93. Minute im Spiel zwischen GC und dem FC Basel: Aleksandar Dragovic klaut Shkelzen Gashi den Ball. Plötzlich läuft Marco Streller alleine auf GC-Goalie Roman Bürki. «Das wars, Basel ist Meister», denkt sich der Grossteil der Zuschauer.

Der Rest ist bekannt: Anstatt selber zu schiessen, probiert Streller einen Pass auf den mitgelaufenen Mohamed Salah.

Einen, den nicht mal der pfeilschnelle Ägypter erlaufen kann. GC gewinnt den Ball, Basels Cabral verliert das Kopfballduell gegen Shkelzen Gashi, Anatole spitzelt das Leder an Yann Sommer vorbei ins Netz.

Als die GC-Jubeltraube immer grösser und lauter wird, steht Streller mit hängendem Kopf immer noch da, wo er soeben den Meisterball vergeben hat. Sieben Meter vor dem gegnerischen Tor.

Alleine, Roman Bürki ist zu seinen Teamkollegen gerannt. Was mag Streller in diesem Moment durch den Kopf gehen? Vielleicht der 26. Juni 2006. Streller verschiesst im WM-Achtelfinal einen Penalty gegen die Ukraine, die Schweiz scheidet aus.

«Ich bin nicht das erste Mal der Depp.» Der routinierte Spieler weiss, wie er mit Kritik umgehen muss, doch im Moment sitzt der Frust tief.

«Ich bin nicht das erste Mal der Depp.» Der routinierte Spieler weiss, wie er mit Kritik umgehen muss, doch im Moment sitzt der Frust tief.

«Ich bin ja nicht das erste Mal der Depp», sagt er gestern. Um dann die spielentscheidende Szene aus seiner Sicht zu erklären. «Nicht selber zu schiessen, war die falsche Entscheidung. Ich spüre eine grosse Leere und nehme die Niederlage auf meine Kappe.»

Bereits in der 89. Minute hätte der Captain die Partie entscheiden können, sah seinen Kopfball wie auch den Nachschuss aber von Bürki abgewehrt. «Wir wurden oft gelobt. Jetzt müssen wir auch mit der Kritik umgehen können.» Streller damit, dass er die Kaltblütigkeit vor dem Tor verloren hat.

Keine Zeit für eine Pause

Seit dem 7. April (1:1 in St. Gallen) hat der 14-fache Saisontorschütze in zehn Partien nicht mehr getroffen. Also seit Alex Frei den FCB in Richtung Luzern verlassen hat.

Streller sagt zwar, er vermisse seinen Kumpel auf dem Platz. Seine Baisse damit in Zusammenhang zu setzen, wäre jedoch falsch.

Vielmehr ist es die lange und anstrengende Saison (60 Spiele), die nicht spurlos am Körper eines 31-Jährigen vorbeigeht. Seit einigen Wochen zapft Streller nur noch Energie aus dem Reservetank – und darf trotzdem nie pausieren.

Raul Bobadilla ist nach seiner Knieverletzung noch nicht bereit für die Startelf, Jacques Zoua in aktueller Verfassung keine brauchbare Alternative.

Im Februar hat sich Streller in Lausanne das Kreuzband gezerrt, eine Woche später stand er beim 0:0 gegen GC wieder auf dem Platz.

«Zu früh», wie er kürzlich sagte, «ich hätte besser ab und zu eine Pause eingelegt.» Doch weil er als Persönlichkeit unheimlich wichtig für die Mannschaft ist, musste und muss er immer spielen.

Streller sagt zwar, er sei lange genug dabei und werde den gestrigen Lapsus verarbeiten. Die Unterstützung der Teamkollegen kann er dennoch gut gebrauchen. «Er hat uns schon oft gerettet. Es müssen auch einmal andere treffen», sagt Fabian Frei.

Sogar vom Gegner gibt es aufmunternde Worte. «Streller hat oft genug bewiesen, dass er einer der besten Stürmer in der Schweiz ist. Er steckt das locker weg», sagt Roman Bürki, gestern eindeutiger Sieger im Privatduell der beiden.