausfiltern?

Del Curto: Nicht wirklich. Wenn, dann vielleicht das Beispiel Barcelona. Eine Ansammlung von Millionären, die es verstanden haben, erfolgreich zusammenzuspielen. Das konnte man richtig mitfühlen. Diese Geduld, zu warten, bis der richtige Moment für den Pass auf Messi kommt. Und dann zack! Das war fantastisch! Oder Real Madrid: Was die im Champions-League-Halbfinal gegen Bayern München gezeigt haben, war ja obergeil! Dieses Transition-Spiel, das schnelle Umschalten von Defensive auf Offensive. So etwas versuchen wir in Davos schon seit Jahrzehnten zu praktizieren! Manchmal gelingt uns das, manchmal weniger.

Sind Sie auch so extrem bei der Sache, Herr Schläpfer?

Schläpfer: Nein, nicht so extrem. Ich setze mich hin und geniesse das Spiel. Ich bin der Träumer und freue mich, wenn ein Messi oder ein Neymar einen Gegenspieler aussteigen lässt.

Del Curto: Das tue ich aber auch!

Schläpfer: Ja, aber ich konzentriere mich nicht darauf, ob die jetzt 2-4-4 spielen oder wie auch immer...

Del Curto: Da muss ich mich gar nicht konzentrieren, das habe ich im Blut! (lacht)

Schläpfer: Ich freue mich einfach über die technischen Feinheiten, wo man die Genialität der Spieler erkennt.

Del Curto: Du hast vollkommen recht. Aber ich will eben alles. Ich bin so ein «Tubel», der immer alles im Kopf hat. Ich hätte am liebsten elf Ronaldos auf dem Platz, die aber auch taktisch auf höchstem Level agieren.

Schläpfer: Ich habe auch grossen Respekt vor den «Chrampfern». Den Puyols, den Gattusos. Diese Spieler, an denen man einfach nicht vorbeikommt. Was habe ich mich 1982 über den Italiener Claudio Gentile aufgeregt, an dem meine Brasilianer immer wieder gescheitert sind.

Del Curto: Darum werden übrigens die Deutschen an der WM Probleme haben. Ihnen fehlt so eine Figur in der Defensive. «Katsche» Schwarzenbeck lässt grüssen!

Wer steht im WM-Final?

Schläpfer: Brasilien ist gesetzt. Das wäre für die ganze WM enorm wichtig. Sonst könnte es noch Probleme geben. Sollten die Brasilianer früh scheitern, wäre das ganz schlecht für das Turnier. Denn die Stimmung in der Bevölkerung ist, so habe ich gehört, wirklich nicht gut.

Del Curto: Pass auf, plötzlich steht dann noch eine Mannschaft wie Uruguay im Final.

Schläpfer: Die Südamerikaner haben unter diesen klimatischen Bedingungen sicher einen Vorteil.

Del Curto: Die Anpassung ans Klima wird für die europäischen Teams das grösste Problem sein.

Wem trauen Sie den Finaleinzug zu, Herr Del Curto?

Del Curto: Schwierig. Vielleicht gibt es eine Überraschung. Die Franzosen könnten eine sein. Und was ist mit den Spaniern? Haben Xavi und Iniesta auch im Nationalteam ihren Zenit überschritten? Auf die Belgier muss man aufpassen, auf die Deutschen sowieso. Die haben eine Top-Mannschaft - wenn es in der Verteidigung stimmt. Die Italiener können sich immer steigern während solcher Turniere. Es gibt also viele Kandidaten. Schade nur, dass die Engländer keine Chance haben (lacht).

Und die Schweizer?

Schläpfer: Ich traue ihnen recht viel zu. Zumindest, dass sie die Vorrunde überstehen. Sie haben eine wirklich gute Mannschaft. Aber sie gehören natürlich nicht zum Favoritenkreis.

Del Curto: Es kommt drauf an, wie sich die Mannschaft findet und wie der Start ins Turnier gelingt.

Was muss passieren, dass in einem Team ein Siegerspirit entsteht?

Schläpfer: Wer an einer WM in Brasilien, dem Fussball-Land schlechthin, nicht motiviert ist, dem ist nicht zu helfen.

Del Curto: Entscheidend ist, was vor dem Turnier passiert: Wie funktioniert die Gruppe? Nimmt sie sich etwas Spezielles vor? Es ist möglich, dass dort eine Dynamik entsteht, die zum Erfolg führt.

Kann man das als Trainer beeinflussen?

Del Curto: In einem Klub kann man das tun, in der Nationalmannschaft nur, wenn man die Spieler schon lange kennt. Kommt dazu, dass in der Schweizer Nati ja eigentlich verschiedene Nationalitäten aufeinandertreffen. Das macht alles noch ein wenig komplexer.

Haben Sie sich schon mal überlegt, wie es wäre, eine Mannschaft zu trainieren, die zu drei Vierteln aus Secondos besteht?

Del Curto: Es ist schwierig für mich, diese Frage zu beantworten. Grundsätzlich ist es mir eigentlich egal, woher die Spieler kommen.

Schläpfer: Eigentlich haben wir das doch auch schon erlebt mit den NHL-Spielern. Neben den Schweizern und den «normalen» Ausländern mussten wir auch mit Superstars zusammenarbeiten. Da mussten wir auch versuchen, eine Harmonie herzustellen.

Wie haben Sie das geschafft?

Schläpfer: Integration von verschiedenen Kulturen funktioniert nur über Menschlichkeit. Ich habe unseren NHL-Stars Patrick Kane und Tyler Seguin von Anfang an erklärt, dass ich keine Unterschiede mache und alle gleich behandle. Mir ist der Name auf dem Dress letztlich egal, ich beurteile als Trainer nur die jeweilige Situation. In den Emotionen ist es mir egal, ob der Superstar einen Fehler macht. Dann bekommt er einfach einen Zusammenschiss. In dieser Situation ist dann entscheidend, ob er diesen Umgang akzeptiert oder nicht. Ich hatte das Glück, dass es beide schätzten, dass ich sie so behandle wie alle anderen. Ich hatte aber schon Spieler, die sich das nicht gefallen liessen und eine weitere Zusammenarbeit unmöglich war.

Für Ottmar Hitzfeld sollte das also kein Problem sein.

Schläpfer: Die Schweiz hat das Glück, dass sie mit Ottmar Hitzfeld einen Trainer hat, der von allen Spielern respektiert wird. Auf einen Mann mit seinem Leistungsausweis hört man, egal ob man in Italien, England oder Deutschland spielt.

Was sagen Sie als Eishockey-Trainer eigentlich zum ewigen Klischee, dass Fussballer Weicheier sind?

Schläpfer: Ich kann das nicht bestätigen. Ich habe früher selber Fussball gespielt und weiss, was man während eines Spiels alles einstecken muss. Das ist zum Teil pickelhart. Aber: Die Schwalben kann man nicht ignorieren. Und ich bin auch ein wenig enttäuscht, dass solche Aktionen nicht konsequenter bestraft werden. Das Ganze schadet nur dem Fussball.

Del Curto: Moment! Wir in der Schweiz müssen erst einmal vor der eigenen Türe wischen, bevor wir uns über die Fussballer lustig machen. Bei uns im Eishockey haben sich Sachen eingebürgert, aufgrund derer ich mich frage, wie viele Leute in unserem Land überhaupt daran interessiert sind, eine richtige Eishockey-Kultur entstehen zu lassen. Ich habe in den letzten Wochen intensiv die NHL-Playoffs verfolgt. Da sieht man am laufenden Band knallharte Checks. Und ich habe noch nie einen gesehen, der absichtlich liegen geblieben ist. Ich sehe kein «Geschnorr» auf dem Eisfeld. Und ich sehe Spieler, die einen Check antizipieren, wenn sie in die Spielfeldecken fahren. Ich sehe sauberen Sport und eine hoch entwickelte Eishockey-Kultur - auch bei den Zuschauern. Wir müssen aufpassen, dass nicht wir mit unserem Eishockey zu Weicheiern werden - und zwar als bald eines der wenigen Länder auf dieser Welt.