Ganz Basel graute vor dem Gedanken, dass man Sofa-Meister werden könnte. Sie kennen nichts anderes. Wie ist es?

Luca Boller: (lacht) Ich spiele gar nicht auf dem Sofa. Das unterscheidet mich von einem «normalen» Gamer, der mal am Abend gerne spielt. Vielleicht noch in Trainerhose vor dem Grossbildschirm. Ich hätte grosse Nachteile, wenn ich so spielen würde.

Wie spielen Sie denn?

Ich sitze am Schreibtisch, habe die Konsole an einen Monitor mit schneller Übertragungszeit angeschlossen. Da muss man das Maximum rausholen, sonst hat man ein Handicap.

In was?

Der Monitor ist zentral, vor allem die Übertragungszeit. Da muss das Beste vom Besten her. Ein grosser Bildschirm wäre nur von Nachteil, man muss alles auf einen Blick sehen. Auch ein guter Controller ist wichtig und ein Gamer-Stuhl.

Ein Gamer-Stuhl?

Ja, die sind ähnlich wie Rennsitze für ein Auto. Es muss ein Stuhl sein, der möglichst verhindert, dass man Rückenschmerzen bekommt bei einer längeren Session.

Jetzt mal ehrlich, Sie drücken ein bisschen am Controller rum. Das ist doch kein Job!

Schauen Sie, ich arbeite zu 80 Prozent bei einer Bank im Backoffice, auch da könnte der Eindruck entstehen, ich würde nur irgendwelche Knöpfe auf der Tastatur drücken. Es ist immer die Frage, was man damit macht. In der Bank verarbeite ich etwas. Beim Fifa spielen auch. Die Augen sind auf dem Spielfeld, ich analysiere, treffe innert Kürze Entscheidungen. Ich sehe keinen Unterschied, für mich ist es ein Job.

Wie in einem normalen Job stehen auch Sie unter einem gewissen Druck. Basel erwartet den Meistertitel von Ihnen. Sonst könnten Sie den Job schnell los sein. Wie gehen Sie damit um?

Der FCB hat mich bewusst ausgewählt, weil ich während der letzten fünf Jahre konstant vorne mit dabei war. Aber auch bei uns gehören Niederlagen dazu, es gibt keine Erfolgsgarantie. Die aktuelle Fifa-Schweizer-Meisterschaft könnte spannender werden als der echte Fussball in manchen Ligen. Die Szene in der Schweiz ist klein, aber ganz vorne, unter den Topspielern, sind die Unterschiede minim. Es gehört auch Glück dazu.

Inwiefern?

Man kann vieles steuern, die Taktik, die Aufstellung, die Wechsel. Aber letztlich kontrolliere ich einen von elf Spielern, den Rest steuert der Computer. Aber ich mache mir keine Sorgen. In den letzten Jahren hat es immer geklappt.

Und Sie haben ja nun auch mehr Zeit zum Trainieren?

Natürlich. Aber für mich stellt sich auch die Frage, wo ich den Schwerpunkt lege: Bei der SM im Oktober mit einem Preisgeld von 15'000 Franken oder bei der WM, wo es um 300'000 Dollar geht.

Warum spielt das eine Rolle?

Weil in unterschiedlichen Modi gespielt wird. Da bereitet man sich unterschiedlich vor.

Wie sind Sie eigentlich zum Gamen gekommen?

Durch meinen Vater. Ich war fünf Jahre alt, als ich ihn beim Gamen sah und auch mitspielen wollte. Er hat es nie vor mir verborgen, aber anfänglich gab er mir einen Controller, steckte ihn aus und spielte gegen den Computer. Das hat er mir Jahre später erzählt (lacht).

Und wann haben Sie ihn erstmals weggefegt?

Ich war wohl acht oder neun Jahre alt. Ich habe bei Papi erstmals gespielt und dann meine Mutter genervt, ich wolle auch eine Playstation. Bis ich eine kriegte. Dann übte ich. Ich war zehn, als sich mein Vater fragte: Warum ist denn der so gut?

Wie kam das?

Ich spielte an einem Turnier während der WM 2006 in einer Videothek bei uns in der Gegend. 32 Leute nahmen teil, ich war zehn, alle anderen zwanzig und älter. Aber ich gewann. Danach rief ich meinen Vater an und sagte ihm, ich hätte eine Xbox gewonnen, die Siegprämie dieses Turniers.

Und Ihre Mutter?

Sie hat mir immer gesagt, dass zuerst die Schule komme. Es kam schon mal ein «Das gibt viereckige Augen». Aber die Konsole hat sie mir eigentlich nie weggenommen.

Was muss man denn mitbringen, wenn man das Gleiche machen möchte wie Sie?

Ein gewisses Talent hilft immer. Und dann ist es vor allem eine Frage der Übung. An Turnieren muss man auch mental stark sein, darf nicht nervös werden. Muss die Zuschauer ausblenden können, die Emotionen im Griff haben.

Sind Sie impulsiv?

Zum Glück nicht. Mein Controller flog bisher erst einmal durch meinen Trainingsraum.

Sie haben einen Trainingsraum?

Ja, den teile ich mit meinem besten Kollegen. Er ist eSportler beim FC St. Gallen und mein Trainingspartner.

Sie haben keinen Trainer?

Nein, wir trainieren uns gegenseitig. Geben uns Tipps. Tüfteln.

Und wo gehen Sie ins Trainingslager?

Bei mir ist Trainingslager angesagt, wenn das neue Fifa im September rauskommt. Dann nehme ich eine Woche Ferien und gehe in den Trainingsraum.

Warum?

Jedes Jahr verändern sich kleine Dinge. Letzten Herbst zum Beispiel kam die Möglichkeit hinzu, flach zu schiessen. Gute Spieler erzielen heute fast 90 Prozent der Tore mit Flachschüssen.

Und dann zocken Sie 24 Stunden am Tag?

Nein, fünf, sechs Stunden. Mehr bringt es nicht. Im Schnitt komme ich wohl so auf drei Stunden pro Tag.

Bewegen Sie sich eigentlich auch?

Ja, ich spiele selbst Fussball. In der vierten Liga, bescheidenes Niveau. Aber ich brauche auch Bewegung und Abwechslung. Genauso wie ich auch darauf achte, was ich esse.

Wie bitte?

Ich gehe am Turniertag nie zum Chinesen. Weil ich weiss, dass mein Magen sonst durchdrehen könnte.



Lesen Sie ausserdem:

Immer mehr Schweizer Klubs nehmen eSportler unter Vertrag – kommt jetzt die virtuelle Meisterschaft?