Fussball
Lugano-Trainer Zeman geniesst die Beschaulichkeit des Tessins

Lugano-Trainer Zdenek Zeman predigt die Offensive auf und will seine Ruhe neben dem Spielfeld. Am Samstag spielt er mit seinem Team gegen Meister Basel (17.45).

Ruedi Kuhn
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Die Stars beim FC Lugano: Trainer Zdenek Zeman (links) und Präsident Angelo Renzetti. key

Die Stars beim FC Lugano: Trainer Zdenek Zeman (links) und Präsident Angelo Renzetti. key

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Setzt sich Angelo Renzetti etwas in den Kopf, zieht er es durch. Immer? Nein! Für den Präsidenten des FC Lugano war nach dem Abgang von Aufstiegstrainer Livio Bordoli klar: Ciriaco Sforza wird der Nachfolger. Nach zwei Verhandlungsrunden bekam Renzetti von seinem Wunschkandidaten einen Korb.

Der Hauptgrund für Sforzas Absage? Der frühere Trainer des FC Wohlen war skeptisch. Er spürte Unruhe rund um Lugano. Renzetti besass vor kurzer Zeit nur 60 Prozent des Aktienpakets. Mit im Boot sass Spielervermittler Pablo Betancur. Ihm gehörte der Rest der Anteile. Der undurchsichtige Peruaner wollte in erster Linie seine Spieler bei Lugano platzieren. Gegen Ende der vergangenen Saison hatten Renzetti und Betancur Unstimmigkeiten. Es kam zum Machtkampf, zum Bruch. Heute ist der Präsident dank Unterstützung von Mäzenen und Sponsoren wieder im Besitz des ganzen Aktienpakets und regiert den Klub quasi im Alleingang.

Ein Trainer der alten Schule

Natürlich war Renzetti über die Absage Sforzas enttäuscht. Auf den Tatendrang des Architekten und Bauunternehmers hatte der Rückschlag keinen Einfluss. Im Gegenteil. Renzetti erfüllte sich kurze Zeit später einen Traum.Und holte mit dem 68-jährigen Zdenek Zeman einen der ganz grossen Serie-A-Trainer ins Stadio Cornaredo. «Zeman ist ein Trainer der alten Schule, der von den Spielern viel Härte und absolute Disziplin fordert», erklärt Renzetti. «Dass er innerhalb des Teams trotz strenger Führungsprinzipien den Funken springen lässt, ist grossartig. Und die Fans lieben ihn, weil er innerhalb kürzester Zeit ein Feuer entfacht hat.»

Zwei Stars beim Aufsteiger

Nun gibt es bei Lugano also zwei Stars: Zum einen Boss Renzetti, der neben dem Spielfeld uneingeschränkt das Sagen hat, gerne mal Sportdirektor spielt und stets nahe bei der Mannschaft ist. Zum andern Kulttrainer Zeman, der den Schweizer Fussball zwar nur vom Hörensagen kennt, diesen aber trotz erobern will. Nicht etwa mit Betonfussball, nein, Zeman predigt die Offensive und lässt Lugano wie fast all seine bisherigen Vereine mit einem 4-3-3-System spielen. Dabei ist es dem Italiener tschechischer Abstammung egal, ob der Gegner FC Basel, YB, Thun oder Vaduz heisst. Der Erfolg gibt ihm bis jetzt recht. Nach zwei 1:0-Siegen gegen Vaduz und die Young Boys hat Super-League-Aufsteiger Lugano nach fünf Spielen sechs Punkte auf dem Konto.

Ohne Fussball macht das Leben keinen Spass

Der gute Saisonstart ist für Zeman kein Grund zum Feiern. «Zeman wohnt alleine im Hotel in Lugano. Er ist unnahbar, zeigt sich nur wenig in der Öffentlichkeit, gibt kaum Interviews und gewährt keine Einblicke in seine Privatsphäre», sagt Marcio Mellini, Chefredaktor der Tageszeitung «La Regione». Dass sich Zeman noch das Abenteuer Super League einlässt, hat Gründe: Ohne Fussball macht ihm das Leben keinen Spass. Zudem sollen er und seine zwei Assistenten für ihr einjähriges Engagement rund eine halbe Million Franken bekommen. Und, ganz wichtig, im Tessin hat er seine Ruhe. Wie sagte Zeman unlängst: «Mein Telefon funktioniert hier nicht. Ich habe nur Kontakt zur Familie und muss mich nicht mit all den italienischen Journalisten herumschlagen, die Tag für Tag eine Polemik nach der andern entfachen wollen.»