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Mehr Zuschauer als Einwohner: Altach spielt europäisch

6700 Einwohner zählt Altach, 8000 Fans kommen manchmal ins Stadion. Es lohnt sich. Wie die berühmten Gallier behauptet sich der kleine SCR aus Altach in Österreichs Spitzenfussball und spielt gar international. Zu Hause verliert der SCRA selten.

Markus Brütsch aus Altach
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Festhütte Schnabelholz: Im eigenen Stadion vor einem begeisterungsfähigen Anhang lehren die Altacher jeden Gegner das Fürchten.

Festhütte Schnabelholz: Im eigenen Stadion vor einem begeisterungsfähigen Anhang lehren die Altacher jeden Gegner das Fürchten.

KEYSTONE

Borussia Dortmund? Bilbao? Southampton? Bordeaux? In knapp zwei Wochen kennen die Altacher ihren Gegner und wissen, wohin die Reise führt. Zum ersten Mal überhaupt hat sich ein Vorarlberger Fussballverein für den Europacup qualifiziert.

Jetzt fiebern natürlich alle im Ländle der Auslosung entgegen. Borussia Dortmund? Bilbao? Southampton? Bordeaux? «Diese Premiere ist befruchtend für den ganzen Verein», sagt Marketingleiter Werner Grabherr, «aber auch mit einem Riesenaufwand verbunden.» Weil die Altacher Cashpoint Arena im Schnabelholz noch nicht den Anforderungen für die Europa League genügt, muss der SC Rheindorf Altach die Heimspiele im 173 Kilometer entfernten Innsbruck austragen.

Sollte der Gegner der FC Zürich sein, würde es zur Kuriosität kommen, dass die Altacher fürs Heimspiel weiter reisen müssen als für die Auswärtspartie. Der SCRA will mit tollen Angeboten alles unternehmen, damit viele Altacher ihr Team nach Innsbruck begleiten. «Wir freuen uns auf die Herausforderung im Europapokal», sagt Philipp Netzer.

Der Mittelfeldspieler und Captain ist prädestiniert wie keiner im Team, um einzuordnen, was sich in den letzten Jahren in Altach ereignet hat. Als 18-Jähriger war das Bregenzer Talent ins Schnabelholz gekommen, suchte dann bei Austria Wien vergeblich sein Glück und geht nun nach seiner Rückkehr in die siebte Saison. «Ich habe grössten Respekt davor, wie sich dieser Verein entwickelt hat», sagt Netzer, «dies hat uns kaum jemand zugetraut.»

Mehr Zuschauer als Einwohner

Nachdem die Altacher von 2006 bis 2009 schon einmal drei Saisons in der Bundesliga gespielt und dabei während vier Monaten auch den Schweizer Trainer Urs Schönenberger beschäftigt hatten, wurden sie in der Folge erst vor einem Jahr und im fünften Anlauf mit dem Wiederaufstieg belohnt.

Dann aber sind die Rheindorfer durchgestartet und haben die tipico Bundesliga aufgemischt. Obwohl die wenigsten Erfahrungen aus der höchsten Liga mitbrachten. Im Gegensatz zu Sportdirektor Georg Zellhofer auch Trainer Damir Canadi nicht. «Vielleicht wurden wir unterschätzt», sagt Netzer, «was wir dann aber erreichten, war niemals zu erwarten.»

Nachdem die Altacher mit einem 2:0 Rapid nach Hause geschickt hatten, kam am 9. November Serienmeister Red Bull Salzburg in die Caspoint Arena. Mit über 8000 Zuschauern platzte diese aus allen Nähten und animierte die Gastgeber zu einer Gala, die in einem 4:1-Sieg gipfelte. Es waren mehr Leute im Stadion, als Altach Einwohner hat – hurra, hurra, das ganze Dorf ist da!

6700 Menschen leben in der Gemeinde am Rhein, dicht an der Grenze zur Schweiz. Mit einem Schnitt von 5356 weist der SCRA die fünfthöchste Zuschauerzahl in Österreich auf. Ein paar hundert Schweizer finden dabei jeweils den Weg über den Rhein. Schweizer Spieler wie der Rheintaler Orhan Ademi, der 2012 von hier aus den Sprung zu Braunschweig schaffte, sind indes selten.

Budget soll erhöht werden

Noch gebe es betreffend Zuschauer Luft nach oben, sagt Grabherr. Weil Altach im Vorarlberger Sport klar die Nummer 1 ist und keine Konkurrenz mehr hat, strömen die Fans aus einem Einzugsgebiet von 300 000 Menschen zu den Spielen. «Sie kommen aus dem Montafon, Feldkirch, Bludenz und Lustenau, doch eher selten aus Bregenz», sagt Grabherr.

«Nach dem Triumph gegen Salzburg haben wir Blut geleckt», sagt Netzer. Die Euphorie hielt an und am Ende schafften es die extrem heimstarken Altacher auf den grandiosen dritten Platz vor Sturm und weit vor Austria . «Jetzt sollten wir die Kirche im Dorf lassen und die Konzentration darauf richten, uns in der Bundesliga zu etablieren», sagt Netzer.

Dies sieht auch Grabherr so. «Wir müssen uns als Sportverein und Wirtschaftsunternehmen weiterentwickeln.» Das Budget soll von 5,7 Millionen Euro mittelfristig auf 8 Millionen erhöht werden; 1,3 Millionen kommen aus den Fernsehverträgen. Schritt für Schritt wird das Stadion zu einem Schmuckkästchen ausgebaut.

Nicht immer muss es ein Neubau sein. Das Schnabelholz soll eine Kapazität von knapp 9000 Zuschauern haben, an allen Ecken geschlossen und europacuptauglich sein. Die aktuelle Bauetappe 1 kostet 3,5 Millionen Euro. Es wird eine Rasenheizung verlegt und das Flutlicht aufgepeppt.

Wichtige dritte Halbzeit

Bei allem Erfolg wird in Altach nicht vergessen, dass der Verein eine grosse Familie ist. Der Breitensport mit zwei Kampfmannschaften und über 20 Nachwuchsteams ist unverzichtbar. Mit Leidenschaft und Herzblut, oft mit 70-80 Arbeitsstunden in einer Siebentagwoche, arbeitet die Klubleitung an der Zukunft. Gross geschrieben wird die dritte Halbzeit.

«Das wird sonst in Österreich wenig gelebt», sagt Grabherr. «Vor und nach dem Spiel muss etwas passieren. Es sollen nicht nur Fussballfans kommen.» Als vor drei Wochen die Fidelen Mölltaler zum Frühschoppenkonzert aufspielten, wurde das Schnabelholz zur Festhütte. Wie ganz oft auch beim Fussball.

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