Der Anfang ist holprig. Milaim Rama war kein selbstbewusster Stratege wie Granit Xhaka. Auch kein stolzer Chef wie Valon Behrami. Und erst recht kein eleganter Dribbler wie Xherdan Shaqiri. Nein. Ramas Art, Fussball zu spielen, hatte auch immer etwas von einer mühseligen Plackerei. Gewiss mit viel Leidenschaft. Aber nur selten mit Leichtigkeit.

Dafür gibt es Gründe. Trotzdem: 2003 erhielt er als erster Kosovare überhaupt ein Aufgebot für die Schweizer Nationalmannschaft. Überraschend zwar, aber nicht unverdient. Denn Rama zeichnete neben seinem Willen eine weitere, nicht unwesentliche Qualität aus: Tore zu erzielen.

Milaim Rama lebt seit anderthalb Jahren in Widen und spielt nun bei den Senioren des FC Mutschellen.

Milaim Rama lebt seit anderthalb Jahren in Widen und spielt nun bei den Senioren des FC Mutschellen.

Heute vergleicht Rama seinen Weg, der ihn bis ins Schweizer EM-Kader 2004 führte, mit einem Wunder. Bis 17 lebt der Rama in Zitinje, einem Dorf ganz in der Nähe von Shaqiris Heimat. Einen Fussballklub gibt es nicht. Rama kickt auf der Strasse oder wo es gerade opportun ist. 1993 der Tapetenwechsel. Interlaken ist Ramas neue Heimat. Schnell realisiert er, dass man in der Schweiz nicht auf der Strasse, sondern im Klub Fussball spielt. Erstmals in seinem Leben hat er einen Trainer, erstmals ist das «Tschutten» strukturiert. Nach nur dreieinhalb Jahren beim FC Interlaken wechselt er zum damaligen NLB-Klub FC Thun.

Zehn Jahre Ausbildung fehlten

Doch Rama bleibt unentdeckt. Das ändert sich in der Saison 2001/02. Thuns Aufstieg in die Super League hat zwei Namen: Trainer Hanspeter Latour und Stürmer Milaim Rama, der 25 Treffer erzielt. Fortan ist er Profi. Und nur eineinhalb Jahre später Nationalspieler. «Es ist ein absolutes Wunder, dass ich es bis in die Nati geschafft habe», sagt Rama. «Denn mir fehlen im Vergleich zu anderen zehn Jahre Ausbildung in einem Fussballklub. Aber ich habe das Unmögliche möglich und alle Albaner stolz gemacht.»

Und die Schweizer? In Thun war er ein Held. Und ist es für einige noch heute. Nicht nur, weil er über 100 Tore für dem Klub schoss. Sondern, wie Rama sagt: «Mit dem Erfolg in Thun kamen auch die negativen Schlagzeilen wie der Sexskandal. Aber mein Name ist da nie aufgetaucht. Auch das macht mich stolz.» Nur, ausserhalb des Berner Oberlands war die Wertschätzung eine andere. Sicher, Rama hatte mit Chapuisat, Frei und Streller schwergewichtige Konkurrenz im Angriff der Schweizer.

Die Schweiz im Portrait

Die Schweiz im Portrait

 

Aber eine echte Chance zur Bewährung erhielt er nie. Je eine Halbzeit in zwei Testspielen. Dazu fünf Minuten im letzten EM-Gruppenspiel gegen Frankreich (1:3). Das wars. Danach wurde er nie mehr für die Nati aufgeboten. Enttäuscht, Herr Rama? «Ich bin sehr dankbar, dass mich Köbi Kuhn zum Nationalspieler gemacht hat», viel mehr will er dazu nicht sagen.

Die Nerven verloren

Nach der EM verschwindet Rama vom Nati-Radar. Während sein FC Thun sensationell in die europäische Königsklasse einzieht, versucht Rama in Deutschland Fuss zu fassen. Regionalliga in Augsburg statt Champions League in London. Und nach nur einem Jahr bereits wieder die Rückkehr in die Schweiz. «Ich bereue nicht, dass ich die Champions League verpasst habe. Ich bereue einzig, dass ich die Nerven verloren habe und nach nur einem Jahr in Augsburg den Vertrag aufgelöst habe.»

Bleibt ein weiterer Wermutstropfen: In Thun findet man nach Ramas Rücktritt 2012 keinen Job für die Identifikationsfigur. Eine Erklärung at bis dato nicht erhalten. So wohnt er heute mit seiner Frau und den zwei Kindern in Widen auf dem Mutschellen. Sein Geld verdient er in der Versicherungsbranche. Doch der Fussball bleibt omnipräsent.

Milaim Rama beendete 2012 seine Karriere beim FC Thun.

Milaim Rama beendete 2012 seine Karriere beim FC Thun.

Liegt der psychologische Vorteil bei den Albanern, weil einige Spieler nicht gut genug waren für die Schweiz? Rama sagt: «Ob das allein reicht, um gegen die Nati zu gewinnen, ist fraglich.» Wie lange werden Kosovaren eine dominante Rolle in der Schweizer Nati spielen? «Es ist gut möglich, dass die Albaner in der Schweiz auf dem Weg zu Ruhm und Anerkennung andere Alternativen suchen und finden als den Fussball. Sowieso kann die Schweiz stolz sein, dass sie nicht nur ein, sondern zwei Nationalteams füttert. Und mit Kosovo kommt nun sogar ein Drittes dazu. Sorgen muss man sich deswegen aber nicht machen. Denn es gibt genügend talentierte Fussballer, dass es für alle reicht.»