Im Sommer 1970 flackerte in Saint-Barthélemy ab und an mitten in der Nacht ein kleiner TV-Schirm. Vor dem Gerät sass ein aufgeregter Bub und bewunderte die brasilianischen Stars: Lucien Favre, 13-jähriger Junior beim FC Oulens, schon damals ein Fussball-Gourmet. Die WM in Mexiko zog ihn magisch an, in die beispiellose Spielkunst der Südamerikaner vertiefte sich der Schüler regelrecht; ihre Einflüsse spielen bis heute eine Rolle.

Immer wieder spielte oder trainierte Favre mit Brasilianern zusammen. José Sinval war ein langjähriger Weggefährte, mit dem brillanten Duo César und Raffael gewann er als Coach in Zürich seine ersten Meistertitel; Raffael begleitete ihn später nach Berlin und Mönchengladbach. "Nur Zufall", lächelt Favre.

Neuer Trainer von Borussia Dortmund: Lucien Favre

Neuer Trainer von Borussia Dortmund: Lucien Favre

Der famosen Seleção folgt der Romand inzwischen seit Jahrzehnten. "Ich kenne ihre Geschichte sehr, sehr gut", sagt er zur sda. Die Namen der dritten Goldenen Generation fallen ihm ein, als hätten sie vor ein paar Tagen letztmals gezaubert: "Pelé stürmte mit Tostão, Jairzinho machte Druck am rechten Flügel, Rivelino im linken Mittelfeld, zentral war Gérson der Chef, neben ihm schirmte Clodoaldo ab. Captain Carlos Alberto kam in der Defensive rechts aussen zum Zug, auf der anderen Seite spielte Everaldo, und im Zentrum verteidigten Brito und Piazza, im Tor stand Félix."

Die womöglich beste und spektakulärste Ausgabe des Rekordweltmeisters hat ihn inspiriert. "Sie haben alles gewonnen, im offensiven Bereich konnte sie niemand stoppen." Auch an taktische Details erinnert sich der inzwischen 60-jährige Stratege: "Dank ihrem 4-2-3-1-System mit den beiden falschen Stürmern Pelé und Tostão waren sie perfekt organisiert. Coach Mario Zagallo hatte am Erfolg einen erheblichen Anteil."

In Spanien 1982 und erneut in Mexiko schieden die Brasilianer verhältnismässig früh aus. Für das Scheitern der Taktgeber Zico, Sócrates und Falcão hat Favre eine plausible Erklärung zur Hand: "Die Ergebnisse täuschen, die Mannschaft überzeugte an beiden Endrunden. Nur ein Stürmer der obersten internationalen Kategorie fehlte." Der deutlich verpasste Titelgewinn ändert in der Retrospektive nichts an seiner persönlichen Wahrnehmung: "Das war Weltklasse!"

Später führten Ronaldo und Ronaldinho die nächsten Weltmeister-Equipen an: "Sie prägten Brasilien." 16 Jahre nach dem Finalsieg gegen Deutschland freut sich Favre auf ein Team, "das wieder zum engen Kreis der Favoriten gehört. Mit dem früheren Brasilien ist es aber nicht zu vergleichen. Die Mannschaft ist anders gebaut - basierend auf einem momentan klaren 4-3-3."

Lucien Favre.

Lucien Favre.

Oft habe er sie in Europa nicht spielen gesehen, sagt Favre. Die "vielen Persönlichkeiten" sind ihm aufgefallen, die diversen Champions-League-Sieger, die Superstars aus den Topligen. Und die offensichtliche Bereitschaft, eigene Interessen zu Gunsten des Kollektivs zurückzustellen, gefällt ihm. "Die Balance, der Realismus tut ihnen gut."

Auf Neymar ist der Westschweizer Trainer besonders gespannt. Er sei innerhalb einer überaus soliden Auswahl die prädestinierte Figur für den Unterschied. "Er ist das Plus, ein grosser Spieler. Er kann im 1:1 die Differenz erzwingen. Wenn er sein Toplevel erreicht, wird es für die Gegner schwierig. Neymar öffnet seinen Kollegen mit seinen Dribblings enorm viele Räume."

In der vergangenen Ligue-1-Saison verpasste der 222-Millionen-Mann beide Duelle mit Favres Ex-Verein OGC Nice, studiert hat der Vaudois den weltweit teuersten Fussballer gleichwohl ausgiebig. Im linken Couloir entfalte Neymar eine beeindruckende Wirkung, sein Repertoire sei kolossal: "Er ist im Prinzip ein falscher Flügel, eine falsche Nummer 10 und eine falsche Neuneinhalb."