Herr Schmidt, Sie haben soeben die wöchentliche Pressekonferenz hinter sich gebracht – vor 51 Journalisten, mehreren TV-Teams und im Fokus der Livekameras von «Sky» – am Tag vor einem normalen Meisterschaftsspiel notabene. Hier läuft ein anderer Film als im Schweizer Fussball.
Martin Schmidt: Tatsächlich. Wenn ich mich selber am TV sehe, wirkt das noch heute abstrakt. Oft ertappe ich mich dabei, wie ich in der dritten Person von mir denke. Sportlich und fussballtechnisch bin ich sukzessive in die Rolle des Cheftrainers hineingewachsen. Die Herausforderung bezüglich Öffentlichkeitsarbeit war fast grösser. Zwei Minuten nach einem Spiel muss man vor laufender Kamera Red und Antwort stehen. Man muss professionell wirken, sollte aber nicht immer in den gleichen Schablonen sprechen.

Mit dem Walliser Dialekt ist nicht viel zu machen . . .
. . . nein, da hört das gegenseitige Sprachverständnis auf. Als ich hier erstmals vor die Medien trat, realisierte ich, dass sich mein Wortschatz auf Hochdeutsch auf vielleicht 2000 Wörter beschränkt. Ein Deutscher spricht gefühlt mit dem zwei- oder dreifachen Wortschatz. Ich musste mich gut vorbereiten. Denn wer in den Interviews unbeholfen tönt, wirkt weniger glaubwürdig. Allerdings ist zu sagen: Auch die Mainzer sind mit ihrem rhein-hessischen Dialekt nicht immer leicht zu verstehen (lacht).

Bevor Sie im Februar 2015 zum Cheftrainer befördert wurden, kannte Sie die Öffentlichkeit kaum. Von einem Reporter wurden Sie in einer Strassenumfrage zufällig sogar nach Ihrem Wunschtrainer befragt. War diese relative Anonymität die perfekte Ausgangslage für einen Start in der Bundesliga?
Ich denke schon. Denn so konnte ich mich langsam an die neuen Verhältnisse gewöhnen. In Thun genügte oft ein Telefongespräch, um die Journalisten zufriedenzustellen. Bei der U23 von Mainz in der dritten Liga waren jeweils ein halbes Dutzend Reporter zugegen. Bei den Auswärtsspielen gegen Traditionsvereine wie Dresden, Duisburg oder Bielefeld spielten wir allerdings vor bis zu 30 000 Zuschauern. So erhielt ich einen Vorgeschmack, was mich später einmal erwarten könnte. Ich rechnete jedoch nicht damit, dass ich gleich eine Chance in der Bundesliga erhalten würde. Ich dachte eher, dass sich irgendwann vielleicht ein Klub aus der zweiten oder dritten Liga melden würde. Als die Möglichkeit kam, hatte ich aber einen klaren Plan. Mein Credo lautet: Vorbereitung trifft Gelegenheit. Und als Mainz mir die Chance bot, war ich gut vorbereitet.

Mussten Sie sich als Trainer neu erfinden?
Nein. Ich habe mein Handwerk von der Pike auf gelernt – und mir im Rahmen der Ausbildung zur Uefa-Pro-Lizenz ein sehr breites Wissen angeeignet – was die trainingswissenschaftlichen, sportmedizinischen, psychologischen und spieltaktischen Belange betrifft. Der Standard der Trainerausbildung in der Schweiz ist sehr hoch. Doch man wird eher auf die Schweizer Verhältnisse vorbereitet. In Deutschland ist der Stellenwert des Fussballs um ein Vielfaches grösser. Auch deshalb war die Herausforderung im medialen Bereich gross. Als Bundesligatrainer wirst du einmal umgedreht – und alle wollen alles von dir wissen.

Martin Schmidt startet mit Mainz 05 in die Bundesligasaison 2015.

Martin Schmidt startet mit Mainz 05 in die Bundesligasaison 2015.

Sind Sie ein Showman?
Nein – definitiv nicht. Ich bin zwar ein kommunikativer Mensch und den Medien gegenüber offen. Aber ich konzentriere mich auf jene Dinge, die in meinem Beruf entscheidend sind.

Und die wären . . .
. . . Sozialkompetenz, Führungsqualität, Psychologie – und die Freude, mit Menschen zu arbeiten. Die Rolle des Trainers ist komplex. Denn ich muss Menschen von meinen Ideen überzeugen, die in ihrer Heimat Nationalspieler und Stars sind. Da braucht es Überzeugungskraft. Ich bin ein kollegialer Trainer, der nahe beim Team steht. Aber ich setze auch klare Strukturen und Regeln, die jeder einhalten muss.

Martin Schmidt gibt im Training der Mainzer Anweisungen.

Martin Schmidt gibt im Training der Mainzer Anweisungen.

Können Sie Beispiele nennen?
Es ist für mich wichtig, dass die Mannschaft morgens immer gemeinsam frühstückt. In der Garderobe begrüssen wir uns per Handschlag. Wir verlassen den Platz immer gemeinsam. Auch der Umgang mit den Handys ist genau geregelt. Letztlich ist es wie in einer Familie. Nur wenn jeder die Regeln einhält, ist ein erfolgreiches Zusammenleben möglich.

Apropos Zusammenleben. Plötzlich interessiert sich die halbe Welt für Martin Schmidt. Wie gehen Sie damit um? Wo ziehen Sie die Grenzen?
Wenn es um mein Privatleben geht. Das bleibt tabu. Für Homestorys und private Geschichten stehe ich nicht zur Verfügung. Ich will mein Umfeld – aber auch mich selber schützen. Es wäre ein falsches Signal, wenn ich mich als relativ neuer Trainer in der Bundesliga in Hochglanzmagazinen präsentieren würde.

In den Medien wurden Sie fälschlicherweise auch schon als früherer Schafhirte und Bergsteiger bezeichnet. Woher kommen diese Fantasien?
Das muss wohl an meiner Herkunft liegen – oder daran, dass in Naters ein Martin Schmid lebt, der tatsächlich Schafe besitzt. Aber es stimmt, dass ich als Kind die Sommer mit meiner Familie auf der Alp verbracht und geholfen habe, die Kühe des Grossvaters zu sömmern. Ich fahre fürs Leben gerne Ski und bin auch Mitglied des Jodlerklubs Ahori Brig-Glis. Aber weil ich momentan bei den Proben nicht dabei bin, darf ich nicht auftreten. Im Jodeln zählt der Leistungsgedanke genauso wie im Fussball . . .

Aber dass Sie sieben Kreuzbandrisse erlitten haben, ist richtig?
Ja, vier links und drei rechts. Sport ist für mich Begeisterung und Leidenschaft. Und Leidenschaft – das sagt der Ausdruck – kann wehtun, Leiden schaffen. Wer das Limit sucht, kann auch darüber hinausgehen. Und das habe ich mehrmals erlebt.

Als Fussballer waren Sie eher ein Mann fürs Grobe – ein unnachgiebiger und laufstarker Aussenverteidiger. Würde der Trainer Schmidt dem Spieler Schmidt eine Chance geben?
Selbstverständlich. Solche Typen braucht es. Es gibt Spieler, die überzeugen mit Technik, Kreativität und Dynamik. Andere sind eher wegen ihres Willens, Laufstärke und Kampfkraft gefragt. Ich gehörte zur zweiten Kategorie. Eine Fussballmannschaft ist wie ein Mosaik, in der sich die verschiedenen Teile zu einem Ganzen zusammenfügen.

Klopp, Tuchel, Schmidt – Ihr Name in der Reihe der früheren Mainz-Trainer muss fast wie ein Traum tönen . . .
Für mich ist das ein grosses Kompliment. In jedem Fall zeigt die Trainerauswahl, dass man in Mainz nach einem bestimmten Schema arbeitet. Man setzt auf Trainer aus den eigenen Reihen. Nachdem der Versuch mit dem international erfahreneren Dänen Kasper Hjulmand gescheitert war, kehrte man zur alten Strategie zurück. Das war meine Chance . . .

Vor dem Winter-Trainingslager in Marbella legten sie zwei «Impulstage» zur Teambildung im Wallis ein. Wie hat die Mannschaft darauf reagiert?
Sehr gut. Es ging darum, Grenzen zu verschieben und Widerstände zu überwinden. Wir wanderten mit Schneeschuhen von Blatten-Belalp auf den 3000 Meter hohen Hochstock und biwakierten auf halber Strecke bei minus 10 Grad in Zelten. Ich sagte den Spielern, dass sie nur Ersatz-Thermowäsche, eine Zahnbürste und vielleicht ein Deodorant mitnehmen sollen. Wir duschten zwei Tage nicht. Da machten einige ganz grosse Augen.

Zum Verzweifeln: Der Schweizer Coach Martin Schmidt hadert mit einer Schiedsrichterentscheidung.

Zum Verzweifeln: Der Schweizer Coach Martin Schmidt hadert mit einer Schiedsrichterentscheidung.

Gehören solche Motivationsmassnahmen zu Ihrem Standard-Repertoire?
Ich habe eine ähnliche Tour schon mit dem FC Raron gemacht. Ich will die Spieler dazu bringen, dass sie durch Eigenleistungen Glück und Zufriedenheit finden – dass in ihren Köpfen neue Bilder entstehen: wie Spuren im Schnee hinterlassen oder eine Gipfelbesteigung als Ziel. In den Bergen gibt es immer neue Ziele. Wer auf einem 2000 Meter hohen Gipfel ist, sieht den 3000er vor sich – und dann den 4000er. Man muss immer höher hinauf wollen.

Das heisst, die Profis des FSV Mainz 05 lassen sich mit gleichen Mitteln motivieren wie die Zweitligakicker aus Raron?
Ja – in dieser Beziehung definitiv. In den Bergen sind alle gleich.

Zurück nach Mainz. Wie schmecken einem Walliser die lokalen Spezialitäten – Handkäse und Weisswein?
Ich war schwer beeindruckt von den grossflächigen Weinbergen am Rhein. Damit habe ich nicht gerechnet. Der Riesling ist gut, aber gegen den Fendant kommt er nicht an. Und der Handkäse mit Musik (eine spezielle Marinade/die Red.) ist eine grossartige Mainzer Spezialität. Darf ich wählen, bevorzuge ich aber ein Raclette mit Jodelgesang.

Auf die Fasnacht sind Sie vorbereitet?
Daran ist in Mainz kein Vorbeikommen. Und ich verbinde damit eine ganz persönliche Erinnerung. Es war der Rosenmontag 2015, als meine Anstellung als Cheftrainer beschlossen wurde. Damals dachte ich: Wenn ich am nächsten Rosenmontag noch Trainer bin, kann ich zufrieden sein.

Die Fasnacht ist auch für den Verein ein Muss.

Die Fasnacht ist auch für den Verein ein Muss.

Sind damit für Sie und Ihre Mannschaft gesellschaftliche Verpflichtungen verbunden?
Am Rosenmontag nimmt der Klub auf einem Wagen am grossen Umzug teil. Die Fasnacht spielt auch in der Klubidentifikation eine wichtige Rolle. Gegen Borussia Mönchengladbach trugen wir spezielle Trikots in den Mainzer Fasnachtsfarben Rot-Weiss-Blau-Gelb. Und wenn wir zu Hause ein Tor erzielen, ertönt immer der Narrhalla-Marsch. Dass uns die gegnerischen Fans als Karnevalsverein bezeichnen, betrachten wir als Wertschätzung . . .

Sie besitzen einen Vertrag bis 2018. Das ist im Profifussball fast eine Ewigkeit . . .
Das ist vor allem ein immenser Vertrauensbeweis und ein Zeichen von Respekt und Wertschätzung. Es setzt aber auch den Anspruch an mich. Ich werde alles dafür tun, dass ich diesen Vertrag erfüllen kann. Selbstverständlich ist das aber nicht. Es kann schnell gehen im Fussball.

Wo ist Martin Schmidt in zehn Jahren? Trainer von Bayern München oder doch auf einer Alp beim Schafe hüten?
Wohl weder noch. Träume begrenzen die Perspektiven. In zehn Jahren bin ich im Wallis, schraube an meinen Autos und fahre Ski. Aber wie es rauskommt, weiss man nie. Als ich nach Thun ging, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich je in Mainz lande. Und als hier die zweite Mannschaft trainierte, schien die Bundesliga unerreichbar. Jetzt geht es für mich darum, den guten Anfang zu bestätigen. Wenn ich am Rosenmontag 2018 noch immer Trainer des FSV Mainz 05 bin, habe ich einiges richtig gemacht.