Der laue Sommerabend in Split neigte sich dem Ende zu. Für Mario Gavranovic aber galt das noch nicht ganz. Im Hotel erhielt er Besuch von seinen Eltern. «Mein Vater schaute mich an und fragte: Warum, mein Sohn, hast du nicht intensiver gejubelt?»

Gavranovic war eine der prägenden Figuren dieses Testspiels zwischen der Schweiz und Kroatien. Er, der mit der Schweiz gegen die Heimat seiner Eltern, Kroatien, spielte, schoss zwei herrliche Tore, die zum 4:2-Sieg der Schweiz beitrugen. Nach dem ersten, nur sieben Minuten nach seiner Einwechslung, fiel er auf seine Knie, bekreuzigte sich und schaute auf den Boden. Die Pfiffe auf den Rängen galten den schwachen Kroaten – und nicht ihm.

Aus Liebe nicht gejubelt

So richtig wohl fühlte sich Gavranovic bei seinen Toren nicht, also antwortete er seinem Vater: «Ich habe aus Liebe zum Heimatland nicht gejubelt.» Am nächsten Morgen vor der Rückkehr in die Schweiz sagte er dann: «Keine Angst, ich schäme mich nicht für das Tor.» Über das Gratulations-SMS direkt nach dem Spiel freute er sich gleichwohl.

Gavranovic schaut auf eine Reise nach Kroatien zurück, die für ihn nicht hätte besser verlaufen können. Seine zwei Tore haben dazu geführt, dass Trainer Ottmar Hitzfeld den 23-Jährigen als «echte Alternative» zu Eren Derdiyoks bezeichnet. «Gavranovic ist ein Stürmer, der im Strafraum explodieren kann», sagt Hitzfeld. Davon gibt es in der Schweiz nie genug.

Hitzfeld hat Gavranovic mit dem Auftrag entlassen, in Zürich in nächster Zeit weitere Tore zu erzielen. Dieser zweifelt nicht daran – genauso wenig wie an seiner Zukunft in der Nationalmannschaft. Er sagt: «Ich bin gekommen, um zu bleiben.»

Lösung für schwelende Stürmerfrage?

Die Stürmerfrage in der Nationalmannschaft ist eine schwelende. Nach den Rücktritten von Marco Streller und Alex Frei ist Eren Derdiyok in der Hierarchie aufgestiegen. Dahinter versuchten sich Innocent Emeghara und Admir Mehmedi. Die beiden profitierten davon, dass sie sich in der letzten Saison in der Super League profilieren konnten. Genau dies ist jetzt nur noch für Gavranovic möglich.

Gavranovic hat eine schwierige Zeit hinter sich, kam nach seinem Wechsel von Xamax zu Schalke 04 nicht an Raul und Huntelaar vorbei. Er wurde nach Mainz ausgeliehen und verfolgte die Spiele fast exklusiv von der Tribüne aus. Deshalb entschied er sich im Sommer für den Wechsel nach Zürich. Beim FCZ unterschrieb er für vier Jahre. «Jetzt kann ich mich wieder jedes Wochenende zeigen», sagt er. Über seine Konkurrenten spricht er nicht. Aber er weiss: Mehmedi ist in Kiew in einer schwierigen Situation, steht derzeit nicht einmal mehr im Aufgebot. Und deshalb ist Gavranovic zur ersten Alternative für Derdiyok aufgestiegen.

«Ich höre nur Jugo-Musik»

Als der Charter-Flug für die Nationalmannschaft gestern kurz vor Mittag auf dem Flughafen Zürich landete, schlenderte Gavranovic gelassen der Gepäckausgabe entgegen. Im Gegensatz zu vielen Kollegen muss er nicht noch weiter reisen. Die Musik dröhnt aus den Kopfhörern. «Das ist typische Jugo-Musik», sagt er lachend. Und verschwindet im Zürcher Alltag.