Van Gaals Universum
Louis van G(eni)aal – der neue König von Holland

Trainer Louis van Gaal könnte Holland den ersten Weltmeistertitel bescheren. Mit diesem Ziel reiste er bereits nach Brasilien, während man in der Heimat darüber lachte. Jetzt spielt er mit Holland gegen Argentinien und denkt an Manchester.

Markus Brütsch, São Paulo
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Dass er wegen seiner Strenge Tulpengeneral oder Diktator genannt wird, passt Louis van Gaal.GEORGI LICOVSKI/Keystone

Dass er wegen seiner Strenge Tulpengeneral oder Diktator genannt wird, passt Louis van Gaal.GEORGI LICOVSKI/Keystone

EPA

São Paulo am Dienstag. Hektik im Mannschaftshotel der Holländer. Louis van Gaal sitzt in seiner Suite und bespricht mit Assistenztrainer Patrick Kluivert das Abschlusstraining. Das Handy surrt. Ryan Giggs wünscht für den Halbfinal gegen Argentinien viel Glück und will wissen, ob für Donnerstag zwei oder drei Trainings vorgesehen sind.

So könnte es gestern Nachmittag gewesen sein. Van Gaal will Holland in den WM-Final führen und muss Manchester United fit machen.

Der 62-Jährige ist eben dabei, den Gipfel einer langen Trainerkarriere zu erklimmen. Zwei Siege noch, und van Gaal hat das Kunststück vollbracht, der Elftal den ersten Weltmeistertitel zu bescheren.

Es wäre ein Wunder angesichts der radikalen Verjüngungskur, die er im Sommer 2012 eingeleitet hatte. Als er nach einer missglückten ersten Amtsperiode zum zweiten Mal Bondscoach geworden war.

Die Experten in der Heimat hatten dem Team um die Routiniers Arjen Robben, Robin van Persie, Wesley Sneijder und Dirk Kuyt zwar Talent und eine gute Zukunft prophezeit, niemals aber eine solch erfolgreiche WM.

Doch van Gaal hatte wieder einmal sein exzellentes Auge für junge Talente unter Beweis gestellt. Wie damals beim FC Barcelona, als er mit der Hilfe seines Assistenten José Mourinho den blutjungen Xavi und Iniesta zum Durchbruch verholfen hatte.

Oder als er beim FC Bayern München der grosse Förderer des Youngsters Thomas Müller gewesen war. «Jetzt fliegen wir nach Brasilien, um Weltmeister zu werden», hatte van Gaal dann nach den ungeschlagen absolvierten WM-Qualifikationsspielen grossmundig angekündigt.

Ja, ja, sagten sie in Holland, so ist er eben, unser Louis. An Selbstvertrauen hat es diesem noch nie gefehlt. «Unsere Taktik war ein grosser Erfolg», hatte er sich am Samstag nach dem 4:3 im Penaltyschiessen gegen Costa Rica selbst gelobt.

Nachdem er kurz vor dem Ende der Verlängerung Penaltyspezialist Tim Krul ins Tor beordert hatte. Van Gaal hat sein Licht noch nie unter den Scheffel gestellt.

Vor dem Amtsantritt bei Bayern München hatte er gesagt: «Ich passe zu diesem Klub wie ein warmer Mantel. Mia san mia, und ich bin ich.»

Sein Fussballlehrbuch hatte er mit den Worten bewerben lassen: «Willst du auch klug werden und keine dummen Fragen mehr stellen? Dann bestell hier das Buch von Louis van Gaal.»

Aufgewachsen in einer erzkatholischen Familie als letztes von neun Kindern, wurde Aloysius Paulus Maria van Gaal streng erzogen. Er soll selbst dann noch vom Vater den Hintern versohlt bekommen haben, als dieser nach einem Schlaganfall längst bettlägerig geworden war.

Auch war es Tradition, dass man die Eltern siezte; etwas, was Louis van Gaal auch heute noch von seinen beiden erwachsenen Töchtern einfordert. «Ich bin dennoch ein Familienmensch», sagt der 62-Jährige, der früh seine erste Frau an Krebs verloren hatte.

Tulpengeneral oder Diktator

Seine Karriere als Spieler war mittelmässig gewesen, grossartig aber jene als Trainer. Dreimal Meister in Holland, zweimal in Spanien, Doublegewinner in Deutschland und Gewinner der Champions League mit Ajax – eine Bilanz, die seine Aussage rechtfertigt: «Ich bin ein sehr guter Trainer.»

Dass er wegen seiner Strenge Tulpengeneral oder Diktator genannt wird, passt ihm nicht. «Ich bin ein Kommunikator und kann gut mit Menschen umgehen», sagt van Gaal, der nach dem Titelgewinn mit Bayern den Leuten sogar hatte klarmachen wollen, dass er auch ein Feierbiest sei.

Vor allem aber ist er ein Mensch, der oft aneckt, noch bei jedem Klub eine Konfrontationsphase erlebt und in der holländischen Legende Johan Cruyff einen Erzfeind hat.

«Das Personal neu zu sortieren, ist ein wichtiger Bestandteil meiner Philosophie», sagt van Gaal. Das hatte bei Bayern sein Landsmann und Captain Mark van Bommel zu spüren bekommen, der mitten in der Saison im Streit abgehauen war.

Mit dem Kopf auch bei ManU

Das Personal wird derzeit auch bei Manchester United neu sortiert. Von Brasilien aus. Obwohl Van Gaal vor vier Jahren noch gesagt hatte, die Premier League sei nicht seine Welt, weil sich die Spieler viel zu sehr auf ihr Privatleben fokussierten, hat er bei den Red Devils einen Dreijahresvertrag unterschrieben.

Aus Südamerika treibt er die Kaderplanung – auf seiner Liste soll auch der Schweizer Ricardo Rodriguez von Wolfsburg stehen – voran.

Seinen Assistenten Albert Stuivenberg lässt er in Manchester zusammen mit Ryan Giggs das Training leiten. Zum Erstaunen der Profis liess er schon am zweiten Tag ein Abendtraining ansetzen.

Es wäre ein gewaltiger Triumph, sollte er nächste Woche als Weltmeister zum Dienstantritt nach Manchester kommen.

Van Gaal sieht gute Chancen, zumindest einmal den Final zu erreichen: «Ich denke, dass wir gegen die Argentinier unsere Möglichkeiten haben. Gegen Belgien haben sie ein Glückstor geschossen und danach nur noch verteidigt.»