"Alles, was jetzt noch kommt, ist für mich ein Bonus", sagt Lucien Favre wenige Tage vor dem Bundesliga-Auftakt zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Seit über zwölf Jahren ist der ehemalige FCZ-Maestro im Ausland engagiert. Berlin, Mönchengladbach und Nice navigierte er mit vergleichsweise wenig Transfergeld aus dem Mittelmass, in Dortmund ist die sportliche und finanzielle Ausgangslage eine andere. Nur der FC Bayern wirtschaftet eine Etage höher, für Favre kommt der bedeutendste Erfolg seiner Laufbahn trotzdem infrage: die Meisterschale mit Dortmund.

Dortmund ist nach einer smarten Transfer-Offensive gut aufgestellt, sehr gut sogar. Der BVB wirkt austariert und strahlt nahezu flächendeckend Optimismus aus. Die Nummer 2 der letzten Saison tourte ohne Energieverlust durch die USA, in der Vorbereitung überrollte sie die Gegner, selbst den Champions-League-Sieger Liverpool - sieben Siege, 34:5 Tore. Dem Supercup-Statement gegen den Titelhalter Bayern (2:0) folgte die unspektakulär souveräne Zweitrunden-Qualifikation im DFB-Pokal.

Die Dortmunder leisteten sich seit der Sommerpause keinen Wackler, derweil sich die Konkurrenz aus dem Revier und im fernen Süden primär auf Nebenschauplätzen von einer Bredouille in die nächste manövriert. Die Borussia dagegen positioniert sich und bekennt kräftig Farbe. Wichtige Exponenten, unter ihnen Klubchef Hans-Joachim Watzke, Sportchef Michael Zorc und der neue Abwehrpatron Mats Hummels, äussern ihre Titelambitionen öffentlich dezidierter als in den letzten Jahren.

Einer hingegen sagte schon im letzten Mai: "Ich muss nicht zusätzlich für Wirbel sorgen." Lucien Favre, der Stratege, der den taktischen Background verantwortet, der nun auch in Buchform verewigte Bessermacher. Der 61-jährige Schweizer wird in seiner 29. Trainersaison erheblichen Druck auszuhalten haben. Die Erwartungshaltung der über 155'000 Klubmitglieder ist gigantisch, der Verein mit dem höchsten Zuschaueraufkommen Deutschlands träumt von der ersten Liga-Trophäe seit dem Ende der goldenen Ära von Jürgen Klopp.

"Es war okay"

Vielleicht trat Favre auch deshalb auf die Euphoriebremse, als einige Beobachter das 2:0 im DFL-Gipfeltreffen gegen den Meister zum Beginn einer möglichen Trendwende verklärt hatten. "Es war okay." Keine Überinterpretation, keine Überhitzung seinerseits. Auch Marco Reus' Wahl zum Spieler des Jahres löste beim Coach keinen emotionalen Ausnahmezustand aus. "Schön und sehr gut für ihn, aber ich schaue bereits in die Zukunft."

Dass er sich selber Tag und je nach Bedarf auch nachts mit den nächsten Etappen seines Dortmunder Wegs befasst, erwähnt der Westschweizer nicht. Er sitzt nach einem weiteren intensiven Testtag in einem Office im Stadtteil Brackel; dort ist die Trainingsbasis Dortmunds angelegt, dort gibt es nicht nur millionenschwere Umbaupläne zur Erneuerung der Infrastruktur, im BVB-Zentrum entwirft Favre Passbilder, Spielabläufe, neue Formeln; er filtert aus 1000 Eindrücken das Wesentliche heraus.

Seit Anfang der Neunzigerjahre vertieft sich der Coach mit dem Fundus von mittlerweile 262 Bundesliga-Partien in die Materie. Überraschen lässt sich Favre praktisch nie. Er befasst sich seit Dekaden mit einer unerhörten Vehemenz und Aufmerksamkeit mit den globalen Entwicklungen im Fussball. Seine Methodik ist immer up to date. In einem längeren Gespräch mit der Agentur Keystone-SDA bestätigte er die Aussenwahrnehmung: "Man sollte als Coach nie das Gefühl haben, alles zu wissen. Ich kann jeden Tag etwas Neues lernen."

Und immer wieder schafft es der einstige Hospitant und Verehrer der verstorbenen Barcelona-Ikone Johan Cruyff, die statistischen Prognosen zu übertreffen. In der abgelaufenen Kampagne gewann der BVB 13 Punkte mehr als erwartet. Am Ende seiner ersten Saison in Nizza resultierten sogar mehr als 24 Punkte mehr als in den mathematischen Erhebungen (Expected Points), die auf fundierten Erfahrungswerten basieren.

Das innere Feuer brennt immer

Von ungefähr kommen die positiven Zahlen nicht. Die 1,66 Punkte im Schnitt seiner zehn Bundesliga-Jahre hat sich Favre erarbeitet. Mit stundenlangen Zusatzschichten vor dem Videogerät. Das innere Feuer brennt immer. Selbst in einer ruhigen Minute in seinem Waadtländer Wohnsitz St. Barthélemy zückt er dann und wann einen Kugelschreiber, notiert sich zwei, drei wichtige Stichworte.

"Sie müssen nicht übertreiben." Favre will partout keine Schlagzeilen deswegen. "Auch andere haben viel zu tun." Das boulevardeske Klischee vom Professor, der sich bis zur seelischen Erschöpfung im eigenen Testlabor verbarrikadiert, goutiert er sowieso nicht. "Ich bin voller Elan und gut erholt. Meine Batterien sind gefüllt", meldet er aus dem Ruhrpott.

"Die Balance stimmt." Er meint seine eigene Verfassung. Zutreffend ist die Einschätzung Favres aber auch auf den exzellenten Formstand seiner Equipe. Gespannte Ruhe, eine geballte Ladung Zuversicht, gute Gefühle - und enorm viel Lust auf eine Spielzeit, in der der bemerkenswert selbstbewusste BVB den siebenjährigen Münchner Monolog beenden will.